Tödliche Versprechen – Eastern Promises

Seit über dreißig Jahren spalten die Filme David Cronenbergs bereits die Gemüter von Zuschauern und Kritikern und eben diese Polemik verschaffte dem kanadischen Ausnahmeregisseur kürzlich den Douglas-Sirk-Preis 2007. Immer waren es Werke über Körperlichkeit, Metamorphosen, Sex und Gewalt in einer kühlen, fast klinischen Inszenierung, die Mainstreamsehgewohnheiten auffällig trotzten. Mit „A History of Violence“ wurde der Stil zwar direkter, aber auch hier setzte man sich provokativ zwischen die Stühle. „Tödliche Versprechen“ führt diesen Weg nun konsequent weiter.

Webseite: www.toedlicheversprechen.de

Großbritannien / Kanada 2007
100 Min.
Farbe
Regie: David Cronenberg
Mit: Viggo Mortensen, Naomi Watts, Vincent Cassel, Armin Mueller-Stahl, Sinéad Cusack
Verleih: Tobis (Start: 27.12.2007)

PRESSESTIMMEN:

Ein intelligenter Film auf hohem dramaturgischen und stilistischen Niveau, der mit inszenatorischen Überraschungen und hervorragenden Darstellern aufwartet und dessen Bilder lange in Erinnerung bleiben. – Sehenswert.
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FILMKRITIK:

Als ein minderjähriges, russisches Mädchen blutüberströmt in ein Londoner Krankenhaus eingeliefert wird, stellen die Ärzte fest, dass die junge Frau schwanger ist. Das Baby überlebt, die Mutter stirbt vor den Augen der Hebamme Anna. Ein in Russisch verfasstes Tagebuch sowie der Name eines russischen Restaurants sind die einzigen Hinweise auf die Identität der Toten, doch Annas Neugier ist geweckt und ihre Reise in die dunkelsten, menschlichen Abgründe beginnt. Semyon , der Besitzer des Restaurants, bietet der jungen Frau an, das Tagebuch zu übersetzen, zeigt aber gleichzeitig auffälliges Interesse an ihr und ihrer Familie. Annas Vater nimmt sich widerwillig ebenfalls der Übersetzung an und man stößt auf ein schreckliches Geheimnis, das Semyon und dessen Sohn Kirill für lange Zeit ins Gefängnis bringen würde. Nicht nur Annas Leben ist in höchster Gefahr, als schließlich Kirills Chauffeur und bester Freund Nikolai interveniert. Dieser zwielichtige Charakter zeigt trotz aller ihm innewohnenden Härte und Grausamkeit Mitgefühl für Anna. Doch auch dieses wird in Frage gestellt, als er beauftragt wird, Annas Vater zu beseitigen.

 

Die körperlichen Transformationen sind seit „Spider“ der gebrochenen Persönlichkeit gewichen. Der Erwachsene, der im Grunde immer das kleine Kind geblieben ist, der biedere Familienvater, der nicht vor kaltblütigen Morden zurückschreckt, als seine Existenz bedroht wird und jetzt der mysteriöse Handlanger, der übergangslos vom Helfer zur gewissenlosen Killermaschine zu mutieren vermag. Auf einer anderen Ebene können wir die unschuldige Anna erleben, die mit ihrem ambitionierten Verhalten nicht nur den Fall des toten Mädchens aufklären, sondern vor allem ihre eigene Vergangenheit verändern möchte. „Tödliche Versprechen“ wirkt erneut leichter verdaulich als Cronenbergs Frühwerk, macht es dem Mainstreampublikum jedoch wiederholt schwer, indem er die Handlung eher nebenbei erzählt und vorsätzlich auf einen strikten Spannungsaufbau zugunsten von präzisen Charakterzeichnungen verzichtet. Und wie schon bei „A History of Violence“ ist die Gewaltdarstellung explizit, schmerzhaft und unverzichtbar, da sie fester Bestandteil des Protagonisten ist und auf diese Weise die Zerrissenheit auch für den Rezipienten physisch fühlbar macht.

Oliver Forst