Descendants, The – Familie und andere Angelegenheiten

Alexander Payne ist als Autor und Regisseur einfühlsamer Spezialist für menschliche Befindlichkeiten und Verwicklungen ("Sideways", "About Schmidt"). Für seinen neuen Film "The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten" hat er den gleichnamigen Debütroman von Kaui Hart Hemmings adaptiert. George Clooney verkörpert darin einen leidgeprüften Ehemann, der mit seinen beiden Töchtern durch manche Untiefen des Lebens gehen muß, um sich selbst zu finden. Als optisch einladender Kontrast dazu dient das tropische Inselparadies Hawaii. Keine verbiestertes Melodram, sondern eine gut besetzte Tragikomödie mit Herz.

Webseite: www.the-descendants.de

OT: The Descendants
USA 2011
Regie: Alexander Payne
Drehbuch: Alexander Payne, Nat Faxon, Jim Rash
Darsteller: George Clooney, Shailene Woodley, Amara Miller, Patricia Hastie, Beau Bridges, Robert Forster, Judy Greer u.a.
Länge: 110 Min.
Verleih: 20th Century Fox of Germany
Kinostart: 26. Januar 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Matt King (George Clooney) ist Anwalt und lebt mit seiner Familie in Honolulu auf Hawaii, ein etablierter Bestandteil der Grundbesitzer-Schicht. Als Ehefrau Elizabeth (Patricia Hastie) bei einem schweren Bootsunfall ins Koma fällt und Matt außerdem noch erfährt, daß sie eine Äffäre hatte, beginnt sein sicher geglaubtes Lebenskonzept ins Schlingern zu geraten. Da sind die Töchter, die 17-jährige Alexandra (Shailene Woodley) und die 10-Jährige Scottie (Amara Miller), um die er sich nun verstärkt kümmern muß und dann der umfangreiche Familien-Clan, für den er als Treuhänder der familieneigenen Ländereien fungiert. Vor allem muß er sein Leben neu überdenken und ordnen. Er weiß, daß Elizabeth nicht mehr aus dem Koma erwachen wird.

Unsicher, planlos beginnt er mit seinen Töchtern nach dem Liebhaber seiner Frau zu suchen. Antriebskraft ist nicht gerade seine Stärke. Dass die Vaterrolle in schwierigen Situationen einem viel abverlangt, merkt Matt erst jetzt. Entsprechend linkisch verhält er sich. Familiäres Engagement war ihm bisher fremd. Die Töchter lassen ihm das aber nicht mehr durchgehen. Einer der emotional stärksten Momente ist dabei die Swimming-Pool-Szene, bei der Alexandra unter Wasser ihre Trauer und ihren Frust herausschreit. "

The Descendants" zeigt berührende und komische Elemente. Es gibt auch keine Helden, eher Antihelden – eine willkommene Gelegenheit für George Clooney, neue Facetten seines Könnens zu zeigen. Vielschichtig ist der Film durch das Reiben von familiären Gefühlen und Konflikten, von Trauer, Wut, Missverständnissen und Sehnsucht sowie durch den ethnischen Hintergrund der Familie King. Deren Wurzeln reichen bis zu einer alten hawaiianischen Königsdynastie zurück und weist naturgemäß sehr unterschiedliche Charaktere auf, die miteinander auskommen, mit Schicksalen und den Traditionen ihrer Herkunft umgehen müssen. Letztlich kann Matt einer gewichtigen Entscheidung nicht mehr aus dem Weg gehen: Soll er den uralten Familienbesitz, eine der schönsten unberührten Buchten der Inseln, verkaufen, um den Weg für Urlaubsresorts und andere Luxus-Immobilien freizumachen?

Die meisten Clan-Angehörigen sind dafür, etwa Cousin Hugh (Beau Bridges), ein flippig-lässiger Typ, der dringend Geld braucht – seine Spät-Hippie-Figur hat etwas schräges. Nicht nur Bridges macht aus seiner Nebenrolle ein Highlight. Leinwand-Legende Robert Forster, der Schwiegervater Scott Thorson verkörpert, gibt seiner Figur etwas ruppig-mürrisches als ehemaliger Berufssoldat, aber auch etwas verletzlich-hilfloses angesichts der Alzheimer-Krankheit der eigenen Frau. Sid, Alexandras Freund, bekommt diese Hilflosigkeit in Form eines Kinnhakens leibhaftig zu spüren. Er wird dargestellt von Teenie-Star Nick Krause, dessen vorlautes, unbedarftes Auftreten eben nicht nur für Lacher sorgt.

