Boyhood

Das hat es im Kino so noch nicht gegeben! Zwölf Jahre begleitete Richard Linklater einen Jungen beim Erwachsenwerden. Am Anfang ist Mason ein sechsjähriges Schulkind, am Ende geht er mit 18 ans College. Gespielt wird dieser junge Held stets von Ellar Coltrane. Seine Film-Eltern geben Patricia Arquette und Ethan Hawke. Die Rolle der Schwester übernimmt Lorelei Linklater, die Tochter des Regisseurs. Ihm gelingt ein filmisches Familienalbum, das ebenso klug wie komisch, so gefühlvoll wie unsentimental die Zuschauer am Leben einer Patchwork-Familie teilhaben lässt. Und dessen Wiedererkennungseffekte einen ganz besonderen Zauber entwickeln. Selten fielen fast drei Stunden auf der Leinwand derart kurzweilig aus. Mehr Kino-Magie wird in diesem Jahr kaum zu finden sein. Ein Meilenstein der Filmgeschichte!

Webseite: www.boyhood-film.de

USA 2014
Regie: Richard Linklater
Darsteller: Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Ethan Hawke, Lorelei Linklater
Filmlänge: 163 Minuten
Verleih: Universal
Kinostart: 5.6.2014
Wiederaufführung: 15.1.2015
Verleih-Infos hier…

PREISE:

Ausgezeichnet auf der Berlinale 2014 mit dem Silbernen Bären Beste Regie, dem Gilde-Preis der AG Kino-Gilde (Verband der deutschen Filmkunst-Programmkinos) und dem Preis der Leserjury der Berliner Morgenpost.

Golden Globes 2015 als bestes Drama, beste Regie Richard Linklater und beste Nebendarstellerin Patricia Arquette

PRESSESTIMMEN:

„Ein großartiger Film… Was für ein Experiment, was für ein Ergebnis.“
Die Welt
 
„Ein Triumph von Beharrlichkeit und Menschlichkeit: In Richard Linklaters Langzeit-Filmprojekt "Boyhood" erlebt man mit, wie ein Junge zum Mann heranwächst. Trotz fast drei Stunden Laufzeit möchte man auf keine Minute verzichten, so anrührend wird das erzählt… Ein einzigartiger Film.“
Der Spiegel

„So leicht könnte sich, auch bei knapp drei Stunden Laufzeit, ein Regisseur verzetteln, der mal eben das Leben und nichts anderes erfinden und ins Bild setzen will. Doch fügt sich „Boyhood“ zu so etwas wie der ultimativen Version aller Coming-of-Age- und Coming-of-Elder-Age-Filme: wunderbar komisch immer wieder und oft zum Heulen schön. …'Boyhood’ fügt der Filmgeschichte noch nie Gesehenes hinzu. …Das Ergebnis ist 164 Minuten kurz und, gelinde gesagt, fantastisch…
Der Tagesspiegel
 
„Überwältigend… 'Boyhood' wurde ein Meisterwerk. Auch wenn man das als Filmkritiker nie schreiben darf. Es ist so.“
Die Zeit
 

FILMKRITIK:

Wer braucht schon Gold, wenn er den Bären der Herzen hat? „Boyhood“ wurde auf der 64.sten Berlinale unisono so frenetisch gefeiert wie seit langem kein Festivalfilm mehr. Auf der Siegerehrung wurde das einzigartige Meisterwerk von Richard Linklater mit dem Regie-Preis abgespeist. Die Wege der Jury-Götter sind bekanntlich unergründlich. Am Siegeszug beim Publikum (hierzulande vermutlich im Herbst) dürfte das freilich wenig ändern.

Mit der charmanten Lovestory „Before Sunrise“ (1995) und deren beiden Fortsetzungen „Before Sunset“ (2004) und „Before Midnight“ (2013) präsentierte Richard Linklater eine clevere Langzeitstudie über die Liebe. Nun setzt der Texaner der cineastischen Zeitreise die Krone auf, mit einem Film, wie es ihn bislang so noch nicht gegeben hat. Er begleitet eine Familie über einen Zeitraum von elf Jahren mit der Kamera und macht den Zuschauer zum Betrachter dieser Lebensläufe. Der Clou dabei: Alle Akteure altern real, sie trafen sich jährlich ein paar Tage, um das Projekt fortzusetzen: 39 Drehtage in elf Jahren!

