Das gute Absichten nicht unbedingt zu einem guten Film führen ist eine Binsenweisheit, die sich mit Brandt Andersens Flüchtlingsdrama „Das Los des Fremden“ einmal mehr bestätigt, ein reißerischer Film, der eine dramatische Fluchtgeschichte über das Mittelmeer aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, dabei jedoch nicht über aktivistischen Agitprop hinauskommt.
Über den Film
Originaltitel
I was a Stranger
Deutscher Titel
Das Los des Fremden
Produktionsland
DEU
Filmdauer
103 min
Produktionsjahr
2024
Regisseur
Andersen, Brandt
Verleih
Kinostar Filmverleih GmbH
Starttermin
18.06.2026
In einem Krankenhaus in Chicago arbeitet die Syrerin Amira (Yasmine Al Massri). Jahre zuvor war sie Ärztin in Aleppo, einer Stadt im Norden des Landes, die während des Bürgerkriegs besonders schwer getroffen wurde. Zwischen Ruinen, unter dauerhaftem Beschuss, versucht Amira Verwundeten zu helfen, Leben zu retten.
Bald wird sie jedoch selbst Opfer des Krieges und muss, eingezwängt im Kofferraum eines Autos, zusammen mit ihrer Tochter Rasha (Massa Daoud) fliehen. „Die Ärztin“ heißt dieses Kapitel, dem weitere folgen, jeweils nach markanten Figuren benannt, denen auf der beschwerlichen Flucht nach Europa begegnet werden kann: Der Soldat, der Schlepper, der Dichter, schließlich der Kapitän.
Der Soldat heißt Mustafa (Yahya Mahayni), kämpft in der Armee des syrischen Präsidenten Bashar Al-Assad und muss oft brutale Befehle befolgen. In einem Flüchtlingscamp an der türkischen Küste agiert der Schlepper Marwan (Omar Sy), der keine Skrupel hat, den verängstigten Flüchtlingen auch noch das letzte Geld aus der Tasche zu ziehen, aber abseits seiner Arbeit selbst liebevoller Vater ist. Einer seiner notgedrungenen Kunden ist der Dichter Fathi (Ziad Bakri), ein Ägypter, der zustimmt sich mit seiner Familie in einem wenig vertrauenerweckenden Schlauchboot nach Europa bringen zu lassen. Auf dem Meer wiederum agiert der griechische Kapitän Stavros (Constantine Markoulakis), der mit seinem Boot schon viele Flüchtlinge gerettet hat – aber Alpträume wegen denen hat, die er nicht retten konnte.
Fünf Figuren, fünf Perspektiven auf eines der großen Themen unserer Zeit. Realisiert wurde der Film von Brandt Andersen, hauptberuflich Aktivist, der sich vor einigen Jahren mit dem Kurzfilm „Refugee“ zum ersten Mal als Autor und Regisseur versuchte. „Das Los des Fremden“ erweitert den Inhalt des Kurzfilms auf Spielfilmlänge, stilistisch überzeugend, inhaltlich aber wenig vielschichtig.
Gerade die Szenen im umkämpften Aleppo, aber auch die dramatische Fahrt über das Meer inszeniert Andersen in reißerischen Bildern, die keinen Zweifel daran lassen, wie furchtbar die Situation ist, wie sehr die Flüchtlinge Hilfe verdienen. Was ohne Frage auch stimmt, allerdings wird jeder Zuschauer dieses Films ohnehin davon überzeugt sein, einen interessanten künstlerischen Ansatz verfolgt „Das Los des Fremden“ jedoch nicht: Agitation ist das Ziel, auf ein uns alle angehendes Problem soll Aufmerksam gemacht werden, doch dass er damit offene Türen einrennt, scheint Andersen nicht zu stören.
Der Komplexität der Thematik wird er mit diesem Ansatz nicht gerecht, welche unterschiedlichen Fluchtursachen es gibt bleibt ebenso außen vor, wie die Frage, welche Folgen Migration für die Gesellschaften Europas haben kann. Auch die Scheinheiligkeit des Westens könnte beleuchtet werden, wo einerseits Flüchtlinge oft abgelehnt werden, billige Arbeitskräfte, die abseits des Blicks der Öffentlichkeit ausgebeutet werden, aber zwingend notwendig sind, um die Wirtschaft des Westens am Laufen zu halten.
Doch um solche Ambivalenzen geht es Brandt Andersen nicht, allein in der schönen, zynischen Pointe, mit der er seinen Film enden lässt, wird die Scheinheiligkeit des Westens angedeutet. Abgesehen davon begnügt sich „Das Los des Fremden“ darin, dramatische, reißerische Bilder zu zeigen, die allzu beliebig bleiben, um mehr zu sein als Agitprop.
Michael Meyns







