Blaue vom Himmel, Das

Seit seinem überragenden Erstlingswerk „Hierankl“ gilt Regisseur Hans Steinbichler als Erneuerer des deutschen Heimatfilms. Schonungslos zeigte er, wie die scheinbar heile Welt einer Familie an ihren eigenen Lügen und Geheimnissen zerbricht. Ein Thema, das der bayerische Autorenfilmer in dem preisgekrönten emotionalen Drama „Das Blaue vom Himmel“ erneut aufgreift. Eingebettet in eine deutsch-baltische Familiengeschichte um Schuld, Verrat und Vergebung schildert der 44jährige mit barmherziger Genauigkeit eine konfliktbeladene Mutter-Tochter Beziehung auf verschiedenen Zeitebenen. Vor allem das hochkarätige Schauspielerensemble und die unglaublich poetischen Bilder machen dieses Stück deutsches Erzählkino sehenswert.

Webseite: www.dasblauevomhimmel-derfilm.de

Deutschland 2010
Regie: Hans Steinbichler
Drehbuch Josephin Thayenthal und Robert Thayenthal
Darsteller: Juliane Köhler, Hannelore Elsner, Karoline Herfurth, Niklas Kohrt, David Kross, Rüdiger Vogler, Matthias Brandt, Victoria Trautmannsdorff, Fritzi Haberlandt
Länge: 102 Minuten
Verleih: NFP Filmverleih
Kinostart: 2.6.2011

PRESSESTIMMEN:

Ein unerhört spannendes Drama, das Geschichte auf den Einzelfall konzentriert.
ARD Tagesthemen

Ein Meisterwerk über Lüge, Schuld und Vergebung, ohne einen einzigen falschen Ton, getragen vom Charisma der Hannelore Elsner.
BRIGITTE

FILMKRITIK:

Der bayerische Regisseur Hans Steinbichler sorgte vor allem mit seinen fulminanten und kraftvollen Spielfilmen „Hierankl" und „Winterreise“ für Furore. Von ihm stammt der Satz, dass Heimat genau da sei, wo es wehtut. Gleichzeitig verrät der ehemalige Jurastudent: „Ich bin ein Familienmensch – im Guten wie im Schlechten“. Vielleicht rührt daher seine Affinität zu Familiengeschichten gefangen in einem Netz aus Lügen, Verdrängung, Verrat und Geheimnissen. Schließlich prägt Unausgesprochenes als Tabu, mitunter über Generationen die Beziehungen.

Die Erosion der Familie als sozialer Glücksgarant setzt sich auch bei Steinbichler in die nächste Generation fort. Welch zerstörerischen Einfluss das Verbergen von Wahrheiten auf das Seelenleben des einzelnen und das komplizierte System Familie haben, versucht sein bewegendes Familienmelodram nachzuvollziehen. Aus Scham und Angst gehütete Familiengeheimnisse, so zeigt sein Drama schlüssig, sind oftmals Ursprung scheinbar unerklärlichen Verhaltens. Das Vertuschen und Zudecken raubt Energie.

Erst durch die fortschreitende Alzheimer-Erkrankung Marga Baumanis (Hannelore Elsner) zerfällt nach und nach auch ein Gebäude aus Lügen und Schweigen. Die eigensinnige Frau, die zeitlebens kaum Gefühle für ihre Tochter Sofia (Juliane Köhler) zeigte, verliert im Alter jede Orientierung. Überwältigt von Schuldgefühlen aus der Vergangenheit schwindet ihr Bezug zur Realität. Getrieben von der tiefen Sehnsucht nach ihrem seit Jahren verstorbenen Mann Juris flieht sie aus dem Altersheim und landet in der Psychiatrie, fixiert und festgeschnallt. Für Tochter Sofia, die lange Zeit kaum Kontakt zu ihrer Mutter hatte, ein entsetzlicher Anblick.

Trotz ihres angespannten Verhältnisses holt die gestresste Fernsehjournalistin die verwirrte Frau zu sich nach Berlin. In ihrem Gepäck entdeckt sie alte Fotos, die sie noch nie sah. Bilder ihrer jungen Eltern aus der alten Heimat in Lettland, aus scheinbar glücklichen Zeiten, bevor die beiden während des Krieges nach Deutschland flohen. Darauf angesprochen reagiert Marga ungehalten. Doch Sofia beginnt zu ahnen, dass ein zerstörerisches Geheimnis ihre Mutter bedrückt. Um ihr zu helfen, beschließt sie mit ihr nach Riga zu fahren. Dort, am Geburtsort ihrer Mutter, so hofft sie insgeheim, wird auch sie mehr über sich erfahren und die Situation besser verstehen können. Ein Entschluss mit tiefgreifenden Folgen, der nicht nur Marga aus dem gefährlichen Lug- und-Trug-Gespinst erlöst.

