Comrades in Dreams – Leinwandfieber

Nicht nur in Deutschland haben es die Programmkinos angesichts der Multiplexe und zahllosen anderen Freizeitmöglichkeiten schwer. Wie es Kinobetreibern in Burkina Faso, Indien, Amerika und Nordkorea ergeht, zeigt Uli Gaulke in seiner sehenswerten Dokumentation. Der Film lebt von den Gegensätzen der unterschiedlichen Kulturen, zeigt aber nicht zuletzt auch interessante Ähnlichkeiten der Filmauswahl und der Träume der Kinobetreiber auf.

Webseite: www.comrades-in-dreams.de
               www.leinwandfieber.de

Deutschland 2006 – Dokumentation
Regie: Uli Gaulke
Kamera: Axel Shneppat
Schnitt: Andrew Bird
Musik: Mark Orton
Protagonisten: Anup Jagdale, Penny Tefertiller, Han Yong-Sil, Lassane Badiel
94 Minuten, Format 1:1,85, OmU
Verleih: Flying Moon, Vertrieb: Zorro
Kinostart: 3.1.2008

PRESSESTIMMEN:

Pressestimmen auf film-zeit.de hier…

FILMKRITIK:

In Ouagadougou, der Hauptstadt des afrikanischen Staates Burkina Faso, betreiben die drei Freunde Lassane, Luc und Zakaria ein kleines Kino. Der „Saal“ besteht hier aus vier Mauern, ein Dach gibt es nicht, aber da es so gut wie nie regnet, macht das nichts. Tagsüber fahren die drei mit dem Auto durch die Straßen, um Werbung für die abendliche Vorführung zu machen. Meist laufen ältere Hollywoodfilme, deren Kopien im Westen nicht mehr gebraucht werden, aber auch mal ein französischer Film. Die Freunde träumen von einem richtigen Kino, auch wenn ihre Ehefrauen dann noch mehr an der arg zeitraubenden Beschäftigung der Männer zu kritisieren haben werden.

Solch ein Problem hat der Inder Anup noch nicht. Seine Verwandten sind zwar gerade dabei ihm eine Frau zu suchen, doch bis es soweit ist, kann sich Anup ganz seinem fahrenden Kino widmen. Wie ein Wanderzirkus wirkt das Unternehmen, das mit mehreren Lastwagen durch die Provinz fährt, ein riesiges Zelt aufbaut und aus einem im Lastwagen verankerten Projektor Bollywood-Schinken zeigt. Westliche Filme sind kaum zu sehen, viele wären zu weit vom Leben der Bevölkerung entfernt erklärt Anup. Titanic etwa – in Burkina Faso sehr beliebt – sei nichts für Inder, zu unrealistisch und vor allem: Viel zu viel Wasser.

Solche Probleme hat Penny nicht. In einem Kaff im Bundesstaat Wyoming betreibt sie das einzige Kino. Auch sie fährt des Öfteren mit dem Auto durch die Straßen, unterhält sich mit Bekannten und macht Werbung für ihr Kino. Dass dort nur Hollywood-Filme zu sehen sind ist selbstverständlich.

Ganz anders die ausgefallenste Station von Gaulkes Reise: Nordkorea. In Chongsan-Ri, einer Kolchose unweit der Hauptstadt Pyongyang betreibt Yong-Sil das kommunale Kino. Ihre Aufgabe besteht in erster Linie darin, den Arbeitern am Abend einen aufbauenden Propagandafilm vorzuführen, der ihnen die Errungenschaften des Regimes nahe bringt.

Vier völlig unterschiedliche Kulturkreise hat Uli Gaulke für seinen Film besucht, vier auf den ersten Blick unterschiedliche Herangehensweisen ans Kinogeschäft, die bei genauerem Hinsehen jedoch interessante Ähnlichkeiten offenbaren. Manche der Parallelen wirken zwar ein wenig forciert, aber meistens gelingt es Gaulke sich zurückzunehmen und einfach nur dem Rhythmus der Geschichten zu folgen. Besonders der in Nordkorea entstandene Teil ragt heraus, bietet er doch Einblicke in ein Land, dessen alltägliches Leben für westliche Beobachter kaum zugänglich ist. Was Gaulke hier unter den Augen von ständig anwesenden Aufpassern filmen konnte ist bemerkenswert. Oft fragt man sich bei den Erzählungen Yong-Sils und anderer Bewohner der Kolchose ob der zur Schau gestellte Glaube an das Regime tatsächlich in dieser naiven Form vorhanden ist oder der ständigen Überwachung geschuldet ist. Die Kinobetreiber in den anderen Ländern haben solche Sorgen nicht. Doch in ihrem Bemühen sich in einem schwierigen Gewerbe über Wasser zu halten, sind sie vereint, vor allem in ihrer Liebe zum Kino.

Michael Meyns

—————————————————————————————————————-

Auch wenn für die so genannten “neuen Medien” jeden Tag eine andere Darstellungsmöglichkeit gefunden wird, kann und wird die Liebe zum Kino nicht untergehen. Denn, so lehrt ein altes Diktum, „Kino ist mehr als Film“.

Und von solcher Liebe erzählt dieser Dokumentarfilm. In den entferntesten Ecken der Welt besteht sie, wird sie transportiert, wird sie genährt. In der indischen Provinz zum Beispiel, wo der junge Anup wie schon sein Vater immer wieder sein Kinozelt aufbaut, in dem Kinder und Alte mit leuchtenden Augen die Bollywood-Filme verschlingen.

Oder in Nordkorea, wo sich die Mitglieder der Landarbeiterkollektive nach Feierabend geschlossen Propagandaproduktionen meist zur Verherrlichung des kommunistischen Regimes und seiner Politik zu Gemüte führen müssen.

Oder im afrikanischen Ouagadougou, wo Luc, Lassane und Zakaria darauf hoffen, bald das Geld für den Kauf eines Kinos zusammen zu bringen.

Oder im amerikanischen Wyoming. Dort herrscht Penny über ihr Provinzkino, nicht gerade ein feudaler Palast. Auch kommen nicht viele Besucher. Aber die, die kommen, weinen zum xten Mal über den traurigen Schluss von „Titanic“.

Zwei Dinge gehen hier zu Herzen. Erstens einmal die Begeisterung und die Liebe zum Kino der hier aus aller Welt geschilderten Protagonisten. Zweitens der Spürsinn, die Anteilnahme, und das Einfühlungsvermögen, mit denen der Dokumentarist Uli Gaulke den gezeigten Kinoverrückten gefolgt ist.

Ein besonderer, formal noch dazu gelungener Film. Für Liebhaber des Kinos eine schöne Bestätigung ihres Hobbys.

Thomas Engel