Der zerbrochene Klang

Zusammen mit dem deutsch-amerikanischen Musiker Alan Bern versucht die Musik-Dokumentation „Der zerbrochene Klang“, eine Tradition des Zusammenspiels von jüdischen und Roma-Musikern wiederzubeleben, die in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts im osteuropäischen Bessarabien Realität war. Anders als übliche „Tour-Dokus“ hält dieser Film auch das partielle Scheitern seines Protagonisten fest, der nur schwer Theorie und Praxis zusammenbringen kann.

Webseite: www.other-europeans-film.de

BRD 2011
Regie: Yvonne Andrä, Wolfgang Andrä
Länge: 122 Min. OV (Englisch, Russisch, Deutsch, Französisch, Ungarisch, Jiddisch, Rumänisch)
Verleih: 1meter60 Film
Kinostart: 19.4.2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts lebten jüdische und Roma-Musikerfamilien in Bessarabien (dem heutigen Moldawien) zusammen, heirateten untereinander und musizierten gemeinsam. Diese jüdischen Klezmer- und Roma-Lautarmusiker formten eine einzigartige Musikkultur, die durch den Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.“ Mit diesem Insert startet die Dokumentation „Der zerbrochene Klang“ von Yvonne und Wolfgang Andrä ihre Suche nach einer vergessenen Art zu spielen. Initiiert vom Amerikaner Alan Bern, der auch in Deutschland musikalisch tätig ist, und finanziert von der Europäischen Union, versuchen 14 Musiker, die sich 2008 als „The Other Europeans“ neu zusammenfinden, den Klang eines idealisierten Bessarabiens zu rekonstruieren. In der multiethnischen Region am Schwarzen Meer, die von 1918 bis zur sowjetischen Besatzung 1940 Teil Rumäniens war und heute größtenteils zur Republik Moldawien gehört, solle es ein Miteinander der musikalischen Strömungen und der Volksgruppen von Juden und Roma gegeben haben.

Es ist die bekannte Suche nach einer ursprünglicheren Melodie, nach einem alten Motiv, vertraut auch aus Tony Gatlifs im ähnlicher Umgebung verorteten Spielfilm „Gadjo Dilo“ oder ganz generell vom Ton-Ethnologen Alan Lomax. Alan Bern referiert mit alten Aufnahmen jüdischer Musik aus dieser Zeit, nur von der Lautar genannten Roma-Musik gibt es keine Dokumente. Sie seien sogar noch vor 20, 30 Jahren gelöscht worden, erzählt einer der Musiker im Film. So bauen sich die – wie Paul Brody – teilweise international bekannten Vertreter des Klezmers und der Lautar-Musik etwas aus gehörten Überlieferungen zusammen. Dabei gibt es allerdings nicht nur beim ersten Zusammentreffen Verständigungsprobleme, die sich auch nicht auflösen, als die Instrumente loslegen.

Man könnte ergründen, ob „Der zerbrochene Klang“ als begleitender Feier-Film zu Tournee und CD von „The Other Europeans“ geplant war. Herausgekommen ist zum Glück etwas anderes, eine Musikdokumentation mit mehr Text- als Musik-Anteilen sowie das Dokument des teilweisen Scheiterns eines Projekts, das trotzdem noch weiterläuft. Zentrale und tragische Figur ist Initiator Alan Bern. Schon bei den ersten Proben, noch in Klezmer- und Roma-Gruppe getrennt, steht eine Frage in beiden Räumen: „Was wollen wir eigentlich?“ Vor allem die genial und in unfassbarer Geschwindigkeit improvisierenden Künstler der Gypsy-Musik, die durch Komponisten wie Goran Bregovic oder Bands wie „Taraf de Haidouks“ weltweit populär wurde, lassen sich nur schwer auf eine weniger kapriziöse, ältere Form ihrer Musik runterbremsen. Der ungarische Cimbalom-Virtuose Kálmán Balogh zweifelt konstant, wenn seine Hände nicht über die Saiten fliegen. Den Praktikern Osteuropas, die immer noch spielen, um Geld zu verdienen, steht die Fraktion der Amerikaner gegenüber, die sich den Luxus einer Identitätssuche erlauben können. Das wird in intensiveren Porträts von vier beteiligten Musikern deutlich. Alan Bern begibt sich gleichzeitig auf die Suche nach den Wurzeln seiner jüdischen Familie in Edinet, im Norden Moldawiens. Dort, wo an den ersten zwei Tagen der deutschen Besatzung 1030 Juden erschossen wurden und nur noch 37 von ursprünglich 5000 Juden leben.

Deutlich wird, dass dieser Film wie auch das Projekt dem ausgeprägten jüdischen Traditionsbewusstsein entspringt. Nur scheitert der dozierende Akademiker Bern bei seinen vielen Ansprachen daran, seine aus der jüdischen Identität gründenden Gefühle von den Mitspielern im Klezmer erfolgreich einzufordern. Konzerte gibt es nach langen Auseinandersetzungen und Pausen trotzdem, die Musik macht großen Spaß und berührt. Hintergründe etwa zum Alltag der Roma-Musiker werden nicht referiert, sondern lassen sich entdecken, was angesichts der Hauptfigur des Films sehr angenehm ist. Wobei Berns akademische Ansprachen durchaus informativ sind, nur stimmt man seinem Kontrabass- und Tuba-Spieler Mark Rubin gerne bei, dass sowohl Klezmer als auch Lautar als Hochzeitsmusik, also Gebrauchsmusik von gesellschaftlichen Randgruppen beliebt wurde und in ihrer natürlichen Umgebung stärker wirkt, als in intellektuell oder kulturell überhöhten Kontexten.

Günter H. Jekubzik

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