Clayface

Die Geschichte eines gefeierten Schauspielers, der widerwillig zu einem Mann der tausend Gesichter wird, steht im Zentrum von „Clayface“, dem dritten Kinotitel aus dem neuen DC Universe. Statt Superheldenradau gibt es dieses Mal blutigen Body-Horror. Eine spannende Abwechslung! Zumindest so lange, bis sich der Film in den immer gleichen Effekten und oberflächlichem Geplänkel verliert.

 

Über den Film

Originaltitel

Clayface

Deutscher Titel

Clayface

Produktionsland

USA

Filmdauer

108 min

Produktionsjahr

2026

Produzent

Gunn, James / Safran, Peter / Reeves, Matt / Harris, Lynn

Regisseur

Watkins, James

Verleih

Warner Bros. Entertainment GmbH

Starttermin

22.10.2026

 

Gibt es ihn? Oder gibt es ihn nicht? Gemeint ist der Superheldenüberdruss, den manche Beobachter der Kinobranche schon vor einigen Jahren identifizierten. „Spider-Man: Brand New Day“ aus dem Sommer 2026 schien die Beschreibungen zu konterkarieren, gelang es dem Titel aus dem Hause Marvel doch, weltweit über zweieinhalb Milliarden Dollar einzuspielen und damit gleich mehrere Box-Office-Rekorde zu pulverisieren. Zur Wahrheit gehört aber auch: Rund vier Wochen vorher startete „Supergirl“ von der DC-Konkurrenz und entpuppte sich als veritabler Flop, der die Strahlkraft spektakulärer Comicadaptionen in Frage stellte.

Nichtsdestotrotz geht es vier Monate später weiter mit dem dritten Teil der 2025 unter Federführung von James Gunn und Peter Safran neuaufgelegten DC-Leinwandreihe. Interessanterweise handelt es sich bei „Clayface“ allerdings nicht um einen hochbudgetierten Actionkracher, der einen bekannten Superhelden in ein Soloabenteuer schickt. Vielmehr haben wir es hier mit einem für Hollywood-Verhältnisse günstig produzierten (von 30 bis 40 Millionen Dollar ist die Rede) Horrorthriller zu tun, in dessen Mittelpunkt die origin story einer weniger vertrauten Schurkenfigur aus dem DC-Comic-Kosmos steht.

Gunn und Safran ließen sich durch einen Pitch von Mike Flanagan (Schöpfer der neuen „Carrie“-Serie), einem ausgewiesenen Genreexperten, überzeugen, den Film in Auftrag zu geben. Der Wegbereiter selbst musste nach ausgiebiger Drehbucharbeit indes das Projekt aufgrund terminlicher Überschneidungen verlassen. Ausgehend von Flanagans Vorlagen und Ideen, zimmerten der Regisseur James Watkins („Speak No Evil“) und der Autor Hossein Amini („Verräter wie wir“) schließlich das, was nun als „Clayface“ (zu Deutsch: Lehmgesicht) auf den großen Leinwänden erscheint.

Der nach „Superman“ und „Supergirl“ dritte Beitrag des neuen DC Universe konzentriert sich auf eine Clayface-Verkörperung namens Matt Hagen, die im Film als nach den Sternen greifender Schauspieler eingeführt wird. Der junge, aus prekären Verhältnissen kommende Mann, gespielt von Tom Rhys Harries, hat gerade eine Oscar-Nominierung errungen, als es mit seiner Karriere plötzlich steil bergab geht. Der Grund: In einem Nachtclub in Gotham City lässt er sich auf die ihn becircende Mia (Joana Ribeiro) ein, die Lebensgefährtin des stadtbekannten Mafiabosses Markos Szabo (David Dencik). Als Bestrafung für das Schäferstündchen zerschneidet der Gangster Matts Gesicht – und zerstört so seine berufliche Lebensversicherung.

