Düstere Historie für Unterhaltungszwecke ausgeschlachtet: Der Kriminalthriller „By Any Means“ nimmt den Rassismus in den US-Südstaaten der 1960er-Jahre in den Blick und nutzt die Ermordung eines real existierenden Bürgerrechtlers als Aufhänger für einen Film, der taktlos zwischen Buddy-Komödie, Unterdrückungsgeschichte und blutigem Selbstjustizreißer changiert. Schon erstaunlich, dass ein solches Unterfangen überhaupt in Produktion gehen konnte.
Über den Film
Originaltitel
By Any Means
Deutscher Titel
By Any Means
Produktionsland
USA,AUS,GBR
Filmdauer
107 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Lebovici, Alex / Iwanyk, Basil / Lee, Erica
Regisseur
Bratton, Elegance
Verleih
PLAION PICTURES GmbH
Starttermin
29.10.2026
1988 erschien der auf wahren Begebenheiten beruhende Crimethriller „Mississippi Burning – Die Wurzel des Hasses“, in dem Gene Hackman und Willem Dafoe als FBI-Ermittler mit grundverschiedenen Methoden an einen rassistisch motivierten Dreifachmord aus dem Jahr 1964 herangehen. Ebendiese Taten finden auch zu Beginn des von Elegance Bratton inszenierten Spielfilms „By Any Means“ kurz Erwähnung. Involviert in den Fall war angeblich auch der real existierende, für seine Kompromisslosigkeit bekannte Mafiakiller Gregory Scarpa, dessen „Verhörtaktik“ Brattons Werk nun fragwürdige Aufmerksamkeit zuteilwerden lässt.
Ausgangspunkt der Handlung ist die historisch belegte Ermordung des Bürgerrechtsaktivisten Vernon Dahmer (Giancarlo Esposito) im Bundesstaat Mississippi im Jahr 1966, der die afroamerikanische Bevölkerung dazu aufruft, sich ins Wählerregister einzutragen. Mit seinem Engagement ist er den örtlichen Mitgliedern des rassistischen Ku-Klux-Klans ein Dorn im Auge. Während seine Familie dem Brandanschlag auf sein Haus in letzter Sekunde entkommen kann, bezahlt er den Angriff mit seinem Leben.
Für das FBI soll der kürzlich mit seiner Ehefrau Allison (Nicole Beharie) in seine Heimat zurückgekehrte Agent Wayne Strider (Yahya Abdul-Mateen II) den Fall untersuchen. Schnell merkt der schwarze Beamte allerdings, dass die lokalen Behörden nicht an einer richtigen Aufklärung interessiert sind. Zu tief ist der Hass auf die Afroamerikaner in der ländlichen Südstaatengesellschaft verwurzelt. Um irgendwie voranzukommen, erhält Strider von seinen Vorgesetzten den Mafiahandlanger Gregory Scarpa (Mark Wahlberg) als Partner an die Seite gestellt, der die korrupten Strukturen aufbrechen soll.
Wie schon in „Mississippi Burning“ werden die beiden Protagonisten als Gegenpole eingeführt. Während Wayne anfangs an die Kraft des Rechtsapparates glaubt und seine Recherchen nach dem Regelbuch durchführen will, steht Gregory für das schon im Titel beschworene Prinzip „Der Zweck heiligt die Mittel“. Um an Namen und Hinweise zu gelangen, scheut Scarpa nicht vor heftigen Gewaltexzessen zurück, was Strider zunächst sichtbar schockiert.
Dass der Film die Unterschiede und Konflikte der Hauptfiguren mehr und mehr aufweicht, ist nicht sehr überraschend. Schon in den ersten Minuten deutet ein kleiner Ausbruch an, dass der in seiner Arbeit eingeschränkte FBI-Mann eine Portion Wut in sich trägt. Der ihm zugewiesene Auftragskiller fungiert quasi als Katalysator, bringt den Ermittler zu der Einsicht, dass im Kampf für die gute Sache manchmal auch Grenzen überschritten werden müssen.
Das Motiv der Selbstjustiz hat im US-amerikanischen Kino eine lange Tradition und wird immer wieder kontrovers diskutiert. Erstaunlich ist es allemal, wie unreflektiert das von Sascha Penn verfasste Drehbuch hier mit der Thematik umgeht. „By Any Means“ zeigt zwar Striders anfängliches Unbehagen, stellt Scarpas brutale Verhörmethoden aber zunehmend als probates Mittel dar, um dem Übel der rassistischen Gewalt beizukommen. Fast schon genüsslich weidet sich der Film an den blutigen Prügelattacken, mit denen der Mafioso Verdächtige zum Reden bringt.
Einen berüchtigten Auftragsmörder des organisierten Verbrechens, wie in diesem Fall, als lässigen Sprücheklopfer zu inszenieren, ist mehr als befremdlich. Vor allem Mark Wahlbergs salopp-manieriert Darbietung sorgt dafür, dass man sich immer wieder in einer Buddy-Komödie wähnt, was keineswegs zu den ernsten Hintergründen der Erzählung passt. „By Any Means“ möchte Historie, frei dramatisiert, aufarbeiten, gibt sich aber regelmäßig billigen Exploitation-Gelüsten hin.
Dass die seltsame Mischung mit einem überraschungsarmen Plot, skizzenhaften Nebenfiguren und kaum Interesse an einem genauen Blick auf den systemischen Rassismus auch als Krimi größtenteils versagt, passt irgendwie ins Bild. In Zeiten, da extremistische Populisten die Demokratie zersetzen wollen, permanent nach knallhartem Durchgreifen rufen, ist ein Film wie dieser trotz seines wichtigen Grundthemas völlig deplatziert. Um die Bösen zu bekämpfen, musst du selbst zum Bösen werden – wenn das die einzige Hoffnung sein soll, dann aber gute Nacht!
Christopher Diekhaus







