Auf das ebenso ambitionierte wie erfolgreiche Biopic „Oppenheimer“ lässt Hollywood-Auteur Christopher Nolan eine der wohl einflussreichsten Erzählungen der Literaturgeschichte folgen. Seine Adaption der Homer zugeschriebenen „Odyssee“ liefert erwartungsgemäß beeindruckendes Monumentalkino, ist bis in kleine Nebenrollen starbesetzt und versucht sich an einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Helden der Geschichte. Ähnlich wie der die Orientierung verlierende Odysseus kann Nolan dabei aber den Kurs nicht halten.
Über den Film
Originaltitel
The Odyssey
Deutscher Titel
Die Odyssee
Produktionsland
USA
Filmdauer
90 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Thomas, Emma / Nolan, Christopher
Regisseur
Nolan, Christopher
Verleih
Universal Pictures International Germany GmbH
Starttermin
16.07.2026
Geschichten erzählen sich die Menschen seit vielen tausend Jahren. Aber nur wenige besitzen eine derart große Strahlkraft wie die Homer zugeschriebene „Odyssee“. Ein Epos, dessen Heldenreise maßgeblich die Dramaturgie des klassischen Hollywood-Kinos prägte. Noch heute orientiert sich die US-Filmindustrie an den Ideen und Bausteinen aus dem antiken Text über die Irrfahrten des Odysseus, der nach dem Ende des Trojanischen Krieges einfach nur nach Hause will, dafür aber gewaltige Hindernisse überwinden muss.
Christopher Nolan, oft als Filmemacher zwischen Popcorn-Unterhaltung und Anspruch beschrieben, trotz großer Erfolge allerdings nicht unumstritten, hat sich diesen in seiner Gesamtheit nur selten auf der großen Leinwand ausgebreiteten Stoff vorgenommen und mit einem Staraufgebot neu interpretiert. Dass er dabei komplett auf IMAX-Kameras und analogem Material drehen ließ, sorgte schon vorab für Aufsehen. Immerhin ist das Kino in seiner ursprünglichen Form durch die stetige KI-Entwicklung mehr und mehr bedroht. Mit seinem jüngsten Werk will der in London geborene Regisseur und Drehbuchautor ein Zeichen setzen – so viel steht fest!
Inhaltlich bleibt er zumeist nah an der Vorlage: König Odysseus (Matt Damon) sehnt sich nach dem gewonnenen Trojanischen Krieg danach, in seine Heimat Ithaka zurückzukehren, erlebt, zusammen mit seinem Soldatengefolge, aber mehr als nur ein blaues Wunder. Monster wie der Zyklop Polyphem stellen sich ihm in den Weg. Auf dem Meer bekommt er Poseidons Zorn zu spüren – und verliert die Orientierung. Das Ergebnis: eine jahrelange Irrfahrt, die gewaltige Opfer fordert.
All diese Abenteuer entfalten sich in ausgedehnten Rückblenden, die ihren Ursprung in Odysseus’ erzwungenem Aufenthalt bei der Nymphe Kalypso (Charlize Theron) haben. Langsam, Stück für Stück erinnert sich der von Alter und Krieg gezeichnete Kämpfer an das, was ihm auf dem Weg in die Heimat widerfahren ist.
Parallel sticht sein Sohn Telemachos (Tom Holland), besorgt um den so lange verschollenen Vater, in See, um ihn zu finden. Auf der Insel Ithaka halten den König viele für tot, glauben nicht an seine Rückkehr. Am wenigsten die den Hof belagernden Werber, die nur darauf lauern, Odysseus‘ Ehefrau Penelope (Anne Hathaway) zu heiraten und damit den vakanten Thron zu besteigen. Im Namen der Gastfreundschaft nach dem oft zitierten Gesetz des Zeus lassen sie es sich gutgehen, wobei Antinoos (ein lustvoll chargierender Robert Pattinson), der mit Odysseus eine persönliche Enttäuschung verbindet, als dreistester Parasit hervorsticht.
Schilderungen über den Trojanischen Krieg, Erinnerungen an dessen Verlauf, an die große List mit dem hölzernen Pferd komplettieren Nolans Leinwandversion der „Odyssee“. Ein Mammutwerk, das die erwartet wuchtigen Bilder in Hülle und Fülle zu bieten hat – und dabei eine erfrischend echte, kernige Abenteueratmosphäre versprüht. Wie es der Regisseur in seinem Schaffen seit jeher praktiziert, entstand möglichst viel direkt vor der Kamera, an realen Schauplätzen, was das Geschehen vor jener digitalen Künstlichkeit bewahrt, die etwa das Superheldenkino inzwischen so ermüdend macht.
Sequenzen von großer Intensität, unter anderem die Erstürmung Trojas, Odysseus‘ Begegnung mit der Totenwelt oder sein Treffen mit der Zauberin Kirke (Samantha Morton), gibt es reichlich. Vor allem über den Ton zieht der Film das Publikum regelrecht ins Geschehen hinein. Die Wucht des Wassers, das Knarzen der Schiffsruder, Geräusche jeglicher Art werden in maximaler Lautstärke in den Kinosaal transportiert. Und wie immer bei Nolan dröhnt und hämmert auch die Musik, für die zum dritten Mal in Folge Ludwig Göransson verantwortlich zeichnete. So aufregend und mitreißend der Score auch sein mag – hier und da hätte er sich ruhig eine kleine Auszeit gönnen dürfen.
Inszenatorisch nimmt das fast drei Stunden lange, aber nie langweilige Fantasy-Epos gefangen. Erzählerisch knirscht es allerdings ein wenig. Der Regisseur, der auch das Drehbuch verfasste, zeigt sich gewillt, den antiken Text einer kritischen Prüfung zu unterziehen, die Abgründe des Protagonisten in den Blick zu rücken. Ihn vom Heldensockel zu stoßen, traut sich Nolan jedoch nicht. Immer mal wieder scheint Odysseus‘ Rücksichtslosigkeit durch. Und auch die Gräuel des Trojanischen Krieges treten, besonders im wirkungsvoll eskalierenden Finale, zu Tage. Meistens wischt der Film die düsteren Seiten des Königs von Ithaka jedoch schnell wieder beiseite und schickt sich an, seine Tatkraft und seinen Mut zu loben. Eine merkwürdig unentschlossene Haltung.
Zudem: Während Odysseus‘ Reise, auch die innere, ausführlich bebildert wird, kommt die als Coming-of-Age-Geschichte verkaufte Suche seines Sohnes zu kurz. Angreifbar macht sich Nolan, wie so oft in seiner Karriere, überdies bei der Zeichnung der weiblichen Figuren. Obwohl Penelope einige aufwühlende Momente erhält, definiert der Film die Königin vor allem über ihre Sehnsucht nach dem verschollenen Gatten. Anne Hathatway hat folglich wenig zu tun. Noch verschwenderischer ist die Besetzung einiger kleiner Nebenrollen mit bekannten Hollywood-Schauspielerinnen. Weder Zendaya (gibt die Göttin Athene) noch Mia Goth (ist als verschlagene Dienerin Melantho zu sehen) oder Lupita Nyong’o (verkörpert die Zwillingsschwestern Helena und Klytaimnestra) haben viel Gelegenheit, ihren Figuren Präsenz und Profil zu verleihen. In diesem Punkt darf Christopher Nolan in Zukunft gerne noch etwas mehr in seine Filme investieren.
Christopher Diekhaus







