Boxhagener Platz

Mit der fiktionalen Familiengeschichte „Boxhagener Platz“ nach dem gleichnamigen Romandebüt von Torsten Schulz weckt der preisgekrönte Berliner Regisseur Matti Gschonneck die DDR zur Zeit vor der Wende zu neuem Leben. Dabei verzichtet seine intelligente Ost-Burleske auf jegliche „Ostalgie“ und behält seine ironische Distanz. Im Mittelpunkt der stimmungsvoll charmant skurrilen Tragikomödie steht rebellischer Alltagstrotz und die wundervolle Liebesgeschichte einer vitalen 80jährigen.

Webseite: www.boxhagener-platz-film.de

Deutschland 2009
Regie: Matti Geschonneck
Darsteller: Samuel Schneider, Gudrun Ritter, Michael Gwisdek, Horst Krause, Jürgen Vogel, Meret Becker, Ingeborg Westphal, Milan Peschel, Claudia Geisler
Länge: 102 Minuten
Verleih: Pandora Filmverleih
Kinostart: 4.3.2010
 

PRESSESTIMMEN:

Pointierte Dialoge, ein straffes Drehbuch, eine sorgfältige Ausstattung und trockener Berliner Humor fügen sich zu einer verschroben-melancholischen Familienkomödie, der man mit wachsender Begeisterung zusieht.
Filmecho

Matti Geschonneks "Boxhagener Platz" mit Gudrun Ritter und Michael Gwisdek ist eine Hommage an Berlin und seine Stars… Es ist mehr als ein Hauch von Defa um diesen Film, was hier durchaus positiv gemeint ist. Alles, was die Defa-Filme ausgezeichnet hat, ihre herausragenden Schauspieler, ihr zupackender Witz und ihre geduldige Aufmerksamkeit für alle, die auf der Schattenseite stehen, all das geriet nach ’89 zu Unrecht in Vergessenheit und steht nun zur Wiederentdeckung an… Ein zärtlicher Erinnerungsfilm, es geht nicht um Ostalgie, es geht um vergangene Jugendzeit. Und es darf auch gelacht werden.
Der Tagesspiegel Berlin

Melancholischer Rückblick auf die DDR: "Boxhagener Platz" ist ein großartiger Berliner Heimatfilm… Der erste Kinofilm von Matti Geschonneck (Sohn des großen Erwin, selbst am Boxi aufgewachsen und vielfach fernsehpreisgekrönt) ist so lakonisch-klarsichtig wie seine Figuren…
Die Welt

Begeisterter Applaus nach Matti Geschonnecks "Boxhagener Platz Clip", der liebevolle Blick zurück auf das Kiezleben 1968 in Ost-Berlin mit seinen Originalen. Gudrun Ritter als ältere Dame, die sich, noch bevor ihr Gatte das Zeitliche segnet, in Michael Gwisdek als einstigen Spartakuskämpfer verliebt, eroberte mit ihrem Film-Herzbuben das Publikum im Friedrichstadtpalast im Sturm. Ein gelungenes Heimspiel.
Blickpunkt:Film (im Rahmen der Berlinale-Berichterstattung)

FILMKRITIK:

Ostberlin 1968. Im Westen protestieren empörte Studenten, in Prag rollen sowjetische Panzer. Ottilie Jürgens (Gudrun Ritter) plagen freilich andere Sorgen. „Dass de Männer“, bedauert die rüstige Rentnerin, „aber ooch immer so schnell schlapp machen“. Nachdem sie fünf ihrer Ehegatten überlebte, liegt ihr sechster Mann Rudi auch gerade im Sterben. Doch die pfiffige Großmutter hat vorgesorgt. Denn um die hellwache 80jährige buhlen schon zwei neue Verehrer: Der elegante, ehemalige Spartakuskämpfer Karl Wegner (Michael Gwisdek) und Fischhändler Winkler (Horst Krause), ein schmieriger Altnazi.

