Passione

Napoli-Feeling pur mit John Turturro. Das 53jährige Multitalent, Star aus etlichen Coen-Brothers-Filmen, präsentiert eine schillernde musikalische Reise durch die süditalienische Hafenstadt am Mittelmeer. Seine pulsierende Spieldoku „Passione“ nimmt den neapolitanischen Liedern den Kitsch und die künstliche Fröhlichkeit, in der sie teilweise zu erstarren drohten.

Webseite: www.mfa-film.de

Italien/USA 2010
Regie: John Turturro
Darsteller: Pietra Montecorvino, Massimo Ranieri, Lina Sastri, M’Barka Ben Taleb, Gennaro Cosmo Parlato, Peppe Barra, Angela Luce
Länge: 96 Minuten
Verleih: MFA, Vertrieb: 24 Bilder
Kinostart: 7.4.2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Ganz Neapel gleicht einer Jukebox – und John Turturro, US-Schauspieler und Regisseur drückt die Tasten: „Passione“ ist seine Liebeserklärung an die chaotische süditalienische Hafenstadt, ein Musikfilm prallvoll mit Geschichten. In seiner Spieldoku versucht der US-Amerikaner mit italienischen Wurzeln den alten Songs eine neue Note zu geben. Seine Mutter ist geborene Sizilianerin, sein Vater kam in Apulien zur Welt. Selbst in Amerika geboren, entwickelte der Cineast eine Leidenschaft für das südliche Italien. „Schon alleine die Sprache der Neapolitaner ist sehr melodisch“, schwärmt der Künstler, „und fast selbst wie ein Lied“.

Neapel galt seit jeher als „magischer“, besonderer Ort. Die Italiener betrachteten die pittoreske Metropole als ein auf die Erde gefallenes Stück Himmel. Neapel sehen und sterben, schwärmte Johann Wolfgang von Goethe einst während seiner Italienischen Reise von der Küstenstadt Kampaniens. Beherrscht von der Silhouette des majestätischen Vesuvs thront die brodelnde Stadt der Gegensätze über dem tiefblau glitzernden Mittelmeer, an einer der eindrucksvollsten Buchten Europas. Berüchtigt, vor allem seit Roberto Savianos verfilmten Bestseller „Gomorrha“, als von der Camorra beherrschter Moloch, flimmert ihr pulsierendes Leben laut, bunt und anarchistisch unter strahlender südlicher Sonne.

„Passione ist der Versuch“, betont Turturro, „meine Gefühle für diese Stadt auf die Leinwand zu bringen.” Für seine Hommage an den musikalischen Reichtum des Mezzogiorno lässt der 53jährige Italostars wie Fiorello oder Massimo Ranieri vor der Kamera singen. Alte Perlen wie „Comme Facette Mammeta“ von 1906, neu arrangiert, verknüpfen Vergangenheit und Gegenwart miteinander. „Das Lied hatte damals eigentlich etwas Pornografisches“, weiß Turturro. So behandelt der Text von Salvatore Gambardella und Giuseppe Capaldo, dessen Titel übersetzt heißt „Wie dich deine Mutter gemacht hat“, das Thema sehr anschaulich. Die neapolitanische Interpretin Pietra Montecorvino, erotische Schmirgelpapierstimme und Muse des Cantautore Eugenio Bennato, creiert daraus einen sinnliches Pop-Juwel voller Begehren, getrieben von theatralischen Tarantella-Rhythmus. Orientalische und süditalienische Elemente vermischen sich, arabisch marrokanischer Gesang landet in einer neapolitanischen Tammuriata.
Schließlich prägten neben italienischen Liedermachern auch arabische Einwanderer die musikalische Vielfalt dieses lebendigen Schmelztiegels. Exzellent verkörpert die tunesische Sängerin M´Barka Ben Taleb diese enge Verbindung mediterraner Kulturen. Selbst der portugiesische Fado-Star Misia interpretiert, begleitet vom virtuosen, kleinen Orchester Avion Travel, mit Verve den Sound von Neapel. Aber auch Musiker und Sänger Peppe Barra von La Nuova Compagnia de Canto Popolare, Padron kehligen Balzens, Meister des bezirzenden Kehldramoletts, beherrscht sein Metier.

Ebenso überzeugend die in Italien als zweite Anna Magnani gefeierte Diva, Schauspielerin und charismatische Sängerin Lisa Sastri sehnsuchtsvoll-melancholisch als „Malafemmina“ zwischen Bitterer Reis und Dolce Vita. Dass dabei last but not least Musik-Legende und Entertainer Renato Carosone, dessen Markenzeichen neopolitanische Folklore mit Mandoline im Verbund mit Boogie Woogie und Jazz war, nicht fehlen darf, ist klar. Mit einer witzigen Neuauflage von „Caravan Petrol“ unternimmt Turturro zusammen mit Fiorello und Max Casella einen fulminant ironischen Retro-Schwenk in die Popmusikgeschichte Italiens.
Doch die ehemalige Ikone der amerikanischen Independent-Filmszene, fungiert nicht nur als Dokumentarfilmer, sondern ist gleichzeitig Gastgeber seiner Inszenierung. Höchstpersönlich lockt der Sohn eines Zimmermanns sein Kinopublikum in das Labyrinth enger verwinkelter Altstadtgassen, vor Heiligen-Statuetten in den Nischen der Hausmauern, in verfallene Palazzos und zeigt seine Stadt und ihre Bewohner, begeistert einem Lebensgefühl auf der Tonspur im schillernd morbiden Gesamtkunstwerk Neapel. Ob damit ähnlich wie bei Wim Wenders’ Kult-Film „Buena Vista Social Club“ die neopolitanische Musik einen neuen Höhenflug erlebt, bleibt abzuwarten. Feststeht, dass Turturros Streifzug durch die Musikszene Neapels die richtige Mischung aus Musik, Information und Geschichte bietet, um italophile Herzen höherschlagen zu lassen.

Luitgard Koch

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