Fräulein, Das

Drei Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien arbeiten gemeinsam in Zürich, doch sind sie sich anfangs fremder als sie sich eingestehen wollen. Nur langsam finden die unterschiedlichen Charaktere in der gemeinsamen Fremde zueinander. Der Debütfilm der Schweizerin Andrea Staka wurde dieses Jahr in Locarno mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet und dürfte vor allem bei denen Anklang finden, die vom Berlinale-Gewinner „Esmas Geheimnis“ begeistert waren.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Schweiz / Deutschland 2006
Regie + Buch: Andrea Staka
Darsteller:Mirjana Karanovic, Marija Skarieric, Ljubica, Jovic, Andrea Zogg, Zdenko Jeleic, Pablo Aguilar, David Imhoof
81 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 25. Januar 2007

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Der Balkankrieg und seine Folgen bleiben die vorherrschenden Themen bei Filmemachern aus dem ehemaligen Jugoslawien – zumindest bei denen, die es schaffen, ihre Produktionen auch hierzulande präsentieren zu dürfen. Emir Kusturica, seit langem internationaler Regisseurstar, flüchtete sich zuletzt mit „Das Leben ist ein Wunder“ (2004) in Stimmungen voll trinkseliger Leichtigkeit, brüderlichem Krawall sowie groteskem Humor, und entgegnete somit dem zwischenmenschlichen Chaos auf heitere und spielerische Art. Den Vorwurf, dass er damit die soziale Realität verkläre, musste er sich genauso anhören wie Milos Radovic, der mit „Falling Into Paradise“ (2004) ein Comedy-Drama von ganz ähnlicher Machart wie Kusturica inszenierte.

Berlinale-Gewinnerin Jasmila Zbanic zeigte mit ihrem Mutter-Tochter-Drama „Esmas Geheimnis“ (Grbavica, 2006) das Bosnien von Heute in einem gänzlich anderen Licht, und in eine ganz ähnliche Richtung geht Andrea Stakas Debütfilm „Das Fräulein“, mit dem Unterschied, dass die Geschichte in Zürich spielt. Staka, in der Schweiz 1972 als Tochter bosnisch-kroatischer Einwanderer geboren, erzählt von drei unterschiedlichen Frauen, dessen Gemeinsamkeit nur die alte Heimat ist.

Die Serbin Ruza (Mirjana Karanovic aus „Esmas Geheimnis“) führt in Zürich eine Betriebskantine, in der auch die ältere kroatische Dame Mila (Ljubica Jovic) arbeitet. Ihr trister Alltag wird eines Tages durch die junge Bosnierin Ana (Marija Skarieic) aufgehellt, die per Anhalter in die Schweiz gereist ist und für kurze Zeit in der Kantine anheuert. Die drei Arbeitskolleginnen begegnen sich zaghaft und unterkühlt, erst nach einigen gemeinsamen Wochen wagt man private Gespräche, die immer wieder die gemeinsame Herkunft und das Leben nach dem Krieg thematisieren.

Andrea Staka porträtiert ihre drei Figuren ohne Sentimentalität, obwohl sie sich vor Sehnsucht nach einem alten Leben verzehren, das – wohl wissend – nie mehr wiederkommen wird. Um diesen Schwebezustand geht es in diesem Film, der beschreibt, wie es sich anfühlen kann, die Vergangenheit und gleichzeitig die Zukunft aus den Augen zu verlieren. Für die Regisseurin ist „Fräulein“ ein ambivalenter Begriff, ein Neutrum, kein Mädchen, keine Frau, wie eine Frau ohne Mann oder ein Jugoslawien ohne Heimat. Zudem ist es ein zutiefst helvetischer Ausdruck: die Ansprache, in der man im Café oder im Restaurant zu sich an den Tisch ruft („Fräulein, zahlen bitte!“). Zwar hat der Film nicht ganz die erzählerische Kraft wie „Esmas Geheimnis“, dennoch bleibt er in seiner Bescheidenheit ein berührendes Drama über das schwere Leben in der Diaspora.

David Siems