Das bessere Leben

In ihren Filmen geht es um die Existenz, um Brüche in der weiblichen Biografie, kurz: um das Leben. Das lässt sich an den (deutschen) Titeln der Filme von Malgoska Szumowska ablesen: Auf "Leben in mir" (2004) und "33 Szenen aus dem Leben" (2007) folgt nun "Das bessere Leben". Die Geschichte spielt zwar in Paris, gedreht wurde aber mit Unterstützung der Filmstiftung NRW größtenteils in Köln und Düsseldorf. Trotzdem mangelt es dem Film nicht an Authentizität, im Gegenteil: Die Geschichte über eine Journalistin und zwei junge Studentinnen, die sich als Prostituierte verdingen, ist ein mitreißendes Drama und spürt das Existenzielle im Alltäglichen auf. In der Hauptrolle brilliert Juliette Binoche, der Film eröffnet die Panorama-Sektion der diesjährigen Berlinale (2012).

Webseite: www.zorrofilm.de

Originaltitel: Elles
Polen/Frankreich/Deutschland 2011
Regie: Malgoska Szumowska
Darsteller: Juliette Binoche, Anaïs Demoustier, Joanna Kulig, Louis-Do de Lencquessaing, Krystina Janda
96 Minuten
Verleih: Zorrofilm
Kinostart: 29. März 2012

PRESSESTIMMEN:

"Das bessere Leben", zu großen Teilen in Köln und Düsseldorf gedreht, ist stimmungsvoll inszeniert und beeindruckend gespielt. Juliette Binoche brilliert als Großbürgerliche, die mit den jungen Escort-Damen zunehmend sympathisiert und schließlich am neuen, gewandelten Fokus auf die eigene Existenz zu zerbrechen droht. (…) Regisseurin Malgoska Szumowska zeigt mit "Das bessere Leben" ein verstörendes neues Verständnis von weiblicher Emanzipation durch Prostitution: Mit dem bewussten Verkauf des eigenen Körpers bestimmen die Mädchen über sich selbst. Und sie gewinnen Macht über ihre Freier, wenn sie ihnen außergewöhnliche sexuelle Wünsche erfüllen. Szumowska zeigt allerdings auch die Kehrseite der Medaille, als ein Treffen mit einem Freier für Charlotte in einer Vergewaltigung endet. Ein provokanter Film. Vor allem, da es die Regisseurin bei Beobachtungen belässt, Antworten oder gar eine Bewertung vorenthält. Die moralische Diskussion bleibt dem Zuschauer überlassen. Und genau das macht diesen Film so stark.
Kultur.ARD.de

FILMKRITIK:

Anna (Juliette Binoche) hat alle Hände voll zu tun: für den Abend muss sie ein Geschäftsessen ihres Mannes vorbereiten, ihre beiden Söhne sorgen für Ärger – und so ganz nebenbei steht die Abgabefrist ihres neuen Artikels bevor. Denn Anna ist nicht nur Hausfrau, Ehefrau, Mutter, sondern auch eine erfolgreiche Journalistin. In der Reportage beschäftigt sie sich mit jungen Studentinnen, die zur Aufbesserung ihres schmalen Budgets mit meist viel älteren Männern schlafen. Die Arbeit an dem Artikel hat Anna zutiefst verunsichert, denn ihre Interview-Partnerinnen Alicia (Joanna Kulig) und Charlotte (Anaïs Demoustier) entsprechen so gar nicht dem Klischee des armen, ausgenutzten Mädchens. Beide brauchen zwar das Geld, aber sie sind gleichzeitig selbstbewusste junge Frauen, erfolgreich im Studium, die ihr Leben selbstbestimmt genießen. Was Anna von sich selbst nicht behaupten kann…

Aus "Das bessere Leben" hätte eine unerträgliche Moralfabel werden können, ja fast müssen. Denn die Grundhaltung des Films ist dezidiert feministisch und kapitalismus-kritisch. Aber das Wunder geschieht, und es entsteht ein mitreißendes Drama, das genau beobachtet, ohne zu bewerten – und aus der sich klug entfaltenden Geschichte heraus dann doch klar Stellung bezieht. Die kreative Kraft hinter dem Film besteht aus einem rein weiblichen Quartett – neben Szumowska und Binoche die Drehbuchautorin Tine Byckel und die Produzentin Marianne Slot –, und dieser weibliche Blick auf das Geschehen ist unerlässlich für sein Gelingen. So gibt es Sex-Szenen ohne jeden Voyeurismus, die eine überraschende, oft unangenehme Nähe und Erotik zulassen, und denen doch zugleich der Warencharakter einer Dienstleistung eingewoben ist.