Mit ihrer emotionalen Achterbahnfahrt sind die Darstellerinnen von Matts Töchtern die interessantesten Figuren des Films. Shailene Woodley als eigensinnige, trotzige, reizbare Alexandra und Amara Miller als kindliche, rätselhafte Scottie. Eine kleine Exzentrikerin. Matthew Lillard als Brian Speer gibt den Liebhaber von Matts Frau, ein Familienvater auf Abwegen, der unbewußt als Katalysator für die Hauptfigur Matt agiert. Brians Frau Julie – sensibel, im Zweifel explosiv – wird von Judy Greer gespielt. Alles unterschiedliche Charaktere, aber alle auch "Descendants" – Abkömmlinge, Nachfahren und Absteiger bzw. vom Weg Abgekommene. Das Wort hat zwei Bedeutungen.

Die tropischen Hawaii-Inseln stellen den optischen Kontrast zur Handlung dar – eine selten zu sehende Szenerie in amerikanischen Filmen. Üppig ist die Vegetation, einladend die Strände. Da läßt man sich gerne auf diese komische und berührende Tragikomödie mit einem sehr guten Ensemble ein.

Heinz-Jürgen Rippert

Hawaii. Sind die Menschen dort im Dauerurlaub? Trinken und surfen sie nur – und wackeln mit dem Hüften? Es sieht keineswegs so aus.

Matt King ist der Beauftragte eines ganzen Clans von Verwandten. Vor Generationen erhielt diese Sippe wertvolles Land vermacht, das sie immer erhalten und gepflegt hat. Jetzt sind viele dafür, dass es verkauft werden soll. Eine schöne Summe winkt.

Matt ist verheiratet. Seine Frau rast mit einem Speed-Boat vor dem Strand von Waikiki über den Pazifik. Plötzlich Unfall. Sie fällt in ein tiefes Koma.

Die etwa zehnjährige Scottie und die jugendliche Alexandra sind die Mädchen der Familie. Alexandra kann es nicht mehr bei sich behalten: Die Mutter hatte einen Geliebten! Jetzt hat Matt dies zu verarbeiten, und gleichzeitig plagt ihn der mögliche Verkauf der Ländereien. Viele Verwandte scheren sich nicht um die Grundstücke. Sie wollen Geld sehen. Matt aber ist sehr unschlüssig.

Die todkranke Frau im Krankenhaus besuchen, sich um die Mädchen kümmern, herausfinden, wer der Geliebte seiner Frau war, das ist es, was Matt nun tut, tun muss. Das wird sein Leben ändern.

The Descendants heißt der Film im Original. Der Titel ist doppeldeutig. The Descendants sind die Abkömmlinge früherer Geschlechter. Aber es kann auch bedeuten, dass es abwärts geht. Zweifellos fühlt Matt sich momentan in einer solchen Lebens-Abwärtsbewegung.

Die Frau stirbt. Sie war nicht mehr zu retten. Matt wird mit den beiden Töchtern ein neues Leben anfangen müssen. Früher hatte er Vergeltungs- und Rachegedanken dem Geliebten seiner Frau gegenüber. Jetzt versöhnt er sich mit ihm.

Ein sensibler, von der menschlich-psychologischen Seite her sehr gut gebauter und in Szene gesetzter Film. Kein Wunder bei diesem Regisseur: Alexander Payne (2004 Oscar für „Sideways“).

Der Trumpf der Produktion: George Clooneys Spiel. Man wusste schon immer, dass er – abgesehen davon, dass er zu den Beaus zählt – ein exzellenter Darsteller ist. Was er hier bietet, ist schon künstlerisch ziemlich hoch zu bewerten. Es wäre nicht verwunderlich, wenn dafür nicht wenigstens eine Oscar-Nominierung herausspringen würde.

Thomas Engel