Breaking and Entering – Einbruch und Diebstahl

Die Nahaufnahme eines Mannes, der den Kontakt zu seinem Leben verloren hat. In „Breaking and Entering“ spielt Jude Law zum dritten Mal unter der Regie des angesehenen und oscar-dekorierten britischen Autors und Regisseurs Anthony Minghella. Nach „Der talentierte Mr. Ripley“ und „Unterwegs nach Cold Mountain“ nun ein zeitgenössisches Drama, das Jude Law als Mittdreißiger in einer Existenzkrise zeigt. Die Liebe steht zur Disposition, das Leben hat sich schleichend davon gemacht, jegliche Sicherheit ist ihm abhanden gekommen. In sein Büro wird eingebrochen – vor allem aber in seinen Gefühlshaushalt.   

Webseite: www.movie.de

OT: Breaking & Entering
GB/USA 2006
Regie. Anthony Minghella
Drehbuch: Anthony Minghella
Produktion: Tim Bricknell, Anthony Minghella, Sydney Pollack
Kamera: Benoît Delhomme
Musik: Karl Hyde, Rick Smith, Gabriel Yared
Mit Jude Law, Juliette Binoche, Robin Wright Penn, Rafi Gavron, Ray Winstone, Martin Freeman
Kinostart: 25.1.2007
Verleih: Buena Vista

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Jude Law: Blitzend blaue Augen, die spielend die Gigolo-Nummer drauf haben – in „Artificial Intelligence“. Strahlend-blauer Blick als alleinerziehender Papa und romantischer Held in „Liebe braucht keine Ferien“. Und nun: Blass-blaue Augen aus denen die Farbe gewichen ist. Ein gereifter Jude Law als Londoner Landschafts-Architekt, der gerade ein lässig-avantgardistisches Büro mitten in Kings Cross eröffnet hat. Kennt man auch aus Deutschland: Die Kreativen mit Geld entern die ehemaligen Armenviertel der Stadt, weil es da so schön hip ist. Die Quittung folgt sogleich: In Wills Büro wird mehrfach eingebrochen, weshalb er sich nachts in seinem Jeep auf Lauer legt. Für ihn ein guter Grund, nicht zuhause sein zu müssen. Denn dort, in der blass-beigen Wohnung wartet nur seine blass-blonde Frau (Robin Wright Penn) und deren hypersensible Tochter, die zwanghaft tags und nachts Gymnastik treibt, Handtücher ablehnt, die die falsche Farbe haben und selten schläft.

Diese Familie: Eine Baustelle; aber keiner weiß, wo er anpacken soll. Wills Entwürfe als Landschaftsarchitekt sind souverän, kühl, cool und erfolgreich. Den Entwurf für sein eigenes Leben sucht er noch.  Als er eines Nachts tatsächlich einen der Diebe verfolgen kann, gerät er in eine Parallelwelt – nur wenige Meter von seinem Büro entfernt und doch ein völlig anderer Kosmos. Er lernt die Mutter des jungen Einbrechers kennen. – Eine Frau, die gemeinsam mit dem Sohn vor dem Krieg in Bosnien geflohen ist. Juliette Binoche als Bosnierin, deren Leben nicht in eleganter Blässe gefrostet ist, sondern von flammender Angst geprägt wurde.  Durch die Kollision dieser beiden Kosmen entsteht etwas Neues. Wills latente Unruhe hat ihn zu dieser Frau getrieben, ein manifester Konflikt entsteht, der seine innere Landschaft gewaltig umgestalten wird.

Minghella hatte nach „Der englische Patient“ und zuletzt „Unterwegs nach Cold Mountain“ Lust auf einen zeitgenössischen Stoff, und aus der Zeit heraus muss man dieses feinnervige Drama auch lesen. Jude Law zeigt die seelischen Aggregatszustände eines Großstädters im Jahr 2006, der in einer Luftblase aus äußerlichem Wohlstand existiert, aber nicht lebt, weil in ihm drin ein Vakuum gewachsen ist.  Minghella zeichnet dessen Welt in Bildern von elegantem Understatement, die die heruntergefahrene Lebenstemperatur förmlich spürbar machen.
Temperament und Gefühlshitze strahlt nur die Gegenwelt aus: Juliette Binoche, die Flüchtlings-Frau, die über keinerlei Schutz verfügt, erst recht nicht, als sie mit Will ins Bett geht. Sie zieht sich aus, zeigt ihren verletzlichen, aber durchpulsten Körper. Kein kühler Wohlstandsbody, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut, neben dem Will dann umso deutlicher als der Defizitäre erscheint.

„Breaking and Entering“ ist rein äußerlich unspektakulär – aber genau dadurch gelingt Minghella ein verblüffend entlarvendes Sittengemälde einer Gesellschaft, die in der auslaufenden Moderne die Orientierung verloren hat. Grandios dabei das Spiel von Jude Law, der keinerlei Theaterdonner braucht, um seelische Landschaften freizulegen – ein echter Gefühls-Action-Held!  

