Cove, The

„Jeder kennt ihn, den klugen Delfin“ – so wurde einst der gute alte Flipper in der TV-Serie fröhlich besungen. Sein Tier-Trainer von damals hieß Richard O’Barry. Der hat längst die Seiten gewechselt und kämpft energisch gegen die Dressur der intelligenten Meeressäuger. Sein besonderes Anliegen gilt der jährlichen Delfin-Jagd im japanischen Fischerdorf Taiji, wo Tausende Tiere zusammengetrieben werden. Einige der guten Exemplare werden an Delfinshows rund um die Welt verkauft, der Rest wird geschlachtet. Über dieses blutige Handwerk hat der „National Geografic“-Fotograf Louie Psihoyos mit versteckter Kamera und Hightech-Einsatz einen spektakulären Dokumentarfilm im Stil eines spannenden Öko-Thrillers gedreht, der in Sundance den Publikumspreis bekam.

Webseite: thecovemovie.com

USA 2009
Regie: Louie Psihoyos
Buch: Mark Monroe
Darsteller: Joe Chishol, Mandy-Rae Cruikshank, Charles Hambleton, Kirk Krack, Isabel Lucas, Richard O’Barry, Hayden Panettiere, Roger Payne.
Länge: 90 Minuten
Verleih: Drei Freunde Filmverleih
Start: Herbst 2009

Publikumspreis Sundance Filmfestival 2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

In den 60er Jahren gehörte Richard O’Barry zu den Pionieren der Tierdressur für Filmeinsätze. Mit seinen „Flipper“-Tricks wurde er reich und berühmt. Doch dann wandelte er sich vom Saulus zum Paulus: Nach dem Tod von „Flipper“-Dame Kerry erkannte O’Barry, welche Qual die Haltung in Gefangenschaft für die intelligenten Tiere sein muss. 1970 gründete er das „Dolphin Project“, das sich für die Freilassung der Tiere einsetzt.

Mit besonderem Engagement kämpft O’Barry gegen die Delfin-Jagd im japanischen Fischerdorf Taiji, wo jedes Jahr Tausende der Tiere in einer Bucht zusammengetrieben werden. Einige der guten Exemplare werden ausgesucht und später für sehr viel Geld an Tiershows verkauft, der Rest wird brutal geschlachtet. Um die Öffentlichkeit auf das grausame Treiben aufmerksam zu machen, holte sich der Ex-Tiertrainer als Unterstützung den „National Geografic“-Fotografen und Dokumentarfilmer Louie Psihoyos an Bord. In Taiji herrschte wenig Freude über die Anwesenheit des Filmteams. Mit gezielten Provokationen und Einschüchterungen wollten die Fischer die Dreharbeiten in der versteckten Bucht behindern. Um ihre Mission zu retten, griffen die Filmemacher zu Hightech, das an „Mission Impossible“ erinnert: mit Kameras, die in künstlichen Felsen versteckt oder auf Flugdrohnen montiert sind, sowie mit Infrarotaufnahmen werden sie filmische Zeugen des Massakers in der Meeresbucht, deren Wasser bald blutrot gefärbt ist.

Beim nächtlichen Vordringen auf die verborgene Todesbucht gerät die Delfin-Doku zum spannenden Öko-Thriller, der mit wackeliger Videokamera und angstvollen Flüsterstimmen im „Blair Witch“-Stil inszeniert ist. Schon die Vorbereitung der Aktion fällt kurzweilig aus: Ob es um die Probleme der Logistik geht, etwa mit auffallend großem Übergepäck nach Japan zu reisen. Oder wenn auf dem Gelände der Effektschmiede ILM in Hollywood kleine Plastikfelsen mit versteckten Kameras präpariert werden – und im Hintergrund ein ausgedienter „E.T.“ im Regal steht.

Eingestreut zwischen solchen Action-Szenen werden Erinnerungen von O’Barry an seine „Flipper“-Zeiten (man erfährt etwa, dass er damals das Filmhaus am Strand von Porter Ricks real bewohnte oder, dass er seinen Delfinen die Serie mit einem Fernseher auf dem Bootssteg vorspielte). Ernsthafter, gleichwohl kurzweilig, fallen die Erzählungen des Tierexperten über die wissenschaftliche und mythologische Bedeutung der Meeressäuger aus.

Last not least gibt es, als Aufreger quasi, Interviews mit japanischen Behördenvertretern sowie einen Blick auf deren Blockadepolitik in der Internationalen Walfangkommission (IWC). Natürlich lässt sich einwenden, dass jedes Schlachten ein blutiger Vorgang ist, auch das Wiener Schnitzel wächst bekanntlich nicht auf Bäumen. Wenn intelligente Lebewesen freilich derart grausam mit Haken und Stangen massakriert werden, hat das mit möglichst schmerzfreiem Töten nichts mehr zu tun, sondern bleibt eine qualvolle Barbarei: ein erschreckendes Armutszeugnis für den Umgang des Menschen mit anderen Lebewesen. Umso mehr, als die Verwendung als Nahrungsmittel fragwürdig bleibt, da das (vielfach anders deklarierte) Fleisch extrem stark mit Quecksilber belastet ist. „Wenn wir nicht einmal diesen offensichtlichen Skandal beenden können, wo sollen wir dann noch Hoffnung finden?“, gibt der Aktivist O’Barry dem Publikum auf den Weg mit.

Dokumentarfilm-Puristen mögen dem Werk mangelnde Ausgewogenheit vorwerfen. Doch spätestens seit Michael Moore sind die Karten im Genre neu gemischt: Der Zweck heiligt die Mittel, Unterhaltung pflastert den Weg vom Wissen ins Bewusstsein – Documentaire de création, faktische Realität in einer kreativen Form. Dank Doku-Trend und Öko-Boom dürften diese Delfine in der Zuschauergunst ziemlich oben schwimmen. Natur und Tiere gehen schließlich (fast) immer – erst recht, wenn es sich um solche Sympathieträger mit scheinbar grinsender Mimik handelt. Der Publikumspreis in Sundance gibt die Richtung vor: „Wir lieben Flipper, Flipper, den Freund aller Tiere….“. 

Dieter Oßwald

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