Daratt – Zeit der Entscheidung

Allein die Tatsache, dass man im deutschen Kino nicht allzu viele Filme aus Afrika zu sehen bekommt, macht „Daratt – Zeit der Entscheidung“ sehenswert. Ganz abgesehen davon ist Mahemet-Saleh Haroun hier ein subtil erzählter Film über Rache und Vergebung gelungen. Angesiedelt im Tschad schildert er die schwierige Situation nach dem jahrelangen Bürgerkrieg, der das zivilisierte Zusammenleben der Volksgruppen nahezu unmöglich gemacht hat.

Webseite: www.kairosfilm.de

Tschad/Frankreich 2006
Regie und Buch: Mahemet-Saleh Haroun
Musik: Wasis Diop
Darsteller: Ali Bacha Barkai, Youssouf Djaro, Aziza Hisseine, Djibril Ibrahim, Fatimé Hadje, Khayar Dumar Defallen
95 Minuten Format: 1:1,85
Verleih: Kairos Filmverleih
Kinostart: Frühjahr 2008

PRESSESTIMMEN:

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FILMKRITIK:

„Daratt – Zeit der Entscheidung“ ist der erste Deutschlandstart eines Films, der im Rahmend es Projekts „New Crowned Hope“ entstanden ist. Anläßlich des Mozartjahres 2006 riefen die Wiener Festwochen das Projekt ins Leben, bei dem sechs außereuropäische Regisseure – darunter Tsai Ming-Liang und Apichatpong Weerasethakul – Filme drehten, die mehr oder weniger lose auf Mozart-Opern basierten. Mahemet-Saleh Haroun Film nimmt Motive der Oper “La Clemenza di Tito” auf, deren Handlung um Schuld und Vergebung kreist und verlegt die Geschichte in den Tschad. 

Kurz nach dem 40 Jahre währenden Bürgerkrieg. Die Regierung erlässt eine weit reichende Amnestie für Kriegsverbrecher, die zur Friedenssicherung notwendig ist, bei weiten Teilen der Bevölkerung jedoch auf Ablehnung stößt. So auch bei einem blinden, alten Mann, in einem abgelegenen Dorf. Er drückt seinem Neffen Atim einen Revolver in die Hand und schickt ihn in die Hauptstadt N’Djamena. Dort soll Atim den Mann töten, der kurz vor seiner Geburt, seinen Vater getötet hat. Schnell findet er diesen Mann, der Nassara heißt, und eine kleine Bäckerei betreibt. Doch die Ausführung der Tat erweißt sich als weniger einfach. Zwar ist Nassara kein durch und durch sympathischer Mensch – auch wenn er jeden Morgen Kindern vom übrig gebliebenen Brot gibt – aber er ist auch nicht der Widerling, als den Atim ihn sich wohl vorgestellt hat. Stattdessen lebt er zurückgezogen mit seiner jüngeren, schwangeren Frau, durch eine Wunde am Hals nicht in der Lage ohne ein mechanisches Hilfsgerät zu sprechen, von der Dorfgemeinschaft isoliert. Und dann bietet er Atim auch noch einen Job an.

So leben potentieller Täter und Opfer unter einem Dach, arbeiten Seite an Seite und lernen sich langsam kennen. Wie Haroun dies erzählt könnte subtiler nicht sein. Nur wenige Worte fallen, kein Gedanke wird plakativ auf den Punkt gebracht, allein die Gesten und Minen erzählen die Geschichte. Und während Atim mit seinem Auftrag ringt, zwischen mehr anerzogener als wirklich gefühlter Aversion und einer echten Sympathie für Nassara hin und her gerissen ist, offenbart der zunächst so schroff wirkende Nassara unerwartet weiche Seiten. 

Aus diesem Wechselspiel, diesem Kontrast zweier Menschen, zweier Generationen speist sich die Spannung des Films. Ganz langsam vollzieht sich in den Figuren eine Entwicklung, die zu solch überraschenden Momenten führt, wie das Angebot Nassaras Atim zu adoptieren. Es dürfte klar sein, dass Mahemet-Saleh Haroun seinen Film nicht mit dem Tod von Nassara beendet. Eine solche Auflösung würde der Komplexität des Erzählten auch nicht gerecht werden. Stattdessen findet Haroun ein schlichtes, poetisches Schlussbild, das der Schönheit des Films gerecht wird.

 

Michael Meyns