Eine schwule Liebesgeschichte in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs erzählt der belgische Regisseur Lukas Dhont in seinem dritten Spielfilm. Dabei geht es zunehmend um die Frage, wer ein Feigling ist: Derjenige, der nicht an der unmittelbaren Front kämpfen will oder derjenige, der seine Sexualität nur im Schutz der Ausnahmesituation ausleben kann. Ein berührender Film mit zwei starken Hauptdarstellern, die beim Filmfestival in Cannes für ihre Leistung mit dem Preis als beste Darsteller ausgezeichnet wurden.
Über den Film
Originaltitel
Coward
Deutscher Titel
Coward
Produktionsland
BE, FR, NL
Filmdauer
120 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Michiel Dhont
Regisseur
Lukas Dhont
Verleih
MUBI Deutschland GmbH
Starttermin
31.12.2026
1916. Der junge belgische Soldat Pierre (Emmanuel Macchia) kommt an die Front, noch muss er zwar nicht aus den Schützengräben ins umkämpfte Niemandsland vorrücken, doch die Grauen des Ersten Weltkrieges sind jederzeit zu spüren. Pierre wirkt zurückhaltender als seine Kameraden, bleibt oft allein, macht bei den rituellen Beweisen der Männlichkeit nicht mit.
Während seine Kameraden mit sexuellen Eroberungen prahlen oder in den Suppentopf der deutschen Kriegsgefangenen pinkeln, zeigt Pierre Empathie für gegnerische Soldaten, wirkt ängstlich, als es dann doch unmittelbar an die Front geht. Ist er der Feigling des Titels, der sich am liebsten vor dem Kampf drücken würde?
Bald lernt Pierre den gleichaltrigen Francis (Valentin Campagne) kennen, den Sohn eines Schneiders, der mit einigen anderen Soldaten eine Revue vorbereitet, die die Soldaten für ein paar Momente von den Grauen des Krieges ablenken sollen. Es wird gesungen und getanzt, in Ermangelung von Frauen übernehmen die jungen Männer auch die weiblichen Rollen, schneidern Kostüme, treten in Frauenkleidern auf.
Auch Pierre wirkt bei den zunehmend aufwändigen Aufführungen mit, zumal er sich zu Francis hingezogen fühlt. Doch während Pierre auch von einer gemeinsamen Zeit nach dem Krieg träumt, imaginiert, mit Francis zusammen wegzugehen, irgendwo dahin, wo das Paar zusammen sein kann, weißt Francis den Gedanken an eine gemeinsame Zukunft von sich: Nur im Schutz des Krieges, der besonderen Situation, ist es ihm möglich, zu seiner Sexualität zu stehen: Ist er also der Feigling?
Viele Millionen junger Männer wurden im Ersten Weltkrieg an die Front geschickt, viele verloren ihr Leben, kehrten verstümmelt und entstellt zurück. Ausgerechnet in dieser Situation eine schwule Liebesgeschichte zu erzählen, mutet auf den ersten Blick seltsam an, dürfte jedoch sehr realistisch sein. Gerade in der von Testosteron und Männlichkeitsritualen geprägten Armee, in der Homophobie zum guten Ton gehörte, dürfte es auch zahlreiche homosexuelle Begegnungen gegeben haben, war es im Schatten der Ausnahmesituation möglich das auszuleben, was im normalen Leben nicht möglich schien.
Mit diesen Gegensätzen und Widersprüchen spielt der belgische Regisseur Lukas Dhont, der in seinem dritten Film erneut eine Geschichte erzählt, die nicht frei von allzu kalkulierten Momenten erscheint, die schon seine beiden ersten Filme „Girl“ und „Close“ prägten. Hier ist es der allzu betont herausgestellte Kontrast zwischen Krieg und Theater, zwischen Szenen, in denen Pierre etwa unter Einsatz seines Lebens einen Stacheldrahtzaun reparieren oder schwer verwundete Kameraden in Sicherheit bringen muss und den geradezu bukolischen Momenten auf der Bühne, der in Momenten etwas didaktisch wirkt. Ebenso wie die beiden Formen von Feigheit, die Dhont bisweilen etwas zu deutlich ausbuchstabiert.
Viel überzeugender wirken dagegen die Revueszenen, die berühmte Momente von Jean Renoirs Klassiker „Die große Illusion“ weiterspinnen und auf ihre inneren Widersprüche hin untersuchen: Eine im Kern homophobe Armee, die sich dennoch zumindest für Momente von einer Transvestieaufführung betören lässt.
In dieser Welt fühlt sich erstaunlicherweise der scheinbar schüchterne Pierre wohler als der offen schwule Francis. In einem langen Epilog, der fast wie eine allzu schöne Phantasie wirkt, imaginiert Lukas Dhont ein traumhaftes Ende, das vielleicht nicht unbedingt realistisch erscheint, aber zu dieser berührenden Liebesgeschichte passt.
Michael Meyns






