Montag kommen die Fenster

In seinem zweiten Langfilm beschreibt Ulrich Köhler die Schwierigkeiten der Generation 30 plus, sich im Familienleben einzurichten. Das Modell Kleinfamilie erweist sich bei Köhler als einengendes Korsett, dem sich eine Frau und Mutter entzieht. Sie begibt sich auf eine ziellose Reise, in der sie noch einmal die Freiheit erlebt, die sie in der Familie verloren zu haben glaubt. Köhler findet starke Bilder, die das Vertraute und Alltägliche bedrohlich erscheinen lassen. Durch ihre Sprachlosigkeit gewinnen die Protagonisten jedoch kaum Konturen, ihre Geschichte wirkt in weiten Teilen beliebig.    

Webseite: www.451.eu/montag

Deutschland 2006
Regie: Ulrich Köhler
Buch: Ulrich Köhler
Darsteller: Isabelle Menke, Hans-Jochen Wagner, Ilie Nastase, Trystan Wyn Pütter
88 Minuten
Verleih: Filmgalerie 451/Zorro
Kinostart 26. Oktober 2006

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Die Beiläufigkeit des Filmtitels ist durchaus programmatisch. Wenn sie gegen Ende des Films endlich kommen, die Fenster, dann ist das kein spektakulärer Akt. Es geschieht en passant wie alles in dieser Geschichte aus der Provinz, die es doch eigentlich in sich hat. Nina (Isabelle Menke) und Frieder (Hans-Jochen Wagner) gehen samt Töchterchen von Berlin nach Kassel. Kaum haben sie ihr halbfertiges Häuschen bezogen und ihr Leben als Kleinfamilie aufgenommen, verlässt Nina kurzerhand Mann und Tochter. Ohne eine Nachricht zu hinterlassen, setzt sie sich ins Auto und fährt los. Zunächst besucht sie ihren Bruder im elterlichen Ferienhaus. Dann stoppt sie vor einem Hotel im Wald, das sie eine Nacht lang durchstreift und in dem sie eine flüchtige Begegnung mit dem früheren Tennisprofi David (Ilie Nastase) hat. Frieder sucht seine Frau und wärmt zugleich eine alte Liebschaft auf. Langsam, aber sicher kehrt Nina zurück nach Kassel zu Mann und Kind. Ob es eine dauerhafte Rückkehr ist oder nur eine Zwischenstation, bleibt offen.
 
Ulrich Köhlers zweiter Langfilm nach „Bungalow“ (2002) spielt erneut in der hessischen Provinz, diesmal nur ein bisschen weiter nördlich. Auch inhaltlich sind die Anknüpfungspunkte unübersehbar. Die Protagonisten sind älter geworden, ihre Probleme aber ähnlich geblieben. Nina könnte die große Schwester Pauls sein, des jungen Rekruten aus „Bungalow“, der beim Bund desertiert und sich wieder im Elternhaus einquartiert. Pauls wie Ninas Verhalten kann man kaum als Flucht bezeichnen. Es ist mehr ein Ausweichen. Beide wissen nur, was sie nicht wollen. Einen Fluchtpunkt jedoch gibt es nicht.

 

Das wird in einer der stärksten Szenen des Films deutlich. Nina irrt durch die Gänge und Zimmer eines Hotels wie durch Kafkas Schloss. Ein gelungenes Bild für ihre Orientierungslosigkeit. Zugleich ist das weitläufige Hotel natürlich ein Gegenbild zur Enge des Einfamilienhauses. Dort gibt es keine Überraschungen mehr, während die Herberge ein Abenteuerspielplatz ist, was durch die rosa Schleife, die das Hotel umgibt, fast schon überdeutlich wird. Auch dass dort der alte Tennis-Clown Ilie Nastase herumgeistert, der sich praktisch selbst spielt, hat durchaus Charme.

Doch solche Spielereien sind selten. „Montags kommen die Fenster“ ist eine spröde Angelegenheit. Die Helden sind von einer Sprachlosigkeit befallen, die auf Dauer anstrengend ist. Das Paar kann oder will offenbar nicht kommunizieren. Und mit der Sprache ist den beiden offenbar auch ihre Reflexionsfähigkeit abhanden gekommen. Das wirkt reichlich künstlich, auch wenn man Köhlers Ansinnen, seine Figuren „nicht psychologisieren“ zu wollen, durchaus sympathisch findet. Doch wenn es gar keine Hinweise auf Kausalitäten und Motivationen gibt, bleiben die Figuren leer und beliebig und den Spekulationen der Zuschauer überlassen. Dieser Erzählduktus ist gerade sehr angesagt unter deutschen Nachwuchsfilmern, ob sie nun Benjamin Heisenberg, Christoph Hochhäusler, Henner Winkler, Valeska Grisebach oder eben Ulrich Köhler heißen. Sie stehen für die „Berliner Schule“, ein Label, das in seiner Strenge und Kargheit mitunter an den Autorenfilm der siebziger Jahre erinnert. 

Volker Mazassek