Blancanieves – Ein Märchen von Schwarz und Weiß

Das Wagnis, in Zeiten von 3D- und Effekt-Kino einen Stummfilm zu entwickeln, schien trotz des Oscar-Erfolgs „The Artist“ durchaus vorhanden. Und doch brachte den spanischen Filmemacher Pablo Berger nichts von seinem ehrgeizigen Projekt einer Neuinterpretation des „Schneewittchen“-Märchens ab. Nach zehn Jahren der Vorbereitungszeit lässt sich feststellen: Das Warten hat sich gelohnt. „Blancanieves“ bietet perfekte Stummfilm-Ästhetik, großartige Darsteller und ein bis zum Ende intensives Kinoerlebnis.

Webseite: www.blancanieves-derfilm.de

Spanien/Frankreich 2012
Regie & Drehbuch: Pablo Berger
Kamera: Kiko de la Rica
Musik: Alfonso de Vilallongo
Darsteller: Marcarena García, Maribel Verdú, Ángela Molina, Sofia Oria, Daniel Giménez Cacho, Imma Cuesta
Laufzeit: 104 Minuten
Kinostart: 28.11.13
Verleih: AV Visionen

PRESSESTIMMEN:

"Aberwitzige Verfilmung des „Schneewittchen“-Stoffs, angesiedelt im Spanien der 1930er-Jahre, als Stummfilm mit Tönen und Klängen. Der brillant fotografierte Film erweist dem Kino der Frühzeit seine Referenz und fesselt durch überbordenden Einfallsreichtum."
film-dienst

"Zauberhafte Stummfilm-Variante des berühmten Schneewittchen-Märchens…
…humorvoll und tragisch, poetisch und mutig. Ein Film für alle, die das Kino lieben."
BR KinoKino

FILMKRITIK:

Das Märchen vom schönen Schneewittchen und der bösen Stiefmutter kennt nicht nur hierzulande jedes Kind. Die Geschichte der Gebrüder Grimm inspiriert auch 200 Jahre nach ihrer ersten Veröffentlichung Künstler, Autoren und Filmemacher. Der spanische Regisseur Pablo Berger ist einer von ihnen. Zehn Jahre arbeitete er an seiner Version des Schneewittchen-Märchens. Dabei war am Beginn dieses mitunter mühsamen Weges noch überhaupt nicht absehbar, dass der von ihm favorisierte Stummfilm dank eines gewissen „The Artist“ ein künstlerisches wie kommerzielles Comeback feiern durfte. Die Entscheidung, in Schwarz-Weiß zu drehen und gleichzeitig auf jedes gesprochene Wort, auf jeden Ton zu verzichten, stellte ein gewaltiges Risiko dar. Bergers Mut und Beharrlichkeit wurden inzwischen jedoch nicht nur in seiner Heimat Spanien mit erfreulichen Besucherzahlen (über 1 Mio. Spanier sahen bislang „Blancanieves“) und Filmpreisen belohnt.

„Blancanieves“ entführt den Zuschauer in das Spanien der 1920er Jahre. In der prächtigen Stierkampfarena von Sevilla tritt der stolze Torero Antonio Villalta (Daniel Giménez Cacho) auf. Seine hochschwangere Frau, die Flamencotänzerin Carmen (Imma Cuesta), bangt bei jedem Kampf um ihn. In einer Sekunde der Unachtsamkeit wird Antonio von einem mächtigen Stier überrannt und auf die Hörner genommen. Während er das Unglück als gelähmter und gebrochener Mann überlebt, stirbt seine Frau bei der Geburt ihrer Tochter. Die kleine Carmencita (Sofia Oria) wächst fortan bei ihrer Großmutter (Ángela Molina) auf, die sich liebevoll um das Mädchen kümmert. Trotz dieser Fürsorge vermisst die Kleine ihren Vater. Als schließlich auch die Großmutter stirbt, wird Carmencita zum Landsitz ihres Vaters gebracht, wo sie bereits von ihrer Stiefmutter (Maribel Verdú) erwartet wird.

Selbst ohne Kenntnis des Grimm’schen Märchens ahnt man, dass das Böse hier keine Skrupel kennt. In ausdrucksstarken, kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bildern fangen Berger und sein Kameramann Kiko de la Rica die fiebrige Atmosphäre auf und abseits der eindrucksvollen Stierkampfarena ein, zu der „Blancanieves“ am Ende zurückfindet. Damit schließt sich der Kreis einer mit reichlich Verve und mediterranem Temperament vorgetragenen Erzählung, in der sich neben dem Märchenvorbild auch Elemente großer Filmklassiker wie „Freaks“ entdecken lassen. Die elliptische Struktur nutzt Berger indes geschickt zur dramaturgischen Verdichtung. Wie in einem Shakespeare-Drama laufen auch hier sämtliche Fäden in einer gleichermaßen tragischen wie wunderschönen Klimax zusammen. Dazu entfaltet die musikalische Untermalung – darunter immer wieder treibende Flamenco-Klänge – Szene um Szene ihr fast schon hypnotisches Potenzial.

So oft die „Schneewittchen“-Geschichte inzwischen verfilmt wurde – zuletzt unter anderem von Tarsem Singh mit Julia Roberts in der Rolle der Stiefmutter und deutlichen Bollywood-Einflüssen –, ließ sich zunächst eine gewisse Skepsis gegenüber Bergers Idee nicht leugnen. Doch schnell ist diese verflogen – restlos. Das auch beim diesjährigen „Fantasy Filmfest“ mit dem Publikumspreis bedachte Werk ist schon aufgrund seiner perfekten Stummfilm-Mimikry ein echtes Kinojuwel, das nur auf der großen Leinwand zur vollen Entfaltung kommen kann. Mit Darstellern wie Daniel Giménez Cacho (bekannt aus Pedro Almodóvars „La mala educación“), Neuentdeckung Marcarena García als Schneewittchen und Maribel Verdú („Y Tu Mamá También“) gelingt „Blancanieves“ schließlich auch ein schauspielerischer Durchmarsch.

Marcus Wessel