Mit dicken Pinselstrichen zeichnet der Film Hagens Niedergang, der vom Rampenlicht fast in der Gosse landet. Etwas fragwürdig ist dabei die Entscheidung, seine Misere auch auf Mias Falschbehauptung, er habe sie bedrängt, zu gründen. Ein Phänomen, das bei Sexualdelikten in der Realität nur sehr selten vorkommt, wie Statistiken beweisen. Und doch wird es in öffentlichen Diskursen, etwa in der #MeToo-Debatte, von antifeministischen Stimmen immer wieder lautstark ins Feld geführt.

Matt jedenfalls verliert nach einer Schmutzkampagne samt gerichtlicher Niederlage gegen Szabo alles und ist in seiner Not bereit, auch nach dem kleinsten Strohhalm zu greifen, um sein altes Leben zurückzubekommen. Rettung scheint möglich, als er von der experimentellen, noch in den Anfängen steckenden Forschungsarbeit der Wissenschaftlerin Dr. Caitlyn Corr (Naomi Ackie) erfährt. Kurzerhand lässt er sich als menschliches Versuchskaninchen benutzen und sieht nach mehreren Nanozelleninjektionen tatsächlich wieder so aus wie früher. Da die Wirkung aber in einem denkbar unpassenden Moment nachlässt und sich sein Gesicht grotesk verformt, spritzt er sich selbst eine Überdosis. Was zunächst zu funktionieren scheint, hat schnell üble Folgen. Während sein Durst nach Rache an den Verantwortlichen für seine Lage immer stärker wird, nimmt er mit seinem nun lehmartigen, sich verformbaren Körper ständig die Gestalt und das Antlitz anderer Menschen an.

Wer sich auf eine typische Comicverfilmung mit entschärften, unblutigen Gewaltausbrüchen einstellt, wird sich ganz schön wundern. Denn schon in den ersten 20 Minuten überschreitet „Clayface“ entschlossen die Grenze zum zersetzenden Boddy-Horror. Die unappetitlichen Effekte dürften auch erfahrene Genregucker nicht gänzlich kaltlassen. Der neue DC-Beitrag geht dahin, wo es wehtut, und mischt den deftigen Exzessen „Frankenstein“-Motive sowie Elemente eines Psychothrillers bei. Diese für das Superheldenkino ungewöhnliche Mischung überrascht und fesselt – zumindest in den ersten 40 bis 50 Minuten. 

Danach schleichen sich allerdings immer mehr Wiederholungen und Oberflächlichkeiten ein. Hagen macht eine existenziell bedrohliche Krise durch, schlittert in den Wahnsinn. Wirklich zu spüren ist das in den Bildern trotz aller Gruseltransformationen aber leider viel zu selten. Was genau hat seine Persönlichkeit, haben seine Emotionen mit der wachsenden Racheobsession zu tun? Und wie schafft er es, den Body-Switch zu kontrollieren? Ausgerechnet bei diesen spannenden Fragen bleibt „Clayface“ enttäuschend vage. Anders als etwa die von Ichverlust erzählenden Body-Horror-Werke eines David Cronenberg dringt Watkins‘ Arbeit nicht in tiefere Schichten vor. Unterentwickelt bleibt auch die Figur der Forscherin und ihre Beziehung zu Matt. Dessen zunehmend obsessives Interesse für Caitlyn hätte man überdies schärfer ins Blickfeld rücken können. Vor allem gegen Ende verliert sich der DC-Schocker in einem ständigen Körper-wechsel-dich-Spiel mit einigen unpassenden Humoreinlagen. Weder die düstere Tragik der Geschichte noch ihre Verstörungskraft können sich da so entfalten wie in der ersten Filmhälfte.

 

Christopher Diekhaus

Mehr lesen

Neuste Filmkritiken

ℹ️ Die Inhalte von programmkino.de sind nur für die persönliche Information bestimmt. Weitergabe und gewerbliche Nutzung sind untersagt. Nachdruck nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. Filmkritiken dürfen ausschließlich von Mitgliedern der AG Kino-Gilde für ihre Publikationen verwendet werden.