Battle in Heaven

Die skandalschwangere Film-Fabel von Carlos Reygades über Sex, Schuld und Sühne, Konventionen und Klassenpolitik in Mexiko sorgte bei den letztjährigen Filmfestspielen an der Canner Croisette für die heftigsten Kontroversen seit Jahren. Daß dieses naturalistische Drama durch seine subjektiv narrativen Stilmittel weder einen Sinn, noch durch die karge Bildgewalt eine Botschaft transportieren wollte, erkannten die wenigsten. Der Nachfolger von Japón wollte einfach nur erschüttern und provozieren. Die Kamera fungiert hier als voijeuristischer Täter, die Gefilmten sind die ungeliebten Opfer.

Webseite: www.neuevisionen.de

Mexiko/Belgien/Frankreich/Deutschland 2005
Regie: Carlos Reygades
Darsteller: Marcos Hernández, Anapola Mushkadiz, Bertha Ruiz, David Bornstien
Länge: 98 Min.
FSK: ab 18 Jahren
Verleih: Neue Visionen
Kinostart:20.7.2006

PRESSESTIMMEN:

Ein mit Laiendarstellern inszenierter Film, der die Sehgewohnheiten der Zuschauer unterläuft und durch die Wucht seiner elegisch-kargen Bildsprache nachhaltig provoziert. Der meisterhaft ausgeführte Kontrast zwischen religiösen Symbolen und den dokumentarischen Alltagsaufnahmen prangert soziale Gegensätze und sexuelle Degradierung an und schafft Raum für Kritik am mexikanischen Katholizismus, doch im Zentrum kreist der Film um die Möglichkeit von Erlösung, die er nachhaltig in Frage stellt. – Sehenswert.
film-dienst

Man kann Battle in Heaven lieben oder hassen, vergessen wird man Ihn nie.
Washington Post

FILMKRITIK:

Fellinis Face meets Fellatio? Oder einfach nur Sozialporno? Zugegeben: Schon die erste Blowjob-Szene ist kein heilsamer Anblick für misanthropische Melancholiker. Und auch der erste Anschein könnte trügerisch verwirren, denn das gar nicht mehr so obskure Objekt-Teil der Begierde – symbolisch begleitet von einer fließenden Träne der Betreiberin Ana (Anapola Mushkadiz) – erweckt zunächst den viel zu dunkelhäutigen Anschein; so, als wäre es zu lange von seinem Besitzer Marcos (Marcos Hernández) in der heißen Friteuse gebadet, oder durch einen plastischen Dummy aus Marzipan gedoubelt worden. Dabei illustriert im hellen, strahlend blau ausgeleuchteten Raum das langsame und alles erfassende (zähe) Kamera-Auge, schon vorab die genitale Genesis der gesamten Tragödie.

In Mexiko-Stadt hat der dickleibige Marcos als Angestellter des Polizeichefs (El Abuelo) die Aufgabe, täglich die Fahnenzeremonie zu überwachen. Nebenbei chauffiert er dessen hübsche Tochter Ana durch die Gegend. Nur Marco, in inniger Liebe zu Ana verfallen, ist über ihre gelangweilte Nebentätigkeit im exklusiven Bordell eingeweiht. Dafür gesteht er ihr, dass er mit seiner ebenfalls extrem fülligen Frau (Berta Ruiz) das verstorbene Baby der ebenfalls armen Nachbarin entführte, um das schnelle Geld zu machen. Nun wandelt der gutmütige Mann resigniert als Schatten seiner selbst durch das „Leben“ im Moloch der Millionenstadt mit seinen chaotischen Blechlawinen, der desolaten Architektur und den tristen Massenritualen von buchstäblich fettmutierten Menschen.

Die große Hoffnung auf Katharsis kommt einzig von Ana, die sich Marcos aus reinem Mitleid hingibt. Eine wundersame Bindung namens Beziehung kann es natürlich zwischen dem schweigsamen Proleten und der jungen Luxus-Schwalbe kaum geben. Klar, daß die Assimilationen aus Schuld und Vergebung, Vorwürfe und Vergebung zwangsläufig in die finale Katastrophe münden müssen.

Mündungs-Feuer dagegen kassierte Reygades für sein elliptisches, an Dostojewskis „Schuld und Sühne“ gemahnendes Gleichnis en masse: „Eher laienhafte Darsteller“ seien „ausgiebig in hart realistischen Sexszenen zu begaffen“, wetterte „Der Spiegel“, und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ philosophierte dagegen, dass sich „eine gewisse Hilflosigkeit angesichts dieser teilweise äußerst wirren Gemengelage aus mexikanischem Sittenbild, Stadtansichten, einer Geschichte um eine Kindesentführung mit Todesfolge und der Suche nach Erlösung breit“ mache. Mit dem Attribut “Pseudo-Sex-Skandal“ würzte die „Berliner Zeitung“ ein da ein wenig nach. Dabei hatte Reygadas schon in Cannes bekräftigt: „Mein Ziel ist es nicht, die Zuschauer zu erregen oder zu schockieren. Ich will Sex so filmen, wie er im wirklichen Leben stattfindet, verteidigte er die Rahmenhandlung seiner Film-Allegorie und die kühl kalkulierten Bilder voll der biblischen Motive, wie sie einstens Caspar David Friedrich (Szene:Marcos auf dem Berg am Kreuz) vormalte. Daß die Rezeption bei einem derartigen Wagnis anders gefiltert als gedacht wurde, hätte sich Reygadas freilich vorher denken müssen.

In der Tat verhält es sich eher so, als hätte Otto Dix das Story Board gezeichnet, Aki Kaurismäki das Set arrangiert, Robert Bresson die Kamera geführt, und David Lynch die Produktion übernommen. Dabei kann man getrost zugeben: Es sind keine heilsamen Anblicke für misanthropische Melancholiker…

Jean Lüdeke