Michel Petrucciani – Leben gegen die Zeit

Bislang als Regisseur von Spielfilmen wie „Der Postmann“ oder „Der Kaufmann von Venedig“ bekannt, widmet sich Michael Radford in seiner Dokumentation dem filmreifen Leben Michel Petruccianis. Dieser schaffte es durch unermüdliche Arbeit, alle durch seine Kleinwüchsigkeit auftretenden Schwierigkeiten zu überwinden und ein bedeutender Jazzpianist zu werden. Eine mitreißende Dokumentation, die auch die dunkleren Seiten von Petruccianis Charakter nicht verschweigt.

Webseite: www.polyband.de

Deutschland, Frankreich, Italien 2011 – Dokumentation
Regie: Michael Radford
Länge: 103 Minuten
Verleih: polyband Medien
Kinostart: 8. Dezember 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

In Deutschland berühmt wurde Michel Petrucciani erst spät, nach dem er in der Welt des Jazz schon eine feste Größe war: Ab 1994 trat er regelmäßig in Roger Willemsens ZDF-Sendung „Willemsens Woche“ auf. Im Stehen reichte der an der seltenen Glasknochenkrankheit leidende Franzose, der kaum einen Meter groß war, gerade an die Tasten heran, wenn er aber auf dem Hocker saß und seine im Vergleich zum restlichen Körper sehr großen Hände mit rasender Geschwindigkeit über die Tasten jagten, da sah man nicht mehr den Kleinwüchsigen, sondern einen großen Jazzpianisten. Als Aushängeschild für Behindertenverbände, als Symbol für die Überwindung einer schweren Krankheit, die mit ständigen Schmerzen verbunden war, eignete sich Michel Petrucciani jedoch in keiner Weise. Zum einen weil er sein Leben bis zum Exzess auskostete, nach eigener Aussage jede Droge probierte, die ihm in der Jazzszene unterkam, sich gegenüber Freunden, Kollegen und Frauen oft mehr als schäbig benahm, vor allem aber, weil er seine Behinderung nie als wirkliche Behinderung wahrnahm.

Zumindest nie wahrnehmen wollte. Denn wie es in Michel Petrucciani wirklich aussah, dass vermag auch dieser Film nicht zu sagen. Vielleicht ist es aber auch nur der Blick von Außen, der sagt, dass ein Mann wie Petrucciani, dem als Baby niemand lange zu leben gab, der immer auf die Hilfe Anderer angewiesen war, der von den meisten Menschen fraglos mindestens so sehr wegen seiner Kleinwüchsigkeit als etwas Besonderes betrachtet wurde, wie für sein exzeptionelles Klavierspiel, intensiv über sein Schicksal gegrübelt haben muss. Folgt man allerdings der Sichtweise, die Michael Radfords Film einnimmt, dann hat Michel Petrucciani in den nur 36 Jahren, die er alt wurde, vor allem eins getan: Intensiver gelebt, als es die meisten anderen Menschen tun.

Ob dies tatsächlich ein Leben gegen die Zeit war, wie es der etwas reißerische Untertitel behauptet – und mit häufig eingeblendeten Uhren auch noch visuell untermauert – sei dahingestellt. Fakt ist, dass Petrucciani schon als kleines Kind begann Klavier zu spielen, bald mit seinem Vater auftrat, Anfang der 80er nach Amerika ging und sich schnell in der amerikanischen Jazzszene einen Namen machte. All dies erzählt Radford anhand von Archivaufnahmen, alten Interviews mit Petrucciani und neuen Gesprächen mit Freunden, Kollegen und Ex-Freundinnen. Die Qualität von Petruccianis Klavierspiel spricht dabei für sich, doch noch interessanter als der bekannte große Pianist, ist der ambivalente Charakter, den der Film entstehen lässt. Jahre nach Petruccianis Tod erinnern sich die einstigen Weggefährten einerseits an einen großen Künstler, der gern Späße machte und das Leben genoss, andererseits auch an einen Menschen, der alte Freunde komplett ignorierte, Freundinnen über Nacht verließ, sich arrogant und selbstherrlich aufführte. Gern hätte man noch mehr hinter die Fassade Michel Petruccianis geblickt, seinen offenbar komplexen Charakter noch mehr ergründet gesehen, aber auch in der jetzigen Form fasziniert „Michel Petrucciani – Leben gegen die Zeit“ in jedem Moment. Eine angenehm kritische Hommage an einen außergewöhnlichen Musiker und vor allem Menschen.

Michael Meyns

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