Ottilie, genannt „Otti“, der Dreh- und Angelpunkt der Familie Jürgens, die am Rande des Boxhagener Platzes lebt, ist zäh, pragmatisch und für eine Frau ihrer Generation erstaunlich selbstbewusst. Dass sie nicht auf den Mund gefallen ist, bewundert vor allem ihr 12jähriger Enkel Holger (Samuel Schneider). Denn zu Hause fühlt er sich unwohl. In der Ehe der Eltern kriselt es. Mutter Renate (Meret Becker) träumt frustriert vom „Goldenen Westen". Ihren Mann, den übereifrigen „Abschnittsbevollmächtigten" Klaus Dieter (Jürgen Vogel) verachtet sie. Da ist Oma eine willkommene Zuflucht. Veränderungen an ihr beobachtet Holger natürlich mit Misstrauen.

Doch als Fischhändler Winkler eines Morgens tot in seinem Laden liegt, überschlagen sich die Ereignisse. Plötzlich steht Holgers Vater als „Ermittler" hoch im Kurs. Und auch Holger punktet bei seinen Klassenkameraden. Sitzt er doch an der Quelle für mögliche Informationen. Was steckt hinter der Tat? Haben die Studentenkommunen im Westen etwas damit zu tun? Holger versteigt sich in wilde Verschwörungstheorien. Selbst Ottis neuer Liebhaber Ex-Spartakist Wegner macht merkwürdige Andeutungen über geheime kommunistische Gruppen im Westen.

Die deutsch-deutsche Thematik galt lange Zeit nicht gerade als der Deutschen filmisches Lieblingssujet. Nach der erfolgreichen Wendekomödie „Good Bye Lenin“ und Oscarpreisträger „Das Leben der Anderen“ scheint sich das mehr und mehr zu ändern. Knapp zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall weiten die Regisseure nochmals umfassend ihr Sichtfeld Richtung Osten. Mit „Boxhagener Platz“, seiner Hommage an Ost-Berlin, die auf der Berlinale 2010 Premiere feiert, entwickelt der Potsdamer Regisseur Matti Geschonneck eine Art Heimatfilm neuer Prägung als publikumstaugliches Unterhaltungskino.

„Die Geschichte ist für mich ein Berliner Heimatfilm“, erklärt der 57jährige, „eine Liebeserklärung an die Stadt.“ Denn längst spielen Heimatfilme nicht mehr nur auf dem Land, zwischen Berg und Wald. Schließlich brachte der brillante Autorenfilmer Fatih Akin, der sein preisgekröntes Feel-Good-Movie „Soul Kitchen“ so bezeichnet, den Genrebegriff bereits bewusst ins Wanken. Zu DDR-Zeiten war Berlin-Friedrichshain, das Viertel am Boxhagener Platz, ein proletarischer Stadtteil, eine Gegend der einfachen Leute. Sowohl der ostdeutsche Filmemacher Geschonneck als auch Autor Torsten Schulz kennen den Boxhagener Platz in Friedrichshain sehr gut. Beide verbrachten einen Großteil ihrer Kindheit dort.

Mit ihrer unaufgeregten Tragikomödie lassen sie einen Teil ihrer Erinnerungen auf der Leinwand wieder aufleben. „Ich bin an diesem Platz großgeworden“, verrät Schulz, HFF-Dramaturgieprofessor an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg, „dementsprechend flossen viele authentische Details in diese durch und durch fiktionale Geschichte ein.“ Bereits vor fünf Jahren feierte er mit der verschroben-liebenswerten Familienstory sein erfolgreiches Romandebüt. Auch das Drehbuch schrieb der 50jährige selbst.

Durchzogen mit feinem Sinn für Abgründe und Absurditäten des Alltags korrespondieren sarkastischer Witz und Ernsthaftigkeit meist wunderbar miteinander. Bei allem lakonischem Humor und Berliner Lokalkolorit balanciert Gschonnecks sympathisches Kiez-Kino auf dem schmalen Grat zwischen Gesellschaftskomödie und Tragödie. Freilich glückt der Spagat zwischen den gegensätzlichen Genres nicht durchgängig. In diesen wenigen Momenten wirkt der linear erzählte Film trotz seiner ruhigen und klaren Bilder merkwürdig unentschlossen. Weder der komödiantische noch der dramatische Aspekt können sich dann voll entfalten.

