Die Stimme meines Vaters – Babamin Sesi

Die Stimme des lange verstorbenen Vaters, aufgezeichnet auf Tonbändern, fungiert in Orhan Eskiköy und Zeynel Dogan als Anlass, sich mit der eigenen Geschichte zu befassen. Und die ist im Fall der Familie Dogan eng mit den schwierigen Lebensumständen der Kurden in der Türkei verbunden. „Die Stimme meines Vaters“ ist ein formal spannender, sehr atmosphärischer Film, der wunderbar subtil erzählt ist.

Webseite: www.voice-of-my-father.de

Türkei, Deutschland 2012
Regie: Orhan Eskiköy, Zeynel Dogan
Buch: Orhan Eskiköy
Darsteller: Base Dogan, Zeynel Dogan, Gülizar Dogan, Imam Cicek, Ali Kul, Kemal Ulusoy
Länge: 88 Minuten
Verleih: Aries Images
Kinostart: 15. November 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Tonbänder als Mittel der Erinnerung. So einfach diese Idee ist, so bestechend ist sie. Es dauert eine Weile, bis man in Orhan Eskiköy und Zeynel Dogan Film durchschaut hat, woher die Stimme aus dem Off kommt, ganz langsam fügen sich die Puzzleteile zusammen: Es ist der schon lange verstorbene Vater, der irgendwann ins Ausland gegangen ist, um dort zu arbeiten und seine in der Türkei zurückgebliebene Familie zu ernähren. Seine Frau Base (Base Dogan) ist Analphabetin und so wird per Tonband kommuniziert, vom schwierigen Leben in der Fremde und der nicht minder schweren Existenz in der Heimat erzählt. Die zudem noch dadurch verkompliziert wird, dass die Familie kurdisch ist und sich in der Türkei mehr oder weniger subtilen Repression ausgesetzt sieht.

Doch die politische Komponente der Geschichte wird nur nebenbei erzählt, in Andeutungen, kleinen Momenten: Da steht etwa einmal die Polizei vor der Tür, um nach Hasan zu fragen, dem zweiten Sohn Bases, der sich irgendwann dem bewaffneten Widerstand angeschlossen hat. Lange war er nicht zu Hause, vielleicht ist er auch schon längst Tod, doch Base hofft immer noch auf seine Rückkehr. Wenn das Telefon klingelt und sich niemand meldet glaubt sie es sei Hasan, auch wenn es viel eher der Terror der Geheimpolizei sein könnte.

Statt Hasan kehrt der andere Sohn zurück, Mehmet (Zeynel Dogan), der mit seiner Frau in der Großstadt Diyarbakir lebt und sich um die Mutter sorgt, die immer älter wird, aber dennoch ihr Haus auf dem Land nicht verlassen will. Beim Aufräumen hat Mehmet ein längst vergessenes Tonband seines Vaters gefunden und beginnt, seine Mutter nach weiteren Erinnerungsstücken seines Vaters zu fragen. Doch Base weist ihn ab, behauptet, es sei nichts mehr da. Ganz langsam beginnt Mehmet zu begreifen, welche Last seine Mutter all die Jahre getragen hat, als Kurdin allein mit zwei Kindern in einem türkischen Dorf, voller Ungewissheit über den Mann, der nur alle zwei, drei Jahre auf Besuch in der Heimat war, voller Sorge um die Kinder, die ihren Platz in der modernen Türkei suchen.

Ganz nah an der Realität entlang erzählt „Die Stimme meines Vaters“, die Darsteller spielen sich selbst bzw. Variation ihrer selbst, leicht verfremdet aber doch so nah an eigenen Erlebnissen, dass die Authentizität des Gezeigten jederzeit spürbar ist. Und doch wird der Film nie zum einfachen Doku-Drama, entsteht durch die komplexe Erzählweise ein Geflecht aus Gegenwart und Vergangenheit, Erinnerungen und Phantasien. Fast ist man versucht „Die Stimme meines Vaters“ mit der Evokation von Vergangenheit und Verlust zu vergleichen, die Großmeistern des Kinos wie Andrei Tarkowski oder Theo Angelopoulos so meisterhaft gelang. Besonders eine lange Kreisfahrt, die in der Gegenwart beginnt, durch die Vergangenheit führt, um zurück in der Gegenwart zu enden bleibt lange in Erinnerung.

Ganz das Niveau der möglichen Vorbilder erreichen Orhan Eskiköy und sein Co-Regisseur zwar nicht, zu reduziert auf zwei, drei Orte bleibt dafür die Erzählung. Doch wie sie versuchen, nicht einfach nur einen weiteren Film zu drehen, der das offensichtlich problematische Verhältnisse der Kurden und Türken auf direkte Weise zeigt, sondern stattdessen die viel weiterreichenden emotionalen Folgen andeutet, das nötigt Respekt ab. Nicht um eindeutige Schuldzuweisung geht es hier, nicht um einfache Konflikte, sondern um Prozesse der Erinnerung, der Verdrängung, die dadurch weit über die persönliche Geschichte der Dogans hinausweisen. Ein bemerkenswerter Film.

Michael Meyns

Das Leben, nein das Schicksal, einer kurdischen Familie in der Türkei. Der Vater Mustafa ist seit Jahren in der Fremde bei der Arbeit. Er hatte einen Unfall. Ob er überhaupt noch lebt, man weiß es nicht genau.

Der eine Sohn, Hasan, ist bei den kurdischen Widerstandskämpfern. Er war immer schon sehr aufrührerisch, auch gegen seine Familie. Er wird nicht mehr in diese zurückkommen. Die Mutter spricht mit ihm am Telefon. Wirklich? Wahrscheinlich verlangt sie nur danach. Geheimnisvolle, von der Erfahrung geprägte, fast ins Philosophische gehende Sätze haucht sie in den Apparat.

Mehmet ist der andere Sohn. Er ist mit Gülizar verheiratet, die ein Kind bekommt. Sie wohnen in der Stadt.

Basê ist die ausschließlich schwarz gekleidete Mutter. Ein nobles Gesicht, in Wehmut gealtert. Sie lebt allein im Dorf, will nicht zu Mehmet ziehen. Mit ihrem Mann konnte sie jahrelang nur per Tonband kommunizieren. Mehmet möchte diese Bänder, Basê will sie nicht herausgeben. Warum? Weil damit offenbar würde, wie schwer das Leben der Mutter war: mit ihrem Ehemann, der sie lediglich anwies oder tadelte, mit Hasan, den sie verloren hat, mit den Türken, die hinter den Kurden her sind, sie überwachen, nach Hasan fahnden.

Basê, die Schweigende, die Verbitterte, die Leidende geht letztlich ein wenig aus sich heraus. Erschüttert berichtet sie, wie türkischer Mob die Aleviten mordete – angeblich im Namen Allahs.

Am Schluss richtet Mehmet Worte an seinen Vater – sie werden wohl nur imaginär sein.

Ein gefühlvoller, melancholischer über das (kurdische) Schicksal der vier, vor allem der Mutter, berichtender Film. Menschlich sehr engagiert, mit einem alles andere als hektischen Tempo, mit einer gut tuenden Stille, mit professionell kadrierten Bildern in einer überaus reizvollen Landschaft.

Das Spiel der Mutter ist absolut beachtlich.

Thomas Engel