Cotton Queen

Ein Spielfilm aus dem Sudan, noch dazu von einer Frau: Allein diese Faktoren machen Suzannah Mirghani „Cotton Queen“ besonders, ein ruhiges, kleines Coming-of-Age-Drama, das vom Versuch einer 15jährigen erzählt, ihr Leben selbst zu bestimmen. Interessante Einblicke in im Westen kaum bekannte Welten bietet der Film, der auf klassische, aber doch überraschende Weise vom Kampf zwischen Tradition und Modern erzählt.

 

Über den Film

Originaltitel

Cotton Queen

Deutscher Titel

Cotton Queen

Produktionsland

DEU,FRA,QAT,PSE,SAU,SDN

Filmdauer

93 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Mirghani, Suzannah

Verleih

jip film & verleih gbr

Starttermin

23.04.2026

 

Die 15jährige Nafisa (Mihai Murtada) lebt in einem kleinen Dorf im Sudan, dessen wirtschaftliche Existenz von der Baumwolle abhängt. Von Hand werden hier die weißen Blüten gepflückt, eine mühselige Arbeit, die nicht umsonst an die Bilder von Baumwollplantagen erinnert, auf denen in Amerika hunderttausende Sklaven schufteten, die aus Afrika verschleppt worden waren.

Unter sklavenähnlichen Bedingungen lebt und arbeitet Nafisa zwar nicht, doch auch ihr Leben ist von rigiden Traditionen beherrscht. Dass sie etwa mit Babiker (Talaat Fareed) befreundet ist, dem Sohn eines einfachen Farmers, irritiert ihre Mutter Aisha (Haram Bisheer), die andere Erwartungen an ihre Tochter hat und auch erwartet, dass Nafisa ihre persönlichen Wünsche hinter die Bedürfnisse ihrer Familie stellt.

Oder gleich die des Dorfes, denn dessen Zukunft könnte durch eine glückliche Eheschließung auf lange Zeit gesichert sein. Denn mit Nadir (Hassan Kassala) kehrt ein verlorener Sohn in die Heimat zurück, ein Mann, der im Ausland zu Geld gekommen ist, nun Anzug trägt, mit viel Gepäck reist und ganz standesgemäß – wenn auch höchst unsensibel – im einstigen Herrenhaus eines britischen Kolonialbeamten einzieht.

Doch nicht nur Geld und den Wunsch nach einer Frau hat Nadir mitgebracht, sondern auch genmodifziertes Saatgut, dass er den lokalen Bauern als modernes Gottesgeschenk anpreist. Geschützt vor Befall durch Schädlinge sei diese Saatgut, allerdings müssten die Bauern es jedes Jahr aufs neue von ihm kaufen, denn zur Fortpflanzung, also zur jährlichen Neuaussaat, eignet es sich nicht.

Baumwolle und ihre Produktion spielte in der Geschichte des Sudans eine wichtige Rolle: Ein Verfall der internationalen Baumwollpreise trug Ende der 50er Jahre dazu bei, das sich eine Militärdiktatur an die Macht putschte und das Land auf einen Weg brachte, an dem es auch heute noch leidet. So fragil ist die Lage in dem Land, dass auch „Cotton Quen“ nicht im Sudan selbst gedreht werden konnte, sondern man auf Drehorte im benachbarten Ägypten ausweichen konnte.

Dass dies so problemlos möglich war, liegt nicht zuletzt an der Art von Film, die Autorin und Regisseurin Suzannah Mirghani mit ihrem Regiedebüt vorlegt. Denn Schauplatz ihrer Erzählung ist nicht der Großstadtmoloch Khartum oder andere unverwechselbare historische Orte des Landes, sondern ein einfaches Dorf mit Lehmhütten und einzelnen Bäumen, dazu viel Sonne und Staub und kaum einer Spur von Moderne.

Hier siedelt Mirghani, die im Sudan geboren wurde, jedoch seit langem im Ausland, inzwischen in Katar lebt, eine klassische Coming-of-Age-Geschichte an, in der die junge Nafisa ihre eigene Rolle in der traditionellen Gesellschaft hinterfragt und ihr Leben zunehmend selbst in die Hand nimmt. Als interessanteste, komplexeste Figur in dieser Konstellation erweist sich Nafisas Großmutter Al-Sit (Rabha Mohamed Mahmoud), die Dorfälteste und sogenannte Cotton Queen. Ihre Autorität leitet sich dabei nicht nur von ihrem Alter ab, sondern auch von einer Geschichte, die längst zur Legende geworden ist: Im Kampf gegen die britischen Kolonialherren hat Al-Sit einst einen General getötet und hundert Soldaten vergiftet. So zumindest erzählt die alte Frau es, die Wahrheit sollen die Narben bezeugen, die ihre Hände zeichnen.

Bald findet Nafisa jedoch die Wahrheit heraus, muss erkennen, dass es auch ihre weiblichen Verwandten sind, die nicht immer nur das beste für sie wollen. Die längst nicht mehr zeitgemäßen Traditionen werden nicht nur durch die Männer des Dorfes am Leben erhalten, sondern auch durch Frauen, die einst selbst Opfer dieser Strukturen waren. Trotzt diesem an sich düsteren Blick auf scheinbar unveränderliche Zustände, wirkt „Cotton Queen“ keineswegs hoffnungslos, sondern schafft es am Ende anzudeuten, das Nafisa das Ausbrechen aus den Strukturen gelingen könnte.

 

Michael Meyns

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