Die schauspielerische Leistung seines Ensembles aus Ost und West, angefangen von renommierten Stars wie den preisgekrönten Charakterdarsteller Michael Gwisdek, den wagemutigen, authentischen Mimen Jürgen Vogel sowie die facettenreiche Meret Becker bis hin zum talentierten Newcomer Samuel Schneider überzeugt trotzdem. Und selbst wenn die zierliche Hauptdarstellerin Gudrun Ritter keine Jahrhundertschauspielerin wie Therese Giehse ersetzt, bezaubert sie mit dem Potential einer umtriebigen Lina Carstens im ersten großen Publikumserfolg des Neuen Deutschen Films, der verschmitzten Gaunerkomödie „Lina Brake“ von Bernhard Sinkel.

Luitgard Koch

DDR 1968. Eine kleine Ecke am Boxhagener Platz in Berlin. Dort ist die Kneipe „Feuermelder“, in der sich alle treffen. Aber dort wohnt auch die friedhofs- und kochbegeisterte Ottilie, genannt Otti, eine Oma, die das Herz auf dem rechten Fleck hat und nicht auf den Mund gefallen ist. Ihr Mann, der Rudi, ist schon auf dem absteigenden Ast; er erlebt denn auch das Ende des Films nicht mehr.

Holger ist das Enkelkind von Otti. Die Eltern sind Klaus-Dieter, strammer Volkspolizist und Abschnittsbevollmächtigter, sowie Renate, die nichts wie raus will in den Westen. Die Ehe wackelt. Ottis Sohn ist der homosexuelle Bodo.

An Verehrern mangelt es Otti nicht. Da ist zuerst einmal der Fischhändler Winkler, ein Altnazi; vielleicht wird er deshalb eines Tages erschlagen aufgefunden. Wer dafür verantwortlich ist, lässt sich schwer herausfinden.

Der Favorit unter den Bewerbern um die flotte Oma ist Karl Wegner. Er ist ein alter Spartakuskämpfer, in Politik und Geschichte äußerst beschlagen. Mit Holger freundet er sich an und schenkt ihm über die Nazis, aber auch über gewisse DDR-Regierungsbonzen reinen Wein ein. Holger macht darüber in der Schule mysteriöse Andeutungen, was ihm sofort eine Rüge seitens seiner Lehrerin einbringt.

Manchmal schmuggelt Karl etwas aus dem Westen herein. Aber er ist vor allem sehr liebenswürdig, weise und sympathisch. Kein Zweifel mehr: Otti und Karl lieben sich.

Das Ostberliner Leben geht seinen Gang. Nur manchmal gerät es aus den Fugen: etwa wenn endlich der Mord an Fisch-Winkler aufgeklärt werden muss; wenn Bodo seinen schwulen Freund anschleppt, einen Briefträger aus Charlottenburg; wenn ein Fremder sich an Renate heranmachen will und Klaus-Dieter deshalb ausflippt; wenn Karl aus welchem Grund auch immer ausgerechnet an Weihnachten abgeholt und ins Gefängnis gebracht wird – von wo aus er schreibt, was in der Mordnacht wirklich geschah.

Leicht ironisch, leicht politisch, leicht komisch, leicht kriminalistisch wird das alles erzählt. Manche witzige Dialogstelle bereitet Vergnügen. Ein wenig nostalgisch mag hier die DDR-Zeit auch gesehen sein. Ein „Berliner Heimatfilm“.

Erstklassige Schauspieleradressen: Gudrun Ritter als köstliche Oma, Michael Gwisdek darstellerisch elegant wie immer, Jürgen Vogel als linientreuer Volkspolizist und Meret Becker als dessen Ehefrau mit kleiner privater Revolution.

Thomas Engel