Between the Lines

Als drittes Geschlecht bezeichnet man in Indien die so genannten Hijras, Eunuchen, die es seit Jahrhunderten gibt und die ebenso lange am Rande der Gesellschaft leben. Thomas Wartmans Dokumentarfilm begleitet die Fotografin Anita Khemka auf ihrer Suche nach dieser anderen Welt und führt den Zuschauer auf eine faszinierende Reise in die Subkulturen des modernen Indiens.

Webseite: www.stardust-filmverleih.de

Deutschland, Indien 2005
Regie: Thomas Wartman
Buch: Thomas Wartman
Kamera; Thomas Riedelsheimer
Schnitt: Thomas Riedelsheimer
Musik: Nils Kacirek
Darsteller: Anita Khemka, Laxmi, Rhamba, Asha
96 Minuten, Format 1:1,85
Verleih: Stardust Filmverleih
Kinostart: 31. August

PRESSESTIMMEN:

Eine bildgewaltige Dokumentation über Indiens drittes Geschlecht, die Hijras… Dem Münchner Regisseur Thomas Wartmann ist ein tiefer Einblick in diese fremde und befremdliche Welt zwischen Mystik, Spiritualität und Prostitution gelungen. Kameramann Thomas Riedelsheimer zeichnet ein realistisches und zugleich poetisches Bild einer schrill-düsteren Subkultur.
Der Spiegel

Pressestimmen auf film-zeit.de hier…

FILMKRITIK:

Die wichtigste und beste Entscheidung, die Thomas Wartman traf, ist eine grundlegende, aus der die Qualität des Films resultiert: Einen Film über die Hijras zu machen, widerstrebte ihm aus den offensichtlichen Gründen, dass ein solcher sich kaum ohne unangemessenen Voyeurismus realisieren ließe. Abgesehen davon wäre ihm als Ausländer und Mann ohnehin der Zugang zur Welt der Hijras verborgen geblieben. In vielfacher Hinsicht ist die Entscheidung, die Fotografin Anita Khemka als Subjekt in den Film einzubinden, Grundvoraussetzung für den Erfolg. Als Inderin und Frau, die sich aufmacht, Hijras zu fotografieren, ihre Welt kennen und ihre Ansichten verstehen zu lernen, ist sie gleichzeitig Stellvertreter des Regisseurs und des Publikums. In vielen Momenten, wenn sie mit einer Hijra über deren Entscheidung sich kastrieren zu lassen, über ihr hartes Leben auf den Straßen Bombays, aber auch ihre Ziele und Träume redet, scheint Khemka ebenso interessiert und überrascht zu sein, wie der Zuschauer selbst. Vor allem aber scheint selbst ihr, der Inderin, einer modernen, emanzipierten zwar, aber dennoch mit dem archaischen Kastensystem, das sich trotz aller gesellschaftlichen Entwicklungen nur langsam zurückbildet, das Leben der Hijras oft fremd und unverständlich zu bleiben.

Drei Hijras begleitet der Film, die auf unterschiedliche Weise leben. Laxmi scheint eine gewisse Distanz zu besitzen, lebt bei seinen Eltern, arbeitet einerseits als Choreograph von Bollywood-Filmen, andererseits als Prostituierte. Den endgültigen Schritt zur Hijra, die Kastration, will er nicht machen und so bleibt er selbst in einer Welt von Außenseitern immer etwas Außen vor.

Rhamba dagegen wurde mit zehn Jahren kastriert, lebt in einem Tempel in Bombay und arbeitet nachts als Go-Go-Girl und bettelt tagsüber. Neben der Prostitution scheint betteln bzw. eine Art erpressen von Almosen, eine der wenigen Arbeitsmöglichkeiten der Hijras zu sein.

Auf diese Weise verdient auch Asha, die dritte der porträtierten Hijras ihr karges Brot. Sie zieht an den Stränden umher und verspricht verliebte Paare zu segnen, wenn sie ihr Geld geben und droht bei Weigerung damit, ihren Rock zu heben und damit ihre Kastrationswunde zu entblößen. Und so wie die jungen Paare ihr mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu begegnen, scheint ein Großteil der indischen Gesellschaft zu denken. Einerseits sind die Hijras beliebte Prostituierte, andererseits sind sie Diskriminierungen und gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt. Einerseits schwindet der Aberglaube in die vorgeblichen dunklen Kräfte der Hijras, andererseits gibt man gern Geld und Güter, um ein Neugeborenes von einer Hijra segnen zu lassen.

Wirklich verstehen oder gar erklären kann der Film die Welt der Hijras nicht, aber er schafft etwas viel schwierigeres: Einen Blick in eine vollkommen andere Welt zu werfen, neugierig zu sein, ohne indiskret zu werden, nah an seine oft unverstehbaren Subjekte zu gehen, ohne ihnen ihre Würde zu nehmen. Nicht zuletzt ist dies der Kameraarbeit von Thomas Riedelsheimer zu verdanken, der schon in seinen eigenen Dokumentarfilmen Rivers and Tide und Touch the Sound, ein großes Gespür für zurückhaltende, nichts desto trotz intensive Bilder gezeigt hat.

Michael Meyns