Sandra Vogell

 

 
Belastende Familienstreitereien, unsichere Liebesbeziehungen, verschwiegene Ausländerkriminalität, nicht geheilte Kriegstraumata. Anthony Minghellas Rückkehr als Regisseur und Drehbuchautor leidet vor allem unter der eigenen Unentschlossenheit. Breaking & Entering war als konfliktreicher, packender Zusammenprall zweier unterschiedlicher Milieus gedacht, aber es fehlt an einem klaren inhaltlichen Fokus und einer mitreißenden Umsetzung. Auch Binoche und Law tragen mit ihrer uninspirierten Darbietung zu dem mäßigen Gesamteindruck bei.

Anthony Minghellas neueste Regiearbeit stellt nach Wie verrückt und aus tiefstem Herzen erst die zweite Verfilmung eines von ihm verfassten Original-Drehbuchs dar. Darin beschreibt er, wie das Leben des erfolgreichen Landschafts-Architekten Will (Jude Law) allmählich aus den Fugen gerät, beruflich wie privat. Will verbringt sehr viel Zeit auf der Arbeit, was ihn in der Folge von seiner langjährigen Partnerin Liv (Robin Wright-Penn) und deren an Hyperaktivität und Schlaflosigkeit leidenden Tochter (Poppy Rogers) entfremdet. In dieser angespannten Situation ereignen sich in dem modernen Bürokomplex mehrere Einbrüche. Gleich zweimal haben es die Diebe auf Wills Firma abgesehen. Statt allein der Polizei die Ermittlungen zu überlassen, nimmt der Bestohlene eigenhändig die Verfolgung eines Täters (Rafi Gavron) auf. Miro heißt der junge Mann. Auf diese Weise lernt Will Miros Mutter Amira (Juliette Binoche) kennen, die mit ihrem Sohn Mitte der 90er Jahre aus Bosnien fliehen musste. Ohne sie über seine wahren Motive in Kenntnis zu setzen, sucht Will ihre Nähe.

Es besitzt eine bestechende Logik, wenn sich Minghella nach epischen Stoffen wie Der englische Patient und Unterwegs nach Cold Mountain ganz offenkundig wieder nach intimeren Stücken und kleineren Produktionen zurücksehnte. Unglücklicherweise fällt diese Rückkehr für den Zuschauer
reichlich fade aus. Bedenkt man, welche Namen Minghella vor und hinter der Kamera versammeln konnte, und welches Potential in den verschiedenen Facetten der Geschichte steckt – alleine die Kollision von Wills durchdesignter Lifestyle-Welt mit den ghettoartigen, tristen Beton-Appartements, in denen Amira und Miro leben müssen, böte genügend Raum für spannungsreiche Entwicklungen – kann sich leicht ein Gefühl der Enttäuschung einstellen.

Verwirrend gestalten sich Aufbau und Fortgang des Plots. Nicht in dem Sinne, dass es schwierig wäre, dem Handlungsverlauf zu folgen, eher lässt einen das ziel- und planlose Aufgreifen von Problemen und Themen ratlos zurück. Minghella schneidet vieles an, ohne auch nur einen Aspekt konsequent zu Ende zu denken. Das Porträt einer dysfunktionalen Familie verliert sich ebenso wie das Liebesdrama, der Kommentar zur Situation der Immigranten in Großbritannien und die andiskutierten Spätfolgen des Bosnien-Krieges in den zugegeben stilvollen, weichen Bilder von Kameramann Benoît Delhomme. Was der skurrile Subplot um die von Vera Farmiga dargestellte Prostituierte im fertigen Film noch zu suchen hat, dürfte Minghellas kleines Geheimnis bleiben.

Jude Law und Juliette Binoche haben beide bereits unter der Regie von Minghella bei Kritik wie Publikum gleichermaßen erfolgreichen Filmprojekten mitgewirkt. So überzeugend sie in ihren jeweiligen Rollen seinerzeit auch waren – vor allem Law zeigte in Unterwegs nach Cold Mountain eine beeindruckende, physisch aufzehrende schauspielerische Leistung – den gemeinsamen Szenen fehlt es in diesem Fall schlichtweg an der nötigen Chemie. Hölzern und leidenschaftslos spulen sie ihr Programm ab, jeder für sich.

Breaking & Entering entfaltet zu keiner Zeit eine innere Dynamik, Dramaturgie und Charaktere wirken wie in Watte gehüllt. So muss es fast zwangsläufig dazu kommen, dass das Interesse an Wills Gewissenskonflikten und seiner Beziehung zu Amira in den nicht messbaren Bereich absinkt. Und es muss die Frage erlaubt sein, ob Minghella nur vor großer Kulisse große Filme drehen kann.

Marcus Wessel