Das Weiterleben der Ruth Klüger

Mit dem berührenden Dokumentarfilm „Das Weiterleben der Ruth Klüger“ gelingt Filmemacherin Renata Schmidtkunz ein authentischer Einblick in die Ansichten einer außergewöhnlichen Frau und Holocaust-Überlebenden. Das einfühlsame Portrait über eine der bedeutendsten Literaturwissenschaftlerinnen unserer Zeit kommt, trotz intimer Nähe, ohne voyeuristischen Touch einer Homestory aus. Gleichzeitig spiegelt es hellsichtig den Umgang der Gesellschaft mit der Vergangenheit. Besonders Ruth Klügers unpathetische, unkonventionelle Art, ihre sensible Unerbittlichkeit und analytische Distanz in der Auseinandersetzung mit der Shoa macht dieses unprätentiöse Portrait sehenswert.

Webseite: kairosfilm.de

Österreich 2011
Regie: Renata Schmidtkunz
Kamera: Avner Shahaf, Heribert Senegacnik, Oliver Indra
Schnitt: Gernot Grassl, Tanja Lesowsky
Darsteller: Ruth Klüger, Percy Angress, Dan Angress, Laurie Angress, Isabela Angress, River Angress, Gail Harth, Herbert Lehnert, Thedel von Walmoden, Sigrid Löffler, Eva Geber
Länge: 83 Minuten
Verleih: KAIROS
Kinostart: 9.5.2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Die charmante und jung wirkende Achtzigjährige mit der leicht, rebellischen grauen Kurzhaarfrisur sitzt in der Maske. Grund: eine Ansprache vor dem österreichischen Parlament zum Gedenktag gegen Rassismus. „Und die Haare?“, fragt die Stylistin. „Mit denen ist wenig anzufangen“, sagt die gebürtige Wienerin mit kritischem Blick. „Ich könnte sie ihnen aufföhnen“, schlägt die Stylistin vor. Ruth Klüger stimmt zu und hält sofort inne: „Was für ein Wort haben Sie verwendet?“ Die leidenschaftliche Germanistin und Lyrikerin sinniert über den Ausdruck.

Kurz darauf bezeichnet sich die Überlebende des Holocaust in ihrer Rede ironisch als „Auslaufmodell“. Es ist nicht zuletzt diese unsentimentale Nüchternheit der Bestsellerautorin die besticht und dieses unprätentiöse Portrait so wertvoll macht. Keinesfalls will sich die Mutter von zwei erwachsenen Söhnen, die auf ein bewegtes Leben zwischen Wien, Kalifornien, Göttingen und Israel zurückblickt, einzig als Opfer definiert wissen. Nicht der der Unterschied zwischen Täter und Opfer interessiert die ehemalige Hochschullehrerin, sondern der zwischen Opfersein und Freisein. Gleichzeitig macht sie klar, dass die Überlebenden nicht zuständig sind für Verzeihung.

„Wem soll ich anonym dafür vergeben, dass mein Vater ermordet wurde?“, fragt sie. Präzise unterscheidet die bekennende Feministin „zwischen verdrängen, vergessen und überwinden.“ Als sie sich ihre Tätowierung mit der KZ-Nummer wieder entfernen ließ, begegnete ihr nicht selten Unverständnis. „Doch mir ging es auf die Nerven, dass die Leute in Deutschland und Österreich immer auf die Nummer gestarrt haben“, erzählt die Unkonventionelle, „und manchmal aggressiv reagiert haben, als ob ich das absichtlich zur Schau stellte.“ Die ungewöhnliche Offenheit, mit der Ruth Klüger spricht, prägt den Film.

„In Deutschland meinen die Leute immer“, sagt sie, „dass ich ihnen eine Last aufbürden will“. An ein „Nie wieder“ glaubt die Realistin wenig. Für sie persönlich, betont sie vor dem Holocaust Memorial in Yad Vashem, geht es „um die Bewältigung der Gegenwart und nicht nur um die der Vergangenheit.“ Mit der Filmemacherin besucht die Tochter eines jüdischen Frauenarztes zum ersten Mal in ihrem Leben das Gelände des KZs von Bergen-Belsen. Dort hätte sie als Teenager 1945 von den Nazis ermordet werden sollen, wäre ihr nicht zusammen mit ihrer Mutter die Flucht gelungen. Nach jüdischem Brauch legt sie auf den Gedenkstein für Anne Frank einen Stein.

Die Kamera begleitet die agile Emigrantin auch nach Jerusalem. „Israel ist irgendwie Bestandteil meines inneren Mobiliars“, stellt sie fest. „Denn dort wäre ich zu Hause gewesen. Auch wenn ich Hebräisch mit deutschem Akzent gesprochen hätte, wäre es noch immer meine Sprache gewesen“. Gleichzeitig sagt sie über den jüdischen Staat: „Das ist absolut nicht mein Land. Ich hätte nur ganz gern, es wäre mein Land geworden“. Als sie in den späten 1940er Jahren immigrieren wollte, bedeuteten die Behörden ihr, dass sie nicht willkommen sei: „Sie brauchten Soldaten für ihren Krieg“, vermutet sie. So ging Ruth Klüger mit ihrer Mutter nach Amerika, studierte Literaturwissenschaft und auch Germanistik.

Und immer wieder Wien. Die Donaumetropole bleibt eine Wunde: „Wiens Wunde, die ich bin und meine Wunde, die Wien ist, sind unheilbar.“ Diesen Satz stellt die ORF-Redakteurin Schmidtkunz ihrem Film voran. Dennoch ist Ruth Klüger der Stolz über die ehrende Aufmerksamkeit, die in Wien im nach hinein erfährt, der Stadt der tiefen Demütigung ihrer Jugend, anzusehen. Und offen gibt sie auch zu, wie sehr sie es genießt, ihren Sohn Dan und ihre Schwiegertochter damit zu beeindrucken. Von Wien, ihrer Geburtsstadt, und der europäischen Kultur kommt sie nicht los. Eindringlich wird deutlich, dass sie auch eine Zerrissene wurde. Gezwungen „dazwischen“ zu leben. Zwischen Europa und Amerika, Traumatisierung und Kindheitstraum, den Sprachen und Kulturen, dem Misstrauen und Vertrauen, in der Zwiespältigkeit der Gefühle.

Luitgard Koch