Die Geschichte wird durch den Zusammenprall der gut situiert lebenden Anna mit den lebenshungrigen jungen Frauen in Schwingung versetzt und weitet sich zu einem Panorama der spätkapitalistischen Gesellschaft. Denn Anna lebt in der Welt, nach der Alicia und Charlotte lechzen: ohne finanzielle Sorgen und mit Riesen-Appartement, Design-Sofa und elektrischem Korkenzieher. Aber Annas Leben ist leer, sie kämpft endlos mit der Tücke des Alltags und des Objekts, dem Kühlschrank, dem Einkaufswagen, dem Weinöffner. Und wenn ihr Mann nach Hause kommt, hat er eine Bohrmaschine gekauft, die er nicht braucht, nur weil es eben ein neues Modell gibt. Mehr haben die beiden sich auch nicht zu sagen, ihre Liebe ist tot, die Rollen noch so verteilt wie seit jeher: Sie schmeißt den Haushalt und ihren Job, er verdient das "richtige" Geld. Aber die Macherinnen lassen auch die Studentinnen nicht ungeschoren davon kommen. Denn dass sie sich für Geld hingeben, hinterlässt in ihrem Leben Spuren, auch wenn der Sex Spaß macht. Am schlimmsten, sagt Charlotte, ist das ständige Lügen. Und auch ihre Beziehung zerbricht.

Oliver Kaever

Anne, gutes Mittelalter, ist in Paris verheiratet und hat zwei Söhne. Ihr Mann ist nicht allzu oft da und im Übrigen ziemlich passiv. Mit dem älteren Sohn, jetzt im Pubertätsalter, kommt sie schwer zurecht. Nur der kleinste fällt nicht aus der Rolle. Sie arbeitet als Kolumnistin für eine Frauenzeitschrift.

Gerade ist sie dabei, eine Reportage über Studentinnen zu schreiben. Spezielle Studentinnen, denn die zwei, um die es geht, die Französin Charlotte und die Polin Alicja, studieren nicht nur, sondern verdienen Geld, indem sie sich prostituieren. Anne führt lange Gespräche mit ihnen.

Zu ihrem Erstaunen stellt sich heraus, dass die Mädchen keineswegs moralische Bedenken haben oder sich schämen würden; nein, sie haben viel eher handfeste Gründe und Interessen, empfinden Ehrgeiz und Antrieb oder wollen ihre materielle Situation verbessern. „Erfolgsgier und Gewinnstreben sind an die Stelle von Jungfräulichkeit und Unschuld getreten“, heißt es dazu.

Ob sie will oder nicht, Anne wird davon beeinflusst. Wird sie nun auch ihr Leben in dieser Richtung etwas freier gestalten wollen? Ein erster Versuch mit ihrem Ehemann scheitert. Aber es ist anzunehmen, dass sich ihr Leben verändern wird.

Charakteristische Fallbeispiele, wie sie vorkommen. Keineswegs zimperlich ist der Film, was die Sexszenen betrifft. Charlotte (Anaïs Demoustier) und Alicja Joanna Kulig), beide schauspielerisch beachtlich, geben da ganz schön Gas.

Im Übrigen ist es ein exemplarischer Frauenfilm – von einer Frau (formal einwandfrei) in Szene gesetzt. Die Frau: „Was sind ihre Überzeugungen? Wovor hat sie Angst? Was erregt sie? Wie ist es, verheiratet zu sein, Mutter zu sein? Wie ist es, festgefahren zu sein?“, kommentiert Juliette Binoche, die die Anne spielt, in einem Interview das Thema.

Gesellschaftlich hat der Film ohne Zweifel Relevanz. Denn die vielseitigen Veränderungen, meist nur schleichend, verändern auch uns, ob wir es wollen oder nicht.

Typisch der französische Originaltitel „Elles“, womit ganz einfach die Frauen an sich gemeint sind. Doch auch der deutsche Verleihtitel ist gut gewählt. Denn genau um die Frage, welches das „bessere Leben“ sei, geht es.

A propos Juliette Binoche: Sie scheint sich dieses Mal mit ihrer „riskanten“ Rolle schwerer getan zu haben als sonst. Die gewohnte Souveränität fehlt.

Thomas Engel