Children of Men

Engagiertes politisches Kino! Der Mexikaner Alfonso Cuarón wechselte nach seiner viel beachteten Harry Potter-Verfilmung mit Children of Men in das Genre des düsteren Endzeit-Thrillers. Die Adaption des gleichnamigen Romans von P.D. James überrascht mit einer radikal-semidokumentarischen Ästhetik. Cuarón besaß den Mut, konsequent alte Sehgewohnheiten beiseite zu legen. Ein Wagnis, das zumindest im Bereich der aufwändig produzierten Studiofilme seinesgleichen sucht.

Webseite: www.childrenofmen.de

USA 2006
Regie: Alfonso Cuarón
Buch: Alfonso Cuarón, Timothy Sexton, David Arata, Mark Fergus
Darsteller: Clive Owen, Julianne Moore, Michael Caine, Clare-Hope Ashitey, Chiwetel Ejiofor
Kinostart: 9. November
Verleih: UIP

PRESSESTIMMEN:

Der Thriller des Jahres… Atemberaubend.
Der Stern

Alfonso Cuaróns düstre Endzeitvision ist brillante Science-Fiction für intelligente Kinogänger.
Brigitte

Atemberaubend inszeniert und hochaktuell.
Filmecho

…beschreibt die Zukunft, wie sie erschreckender kaum sein könnte: Im Jahr 2027 gibt es keine Kinder mehr auf der Erde, die Menschen sind schon lange unfruchtbar, weltweit regieren Angst, Terror, Chaos. …Mit schwindelerregendem Tempo und skeptakulärer Kameraführung jagt Regisseur Alfonso Cuaron den Zuschauer in dem sehr sehenswerten Film durch seine finstere wie realistische Version der Apokalypse…
Der Spiegel

Ein philosophischer wie actionreicher Endzeitthriller, der aktueller nicht sein könnte, von Alfonso Cuaron meisterhaft in Szene gesetzt. Atemberaubend.
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Die Menschheit droht in Chaos und Anarchie zu versinken, weil sie aus unerklärlichen Gründen die Fähigkeit zur Reproduktion verloren hat. Seit über 18 Jahren ist kein Kind mehr geboren worden. Immer weitere Länder verkommen angesichts dieser ausweglosen Situation zu einem Spielfeld von gewaltbereiten Gruppen, Separatisten und Kriminellen. Einzige Ausnahme: Großbritannien. Mit harter Hand regiert dort ein totalitäres Regime. Dem Zustrom von Flüchtlingen aus aller Welt begegnet die Regierung mit der Einrichtung von Internierungslagern und militanten Abwehrmaßnahmen.

 

Während sich einige Menschen radikalisieren und den Widerstand gegen das Militärregime organisieren, flüchten sich wiederum andere in Sarkasmus und Apathie. So auch Theo (Clive Owen). Der Regierungsagent und ehemalige Aktivist hat nach dem Tod seines Sohnes die Entscheidung getroffen, ein unauffälliges und angepasstes Leben zu führen. Nur die Besuche bei seinem alten Freund Jasper (Michael Caine) stellen für ihn eine angenehme Abwechslung in einem ansonsten tristen Alltag dar. In dem Moment, als vermummte Männer Theo in einen Van ziehen und kidnappen, soll sich für ihn jedoch alles ändern. Er trifft seine Ex-Frau Julian (Julianne Moore) wieder. Sie führt eine Bewegung an, die sich für die Rechte der Flüchtlinge einsetzt. Theo soll für eine junge Frau mit Namen Kee (Clare-Hope Ashitey) wichtige Reisedokumente besorgen. Denn Kee erwartet ein Kind. Es könnte das Wunder sein, auf das die ganze Welt so lange gewartet hat.

Regisseur Alfonso Cuarón erntete anlässlich der Weltpremiere bei den Filmfestspielen in Venedig viel Beifall für seine mutige und radikale Umsetzung eines Romans der britischen Mystery-Autorin P. D. James. Children of Men zeichnet in düsteren, apokalyptischen Bildern eine erschreckende Zukunftsvision, die glücklicherweise kaum Kompromisse zugunsten einer massentauglicheren Konsumierbarkeit eingeht. Die ausschließlich mit Handkameras gedrehten Szenen transportieren den Endzeitkampf auf Londons Straßen in einer Intensität, die an die berühmte Landung in der Normandie aus Steven Spielbergs Der Soldat James Ryan erinnert – dieses Mal im Gewand eines futuristischen Thrillers in der Tradition von 12 Monkeys und 28 Days later. Da kleben Blutspritzer wie selbstverständlich für Minuten auf dem Kameraobjektiv. Die Gewaltexzesse zwischen Widerstandsgruppen und Militär finden nicht im Verborgenen statt, die Opfer und das Leid der Flüchtlinge füllen die gesamte Leinwand aus. Nur am Ende schenkt uns Cuarón einen Hoffnungsschimmer, damit wir nicht vollkommen desillusioniert und deprimiert das Kino verlassen müssen.

Aus einem ohnehin bereits adrenalintreibenden, temporeichen Plot ragen zwei ohne einen einzelnen Schnitt gefilmte Actionsequenzen besonders heraus, die mitsamt ihrer perfekten Choreographie noch lange in Erinnerung bleiben. Schon deshalb lohnt ein Kinobesuch. Wenn die tödlichen Einschläge näher kommen, und wir zugleich sehen, wie Menschen sozusagen am Fließband exekutiert werden, mutiert Children of Men zu einem Ritt auf der emotionalen Rasierklinge. Fast scheint es, als wolle Cuarón den Zuschauer in einer Art Schockstarre versetzen. Hierzu passt, dass er die musikalische Untermalung desöfteren zugunsten einer kraftvollen und bedrohlichen Soundkulisse aus MG-Salven und lautem Sirenengeheul zurücknimmt.

Obwohl mit dem Etikett „Science-Fiction“ versehen, ließe sich dieses Monster von Film ebenso gut als gesellschaftliche Parabel klassifizieren. Die Verweise auf das aktuelle Zeitgeschehen und die Historie des vergangenen Jahrhunderts sind evident. Krieg gegen den Terror, Clash of Cultures, das Verhältnis zwischen In- und Ausländern, alles Themen, die im Subtext mitschwingen und erklären, warum Children of Men vor allem eines ist: engagiertes politisches Kino.

Marcus Wessel