Biutiful

Javier Bardem im neuen Film von Alejandro González Iñárritu („Amores perros“, „21 Gramm“, „Babel“), die Geschichte eines Mannes in Barcelona, der angesichts seines baldigen Krebstodes versucht, sein bisheriges Leben aufzuräumen. Zwischen ehrenwerten Absichten, einem guten Herzen und krummen Geschäften kümmert er sich um illegale Arbeiter, seine beiden Kinder und die Ex-Frau. Der ebenso poetische wie spirituelle Film von Iñárritu führt seine von Javier Bardem eindrucksvoll gespielte Hauptfigur trotz aller Verzweiflungen und Katastrophen zu einem versöhnlichen Ende.

Webseite: biutiful-derfilm.de

Regie: Alejandro González Iñárritu
Drehbuch: Alejandro González Iñárritu, Armando Bo, Nicolás Giacobone
Musik: Gustavo Santaolalla
Darsteller: Javier Bardem, Karra Elejalde, Blanca Portillo, Rubén Ochandiano, Eduard Fernández, Nicole Garcia, Martina García
Länge: 147 Min.
Verleih: Prokino
Kinostart: 10.03.2011
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Zwischen den Welten – selten passte eine Beschreibung besser auf eine Figur: Uxbal (Javier Bardem) spricht mit den Toten und ist selbst schon halbtot. Sein Krebs lässt ihm nicht mehr viel Zeit. Deshalb will Uxbal noch vieles erledigen, sich um vieles kümmern. Und es gibt viel, um das sich ein Mann in Barcelona kümmern kann. Da sind Schwarzafrikaner ohne Aufenthaltsgenehmigung, die von Uxbal gegen Geld vermittelt und dann von chinesischen Menschenhändlern ausgebeutet werden. Doch Uxbal will ihnen anständige Unterkünfte und Lebensbedingen garantieren. So verhandelt er mit den Chinesen, besticht die Polizei und redet als Freund mit den Illegalen.

Weil die bipolare Mutter Marambra (Maricel Álvarez) ihnen kein gutes Zuhause bieten kann, muss Uxbal sich zwischen der Chemotherapie wieder um seine beiden Kinder Ana und Mateo kümmern. Und auch die Liebe zu Marambra brennt weiterhin, obwohl sie in der Vergangenheit sehr zerstörerisch war. So ist der ernste, stille Mann in einem Moment ungemein liebevoll, dann wieder sehr genervt. Dann gibt es noch die Stimmen aus der anderen Welt, aus dem Jenseits, in dem Uxbal in einigen Wochen sein wird. Und längst hat er noch nicht gut Geld gespart und ergaunert, um seinen Kindern ihre Zukunft zu erleichtern.

„Biutiful“ ist eine spezielle Art, „schön“ auf Englisch zu schreiben und eine besondere Art der Schönheit. Rührend ohne jeden Kitsch ist das Verhältnis des Mannes zu seinen Kindern, vor allem zu der älteren Tochter Ana. Übersinnlich sind die Erscheinungen Uxbals im Spiegel oder eine Begegnung mit seinem Selbst, das wie eine Spinne an der Zimmerdecke hängt. Doch dies alles frei von Horror, vielmehr in poetischen Bildern angefüllt mit der Angst vor dem Ungewissen, vor dem „Hinübergehen“.

In Cannes hing sich die Kritik daran auf, dass Alejandro González Iñárritu („Amores perros“) nicht wie in seiner Globalisierung des Gefühls „Babel“ oder in dem Schuld-Puzzle „21 Gramm“ verschiedene Erzählstränge verflochten hat. Einerseits würden die gleichen flachen Argumente auch eine Wiederholung dieses Schemas bemängeln. Zudem könnte man auch sagen, in der Figur Uxbals vermischen sich mehr unterschiedliche Stränge als in den Figuren aus vorherigen Filmen. Dieses Barcelona – in seinen vom Tourismus freien Gassen ein Hauptdarsteller des Films – ist außerdem derart globalisiert, dass es keiner exotischen Parallel-Sets bedarf. So mag „Biutiful“ im Fluss der Geschichte etwas konventionell sein – Figuren, Visionen, Gefühle und die ungewöhnlichen Mittel sind es nicht. Wenn sich der poetische Rahmen versöhnlich um den Abschied Uxbals schließt, vollendet sich das großartige Erlebnis dieses eindringlichen Films.

Günter H. Jekubzik

Ein Stadtviertel in Barcelona, in dem sie alle gegenwärtig sind: Senegalesen, Chinesen, Pakistanis, Sinti und Roma, einfach alle. Sehr fein ist die Gegend gerade nicht.

Auch Uxbal wohnt dort mit seiner Familie. Die Ehefrau Marambra ist psychisch schwer angeschlagen, außerdem scheut sie Seitensprünge ganz und gar nicht. Nicht selten ist Uxbal deshalb verzweifelt. Mateo ist der kleine Sohn, Ana die etwas ältere Schwester.

Uxbal liebt seine Kinder heiß und innig, mit seiner Frau tut er sich erheblich schwerer. Die Wohnung der Familie zeugt eher von einer gewissen ärmlichen Improvisation. Das Leben im Stadtviertel ist hart. Man kann beim besten Willen nicht sagen, Uxbal verdiene sein Geld auf elegante Weise. Er vermittelt nämlich als Kleinganove an Unternehmer illegale Arbeiter – beispielsweise an die Herren Hai und Liwei Chinesen, die unter unmenschlichen Bedingungen im Verborgenen arbeiten müssen und viel zu wenig Lohn bekommen, oder Bauarbeiter an Investoren, die in erster Linie auf Profit aus sind..

Das Familienleben fällt, meist wegen Marambra, dramatisch aus, und auch arbeitsmäßig lässt sich eine Tragödie nicht vermeiden. Uxball beschaffte nämlich für die chinesischen Arbeiterfamilien billige defekte Heizgeräte. Am Schluss sind wegen des ausströmenden Gases fast alle tot.

Wenn gar nichts mehr geht, unterstützt Tito seinen Bruder Uxbal, und wenigstens kümmert sich die Afrikanerin Ige um Mateo und Ana, wenn die Mutter wieder einmal ausrastet. Jedoch auf die Dauer gut gehen kann das nicht, zumal Uxbal an Krebs leidet und Ige mit einer größeren Summe, die er ihr für die Pflege der Kinder anvertraut hat, zu ihrem Mann Ekweme, früher Uxbals Arbeitspartner, nach Afrika abhaut.

Zwei Höhepunkte sind anzumerken. Zuerst Inarritus bereits früher bewiesene Fähigkeit, die Menschen, ihre Freuden und Nöte, die Orte des Geschehens, das heruntergekommene Lokalkolorit, die Armut, die Geschäftigkeit, die negativen Begleiterscheinungen mit einer Intensität und Lebendigkeit, mit einem Rhythmus und einer dramatischen Dichte zu zeigen, die zuweilen wirklich verblüfft.

Als zweites, dass er Javier Bardem als Uxbal verpflichtete. Vor einer solchen darstellerischen Leistung, die der Schauspieler während des ganzen 147-Minuten-Films durchhält und bei der er mit seinem Umfeld und seiner Ehefrau ebenso ringt wie mit sich selbst, kann man sich nur verneigen. So etwas erlebt man nicht sehr oft.

Aber auch mit Maricel Alvarez als Marambra sowie mit den beiden Kindern hatte Inarritu Glück.

Thomas Engel