Er ist Pionier der mRNA-Forschung und galt als chancenreicher Kandidat für den Nobelpreis. Sein Start-up CureVac avancierte mit seinem Corona-Impfstoff zum Hoffnungsträger in der Pandemie und stieg zum milliardenschweren Börsenunternehmen auf, „Einhorn“-Status inklusive. Dann reißt eine Hirnblutung Ingmar Hoerr jäh aus seinem bisherigen Leben. Mühsam kämpft er sich zurück, auch privat folgen Rückschläge. Derartig viel Fallhöhe hat das Zeug zur klassischen Tragödie. Die Doku erzählt von Triumphen und Niederlagen, vom Erwartungsdruck und familiären Problemen. Ingmar Hoerr und seine Frau Sara sprechen mit großer Offenheit über ihr Leben. Für eine ungewöhnliche Begegnung mit Bill Gates geht es sogar in den Heizungskeller eines Pariser Hotels. „All-in“ lautet das Motto des Biopics. Keine Biografie im braven Kleine-Karo-Stil von Wikipedia, auch keine verklärende Heldenverehrung. „Der Mann, der das Impfen neu erfand“ könnte der Filmtitel lauten. Doch so heißt bereits ein Buch über den Wissenschaftspionier.
Über den Film
Originaltitel
Die Heilung – Eine Geschichte vom Weitermachen
Deutscher Titel
Die Heilung – Eine Geschichte vom Weitermachen
Produktionsland
DE
Filmdauer
83 min
Produktionsjahr
2026
Regisseur
Marcus Richardt
Verleih
mindjazz pictures UG
Starttermin
10.12.2026
„Wenn das funktioniert, kann man die ganze Medizin revolutionieren!“, sagt Hoerr gleich zu Beginn. Als Doktorand an der Universität Tübingen erkennt er früh das Potenzial der mRNA-Technologie und meldet 1999 mit Kollegen ein Patent an. Glauben will ihm damals kaum jemand. Ein Nobelpreisträger spricht ihm jede Qualifikation ab. „Das RNA-Zeug interessiert uns nicht!“, heißt es bei den Pharmafirmen.
„Die haben uns ausgelacht!“, berichtet Ehefrau Sara. „Ich hatte null Zweifel. Ich wusste, das funktioniert!“, erinnert sich ihr Mann an jene frühen Jahre. Aufgeben ist keine Option. Steherqualitäten bringen Hoerr weit, fordern freilich ihren Preis. Mit Forschung und Firmengründung steigt der Druck, den Pandemie und Börsengang rasant verschärfen. Während das Start-up wächst, schrumpft die Zeit für die Familie. „Du musst dir bewusst sein, dass ich schon ein Baby habe, nämlich CureVac“, sagt er zu seiner Frau einmal.
Das Regie-Duo Marcus Richardt und Lillian Rosa begleitet den Forscher nach Barcelona, wo das Ehepaar mit seinen Zwillingen zur Jungfernfahrt auf dem neuen Segelboot aufbricht. Die Familie hegt große Reisepläne. Dann kommt Corona. „Machen wir die Weltumseglung. Oder retten wir die Welt?“, fragt sich die Familie. Plötzlich schaut die ganze Welt auf Tübingen. Sogar US-Präsident Donald Trump schielt nach den schwäbischen Tüftlern.
Das Biopic setzt auf O-Töne, Archivmaterial und nachgestellte Szenen. Die Doku springt zwischen Forschung, Familie und Firmengeschichte. Wissenschaftliche Details interessieren weniger als das, was Erfolg, Erwartungsdruck und Krisen mit den Menschen machen. Immer wieder wird „Die Heilung“ zu „Szenen einer Ehe“. Emotional spricht Sara Hoerr über das Leben mit einem Mann, der für seine Arbeit alles gibt. Ihre Sicht auf Erfolg, Erschöpfung und Verantwortung verrät ebenso viel über diesen Wissenschaftler wie seine eigenen Worte.
Vor der Kamera ist Ingmar Hoerr in seinem Element. Er besitzt Selbstbewusstsein, Humor und Erzähllust, ohne sich selbst allzu wichtig zu nehmen. Über Zweifel und Fehlentscheidungen spricht er offen. Die Regisseure lassen ihn reden, hören zu und beobachten. Gerade diese Nähe zeigt, wie er tickt und was ihn antreibt.
Die spätere Nobelpreisträgerin Katalin Karikó würdigt Hoerr ausdrücklich als Pionier der mRNA-Forschung. Er wollte sie einst nach Tübingen holen, bei CureVac stößt der Plan auf Widerstand. Karikó heuert beim Rivalen BioNTech an. Der Rest ist Geschichte. „Wenn sie damals das Patent angenommen hätten, würde es heute keine andere Firma geben!“, urteilt Karikó rückblickend.
Hoerr hadert mit seiner damaligen Entscheidung: „Dass wir mit Karikó nicht kooperiert haben. Das war mein größter Fehler. Dass ich mein inneres Ohr verschlossen habe und das nicht getan habe.“
Dann gerät sein Leben aus den Fugen. Vor einem Termin im Gesundheitsministerium erleidet Hoerr in einem Berliner Hotel eine Hirnblutung und fällt ins Koma. Währenddessen muss Sara übernehmen. Sie hetzt von Intensivstation zu Aktionärsversammlung. „Ich war danach eine andere!“, sagt sie. Ihr Mann kämpft sich zurück ins Leben. Auf die Kommandobrücke von CureVac wird er nicht zurückkehren.
Dann scheitert der Tübinger Impfstoffkandidat. Der Börsenwert halbiert sich über Nacht. „Dass wir vorne dran waren mit der ganzen Entwicklung. Aber es trotzdem nicht geschafft haben. Das ist natürlich sehr bedauerlich“, sagt Hoerr. Dennoch wirkt der 58-Jährige erstaunlich unverbittert. Am Ende erscheinen Unternehmenswert und Nobelpreis ziemlich relativ. Entscheidend wird der menschliche Faktor. Sara misst längst mit einem anderen Maßstab. Über den Vater ihrer Zwillinge sagt sie: „Er kann jetzt der beste Papa sein.“
Dieter Oßwald







