Cemetery Club, The

Die Generation der Holocaust-Überlebenden tritt langsam ab. Das ist in „The Cemetery Club“ unübersehbar – und vielleicht auch der wichtigste Grund, sich diesen Dokumentarfilm anzuschauen. Denn bald werden diejenigen verstummen, die die Judenvernichtung Hitlers überlebten und von den Schrecken jener Zeit berichten können. Dieses Ereignis, das zeigt der Film eindringlich, ist im Denken und Fühlen der Entkommenen allgegenwärtig. Gleichwohl ist Tali Shemeshs Dokumentation keine trockene Lehrstunde in Geschichte und Vergangenheitsbewältigung, sondern ein gefühlvolles Porträt von Menschen, die dem  Schmerz trotzen.

Webseite: www.ventura-film.de

Israel 2006
Regie: Tali Shemesh
Länge: 90 Minuten
Verleih: Ventura Film
Kinostart: 29. März 2007

PRESSESTIMMEN:

 

Ein zärtliches, subtil humorvolles Gruppenporträt, das ernste Themen mit einfühlsamer Anteilnahme aufgreift und einen durchaus vergnüglichen Blick auf das Leben und die Würde alter Menschen wirft. (O.m.d.U.) – Sehenswert.
film-dienst

Mit "The Cemetery Club" gelingt der Regisseurin ein ergreifendes, sehr persönliches und unerwartet humorvolles Portrait der Holocaust Generation, wie wir es so noch nie gesehen haben.
GOLDENE TAUBE Dokumentarfilmfest Leipzig 2006

Unerhört komisch und schmerzhaft menschlich …verzaubert THE CEMETERY CLUB das Publikum.
Variety

FILMKRITIK:

Es hat schon seine Komik, wenn die klapprigen alten Leutchen mit Klappstühlen unterm Arm regelmäßig auf dem Nationalfriedhof Mount Herzl auf dem Weg zu ihrem Versammlungsort an vielen Gräbern vorbeiflanieren. Bald schon werden sie sich nicht nur samstags auf dem Friedhof aufhalten. Der Tod dezimiert den Senioren-Club, der sich Mount Herzl Academy nennt. Dessen Mitglieder treffen sich immer wieder außerplanmäßig bei Begräbnisfeiern, weil  einer der Ihren gestorben ist.

Körperlich sind die betagten Männer und Frauen nicht mehr gut beieinander, geistig dagegen umso mehr. Ihr Debattier-Zirkel im Grünen unter alten Bäumen dient dazu, die Einsamkeit im Alter zu lindern, wie es in den Regularien heißt. Er befasst sich aber mit anspruchsvollen Themen, der Philosophie Kants zum Beispiel. In den Diskussionen geht es bisweilen so hoch her, dass per Trillerpfeife für Ruhe gesorgt werden muss. Doch egal, ob Philosophie oder ein Gedicht auf dem Programm steht, das auf Deutsch vorgetragen werden soll oder nicht, immer sind die Alten schnell bei einem Thema: dem Holocaust und dem Schmerz ihres Lebens.

Im Zentrum des Films steht Lena, die Schwägerin der Großmutter Tali Shemeshs. Lena ist eine anstrengende Frau: dominant, mitunter herrisch und mit einem Hang zur Besserwisserei. Die Großmutter der Filmemacherin pendelt die Marotten ihrer Schwägerin meist schweigend aus, nur gelegentlich gibt sie Contra. Die beiden Frauen sind seit Jahrzehnten eng miteinander verbunden und wirken im Herbst ihres Lebens wie ein altes Ehepaar. Unwillkürlich sucht man nach Spuren der Geschichte in ihren Gesichtern.

Biografisches kommt explizit nur knapp zur Sprache, dann aber sehr wirkungsvoll. Die Regisseurin rückt nicht die Lebensgeschichte und die ohnehin bekannten Umstände des Holocaust in den Vordergrund, sondern zeigt, wie Menschen mit dieser Geschichte leben. Die Bilder scheinen oft von Normalität und sogar heiteren Momenten zu zeugen, doch plötzlich kippt die Situation. Etwa als eine Touristin Lena am Strand unterhakt und die betagte Frau plötzlich Deutsch spricht. Da kommt einem  die eigene Sprache auf einmal etwas unheimlich vor.

Volker Mazassek

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Ein Langzeit-Projekt aus Israel. Fast fünf Jahre hat die Regisseurin daran gearbeitet. Es ist wichtig und wie viele andere Dokumente dieser Art unverzichtbar, weil es von Zeitzeugen der Shoah handelt.

Seit Jahren treffen sich am Sabbat unter einer Pinie auf dem Herzl-Berg-Friedhof in Jerusalem ältere Menschen. Sie haben dazu einen Verein gegründet, tauschen Ideen aus, haben vereinbart, sich nicht allein zu lassen, sondern sich gegenseitig zu unterstützen. Das Picknick fehlt dabei nie.

Sie reden über Kant, über Hitler oder Stalin, über schöne, schlimme oder kuriose persönliche Erlebnisse, sie tragen Gedichte vor. Manchmal stirbt einer, denn jung sind sie nicht mehr. Dann nehmen alle an der feierlichen Begräbniszeremonie teil.

Die Regisseurin stellte Angehörige ihrer Familie in den Vordergrund. Lena, zum Beispiel, eine herrische, mit übertriebenem Selbstbewusstsein ausgestattete Juristin, hinter deren lautem und besserwisserischem Gehabe auch viel persönliches Versagen an ihrer Familie zum Vorschein kommt. Der Sohn jedenfalls ist auf Nimmerwiedersehn verschwunden.

Oder Minya, Lenas Schwägerin, eine gereift wirkende Arbeiterin, von der Last ihres schweren Lebens ruhig gestellt, von Lena jedoch ständig bevormundet.

Die beiden sind polnischer Herkunft. Mit Tränen in den Augen kehren sie nach Lodz, die alte Heimat, zurück. Sie mussten im Ghetto leben, hungern, krank sein, Angehörige sterben sehen.

Andere Szenen und Erzählungen spielen im Urlaub am Toten Meer, bei den gemeinsamen Mahlzeiten, bei den Diskussionen. Streitigkeiten gibt es ebenfalls. Doch immer steht – auch satzungsgemäß – das Bemühen im Vordergrund, keines der Mitglieder der „Mount Herzl Academy“ der Vereinsamung auszusetzen. (Anmerkung: Theodor Herzl war der Begründer des Zionismus und damit einer der Väter des heutigen Israel. Er liegt an dem Ort begraben, wo die Angehörigen der „Akademie“ sich treffen.)

Ein subjektives, vorrangig auf eine Familie konzentriertes, ziemlich außergewöhnliches Dokument. Von Belang deshalb, weil es wie gesagt Zeitzeugen der Judenvernichtung zu Wort kommen lässt. Allzu viele gibt es davon nicht mehr.

Thomas Engel