Im Mittelpunkt steht der junge Mason, der vom sechsjährigen Schulkind zum achtzehnjährigen College-Studenten heranwächst. Die Höhen und Tiefen der Pubertät in Echtzeit – ein grandioser Stoff. Die alleinerziehende Mutter spielt Patricia Arquette, den getrennt lebenden Vater gibt Ethan Hawke. Derweil als Film-Tochter mit Lorelei Linklater der achtjährige Nachwuchs des Regisseurs auftritt. Die Leiden und Freunden des jungen Mason reichen von der „Harry Potter“-Party und Stalking an der Schule über den ersten Joint bis zum ganz großen Liebeskummer. Unterdessen haben auch die Eltern ihre Päckchen zu tragen. Die Mama gerät bei ihren neuen Beziehungen an einen Uni-Dozenten, der sich als cholerischer Alkoholiker übelster Art entpuppt oder an einen Ex-Soldaten, dessen freundliche Fassade gleichfalls alsbald bröckelt. Der coole Wochenend-Papa scheitert derweil bei seinem grandios grotesken Aufklärungsunterricht im Fastfood-Restaurant, von seiner Karriere als Musiker ganz zu schweigen. Und dann wären noch die tief religiösen Stief-Großeltern. Die Oma schenkt Mason zum 15.ten Geburtstag eine Bibel, auf der sein Name in goldenen Lettern eingraviert ist. Der Opa legt noch ein Gewehr drauf. Die emotionale Achterbahn dieser schrecklich normalen Patchwork-Familie werden aus der Perspektive von Mason erzählt. Derweil das Publikum Zeuge wird, wie dieser Junge auch körperlich sich zum Erwachsenen entwickelt: Das Kinn wird kantiger, die Stimmer tiefer. Die Haut bald picklig, dann wieder rein und mit Flaumbart – kein Maskenbildner könnte diese Metamorphosen der Pubertät derart realistisch nachbilden. Und natürlich reift zusehends auch das Bewusstsein des sensiblen Helden.

Wie üblich erweist sich Linklater als Meister exzellenter Dialoge der philosophischen Art. „Ich dachte, es gäbe mehr für mich im Leben“, klagt etwa die Mutter, als ihre erwachsenen Kinder am Ende aus dem Haus sind. „Jeder Trottel kann Bilder machen, aber nur wenige machen daraus Kunst“, ermahnt der Dozent seinen Foto-Schüler in der Dunkelkammer – welch aparter Kommentar zu Hollywood. Kleine Seitenhiebe auf den Irak-Krieg, den Erfolg von Obama bei den Frauen oder die NSA fehlen gleichfalls nicht.

So unaufdringlich die Ausstattung sich im Lauf der Zeit verwandelt, so zurückhaltend bleibt die Musik. Da erklingt etwa der perfekte Gute-Laune-Song„Island in the Sun“ von Weezer nur kurz angetippt, während das Kind auf seiner Schaukel dem Himmel nahekommen will. Ein paar Ohrwurm-Takte genügen, „Hip, Hip“, und das Thema ist gesetzt. Der talentierte Mr. Linklater hat keine der gängigen üblichen Soundtrack-Soßen nötig. Mit lässiger Eleganz spielt er einen reduzierten Soundtrack, der dem inflationären Prädikat „cool“ wahres Leben einhauchen.

Man sieht einer Familie beim Leben und einem Jungen beim Erwachsenwerden zu. Eigentlich völlig unspektakulär. Und dann doch sensationell. Weil alles wahrhaftig und authentisch wirkt – und damit nicht nur zum Mitleiden mit den Figuren, sondern bisweilen zum Erinnern an das eigenen Fotoalbum im Kopf einlädt.

Wer braucht schon den „Goldenen Bären“, wenn er Filmgeschichte geschrieben hat?

Dieter Oßwald