Bogen, Der – Hwal

Auch in seinem jüngsten Film beschäftigt sich der südkoreanische Regisseur Kim Ki-Duk mit den Themen, die sein Werk bestimmen: Begierde, Obsession, Sex, Gewalt. In der ihm eigenen kontemplativen Bildsprache, die sich bemüht fast ohne Dialoge auszukommen, entwirft Kim das Tableau eines alten Mannes und eines jungen Mädchens, die auf einem Fischerboot leben, deren scheinbar heile Welt aber durch die Zivilisation in Frage gestellt wird. Ein vor allem stilistisch eindrucksvoller Autorenfilm.

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Hwal
Südkorea 2005
Regie: Kim KI-Duk
Buch: Kim Ki-Duk
Kamera: Jang Seung-Baek
Musik: Kang Eunil
Schnitt: Kim Ki-Duk
Darsteller: Jeon Sung-Hwan, Han Yeo-Reum, Seo Ji-Seok
90 Minuten, Format 1:1,85
Verlieh: REM
Kinostart: 27. Juli 2006

PRESSESTIMMEN:

In schönen Bildern und mit spirituellem Gestus philosophiert das Drama über die Dialektik von Refugium und Gefängnis, Zärtlichkeit und Sadismus, Liebe und Gewalt.
film-dienst

FILMKRITIK:

Die Figurenkonstellation – angesichts der extrem konstruierten Situation fühlt man sich auch an ein Laborexperiment erinnert – ist Beobachtern von Kims Werk bekannt. Schon in Die Insel und seinem immer noch besten Film Frühling, Sommer, Herbst, Winter…und Frühling, zeigte er Figuren, die losgelöst von der Zivilisation lebten. Eine Idylle wurde behauptet, eine fast schon paradiesische Welt, die reiner als die verrohte Zivilisation war. Erst der unvermeidliche Kontakt mit ihr brachte das fragile Gleichgewicht ins Schwanken, ließ meist die jüngere der Figuren über ihre Existenz nachdenken und artete in Akten der (reinigenden) Gewalt aus. In Der Bogen sind es ein alter Fischer und ein junges Mädchen, die einsam auf einem Boot leben. Vor Jahren fand der Mann das Mädchen und nahm es bei sich auf. Was wie eine reine Vater-Tochter Beziehung wirkt, entpuppt sich jedoch schnell als langsame Vorbereitung auf die Hochzeit. Bald wird das Mädchen 16, dann will der Mann sie heiraten.

Einziger Kontakt zur Außenwelt sind gelegentliche Besucher von Männern, die auf dem Boot fischen. Eines Tages ist ein junger Student unter den Besuchern und mit ihm verändert sich alles. Zunächst schenkt er dem Mädchen nur seinen MP3-Spieler, beim nächsten Besuch kommt es fast zu Zärtlichkeiten. In brennender Eifersucht versucht der alte Mann über das Mädchen zu wachen, verweigert sich jeder Argumentation und setzt alles daran, die Hochzeit durchzusetzen.

In vielerlei Hinsicht ist dies ein typischer Kim Ki-Duk Film und nicht zuletzt deswegen kann man sich über weite Strecken des Eindrucks nicht erwehren, dass alles schon gesehen zu haben. Dass sich ein Regisseur immer wieder mit demselben Thema beschäftigt ist in der Filmgeschichte ja nun nichts ungewöhnliches, im Gegenteil. Die besten Regisseure zeichnen sich eben dadurch aus, dass sie ihr Thema, in immer wieder neuen Konstellationen variierten. Doch Kim Ki-Duk variiert weniger, als das er sich wiederholt. Vor allem aber ist er in den letzten Jahren nicht subtiler geworden, sondern immer offensichtlicher. Schon immer machten seine Figuren wenige Worte, inzwischen aber wirkt das Bemühen um Sprachlosigkeit geradezu krampfhaft. Besonders wenn es wie in diesem Fall von ausführlichen Erklärungen des jungen Stundenten konterkariert wird, der all das, was man ahnen und vermuten kann, in oft allzu eindeutigen Worten zusammenfasst.

So bleibt zum einen Kims immer wieder bemerkenswerte Bildsprache, die seine Filme so besonders macht, vor allem aber seine faszinierende Verknüpfung von westlichen und östlichen religiösen Vorstellungen. Immer wenn man den Eindruck hat, Kim hätte sich in der Entwicklung seiner Geschichte festgefahren, würde in befremdlich reaktionäre Gefilde driften, überrascht er mit einem originellen, um nicht zu sagen bizarren Einfall, der dann doch wieder die typische Kim Ki-Duk Qualität ausmacht.

Michael Meyns