Bereits in „Hierankl“ und „Winterreise“ geht Steinbichler in betörenden Bildkompositionen den Sujets von Schuld und Verrat nach und verortet sie zwischen Tragödie und emotionalem Drama. Wiederum ist es nicht zuletzt die unglaublich poetisch-malerische Aura der stilistisch beeindruckenden Bildsprache seiner starken Kamerafrau Bella Halben, die seinen neuen Film so bemerkenswert macht. Sie steht im Kontrast zur tragischen Schwere des persönlichen Schicksals seiner Protagonisten. Immer wieder verleiht die Dynamik einer sich drehenden wendenden Kamera der von Rückblenden geprägten Erzählweise trotz allem eine verführerische Leichtigkeit.

Hervorragend gespielt und streckenweise dicht inszeniert gibt Steinbichler seinem hochkarätigen Schauspielerensemble genügend Raum, um ihre Präsenz zu entfalten. Vor allem die wandlungsfähige Charakterdarstellerin Hannelore Elsner, die durch ausdruckstarke Kinorollen, angefangen in Oskar Röhlers „Die Unberührbare“ bis hin zu Dani Levys Komödie „Alles auf Zucker“, immer wieder beeindruckte, beweist mutig ihre schauspielerische Bandbreite. Eine makellose Leistung in den weiteren Hauptrollen liefern auch die preisgekrönte Darstellerin Juliane Köhler („Aimee und Jaguar“, „Nirgendwo in Afrika“) und der gefeierte Berliner Jungstar Karoline Herfurth. Die 25jährige wurde als rotgelocktes Mirabellenmädchen in „Das Parfüm“ bekannt und spielte in der Hollywood Verfilmung des Bernhard-Schlink-Romans „Der Vorleser“ an der Seite von Ralph Fiennes. Glänzend unterstützt wird das Trio von dem deutschen Shooting Star David Kross und Schauspiellegende Rüdiger Vogler, der im deutschen Kino leider meist nur in prägnanten Nebenrollen zu sehen ist.

Luitgard Koch

Lettland, 30er Jahre. Die Deutsche Marga und der Lette Juris lieben sich. Die Eltern nehmen es hin. Margas Vater hätte es lieber gesehen, wenn seine Tochter einen Deutschen geheiratet hätte.

Deutsche und Balten leben noch harmonisch zusammen. Dann kommt Ende der 30er Jahre der Hitler-Stalin-Pakt. Die Russen werden das Baltikum besetzen.

Marga liebt ihren Mann. Doch umgekehrt ist es nicht ganz so. Juris, der Fotograf, hat eine Geliebte, Ieva. Marga will vor den Russen flüchten, sich nach Deutschland absetzen…

50 Jahre später. Sofia ist TV-Redakteurin. Sie arbeitet an einem Beitrag über die Befreiung des Baltikums, die so genannte „Singende Revolution“. Sie hätte aus Wirksamkeitsgründen gerne einen menschlich-persönlichen Beitrag in ihr Programm eingebunden. Mehr oder minder per Zufall kommt ihr ihre eigene Geschichte zu Hilfe.

Marga ist alt geworden. Die Demenz hat sie ergriffen, und sie ist aggressiv geworden. Oder ist ihr verwirrter geistiger Zustand auf ihr schweres Leben zurückzuführen, auf das Wüten der Russen in Lettland (sowie Litauen und Estland), auf den Krieg, auf die Flucht, auf die Enttäuschung mit Juris, auf die Tatsache, dass sie eine „Tochter“ hat, der sie die Wahrheit nie gesagt hat?

Sofia, die hinter der Schwäche Margas jetzt mehr vermutet, macht sich mit dieser auf nach Lettland. Nun erst kann alles enträtselt, enthüllt, ausgebreitet werden. Marga ist allerdings am Ende ihrer Kräfte. Sofia forscht nach ihrer Identität und findet sie.

Hans Steinbichler zählt zu den zuverlässigen und erstklassigen deutschen Regisseuren. Der Beweis ist auch hier wieder erbracht.

Die historischen Gegebenheiten, das Los der Menschen und die Handlungselemente wurden auf der Grundlage eines vorzüglich geschriebenen Drehbuches zu einem ausladenden, Anteilnahme erweckenden Drama verwoben. Die Kamera, unterstützt von einer ergiebigen, die Epochen wiedergebenden Ausstattung, liefert haften bleibende Bilder, die Montage verbindet in sehr fähiger Weise die Szenen der beiden Zeitebenen.

Die Namen der Darsteller sprechen für sich. Vor allem die Frauen taten sich hervor: Hannelore Elsner zum Teil bewegend mit der nicht einfach zu spielenden Rolle der geistig konfusen älteren Marga. Juliane Köhler (Sofia) als treibende Kraft – gut wie immer. Und Karoline Herfurth als leidenschaftliche, aber tief gedemütigte damalige Ehefrau von Juris, ebenfalls eine bemerkenswerte Leistung.

Schwächen hat der Film ebenfalls. Es gibt zu Beginn zwischen Sofia und Marga in einem Gasthaus so etwas wie eine Kennenlern-Situation, die zu lang, zu umständlich und zu unnatürlich geraten ist. Der Schluss des Films dann trieft vor Sentimentalität.

Dennoch: ein sehens- und erlebenswertes Drama.

Völlig zu Recht erhielt der Film, der u. a. nach Riga, Berlin, Heiligendamm, Wuppertal und Bayern führt, den Bayerischen Filmpreis 2010 für die beste Produzentenleistung.

Thomas Engel