Die Wolken von Sils Maria – Clouds of Sils Maria

Filme über die Probleme von Theater-Inszenierungen geraten gern zum Knäckebrot-Kino, zu spröden Kopfgeburten auf der Leinwand. Es geht allerdings auch prickelnd, wie Olivier Assayas mit seinem hochkarätig besetzten, visuell vergnüglichen Spektakel zeigt. Eine Diva soll nochmals in jenem Stück auftreten, mit dem einst ihre Karriere begannt – diesmal freilich in der Rolle der Alten, während die junge Hübsche von einem Hollywoodschen Dummchen übernommen wird. In der Höhenluft des abgeschiedenen Engadins geraten die Proben zum biestigen Psychodrama und zur Sinnsuche gleichermaßen. Derweil die berühmte „Wolkenschlange von Maloja“ majestätisch über allen Dingen schwebt.

Webseite: www.diewolkenvonsilsmaria-derfilm.de

F 2014
Regie: Olivier Assayas
Darsteller: Juliette Binoche, Kristen Stewart, Chloe Grace Moretz, Hanns Zischler, Lars Eidinger, Angela Winkler
Filmlänge: 123 Minuten
Verleih: NFP
Kinostart: 18.12.2014

Pressestimmen:

"Ein komplexes und kurzweiliges Psychodrama über Kunst, Kreativität und Eitelkeit."
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Was David Cronenberg recht, ist Olivier Assayas nun billig. Während der kanadische Regisseur den Ex-„Twilight“-Star Robert Pattinson bereits zweifach für sein ambitioniertes Kino recycelt hat, engagiert sein französischer Kollege dessen Vampir-Braut Kristen Stewart. Mit schwarzer Nerd-Brille ausgestattet und der Hand fast nonstop am Handy gibt sie die fleißige Assistentin der berühmten Schauspielerin Maria Enders (Juliette Binoche). Die soll in einer Neuauflage jenes Stückes auftreten, mit dem sie vor zwei Jahrzehnten den großen Durchbruch erlebte. Damals spielte sie die verführerische, ehrgeizige Sigrid, die ihre Chefin Helen in den Selbstmord trieb. Diesmal soll Maria den undankbaren Part der Alten übernehmen, derweil für ihre einstige Paraderolle ein skandalsüchtiges Hollywood-Sternchen (Chloe Grace Moretz) vorgesehen ist. Die Diva scheint nicht unbedingt begeistert, doch mit Engelszungen und reichlich Komplimenten kann der zaudernde Star vom renommierten Regisseur (Lars Eidinger) zum Remake überredet werden. Eifrig durchstöbert die emsige Assistentin Valentine das Internet nach Informationen über die Neue. Schnell wird sie fündig und gibt ihrer Chefin die Ego-Entwarnung: Große Schauspiel-Konkurrenz dürfte durch das Dummchen Jo-Ann Ellis (Chloë Grace Moretz) nicht drohen.
 
Entspannt begibt sich Maria mit Valentine in die einsame Alpenregion Sils Maria, um sich dort in Ruhe auf das Stück vorzubereiten. Den Part der verführerischen Sigrid übernimmt als Stichwortgeberin ihre treue Sekretärin. Alsbald imitiert das wahre Leben zunehmend die Kunst, denn auch zwischen Star und Assistentin besteht ein wechselseitiges Verhältnis von Anziehung, Eifersucht und Macht – Erotik inklusive. Nach ausgedehnten Wanderungen wird nackt im einsamen Bergsee gebadet oder man verirrt sich kichernd im nächtlichen Wald.
 
Was gefährlich nach seifenopernhafter Schmonzette klingen mag, entpuppt sich dank der beiden exzellenten Darstellerinnen sowie der eleganten Inszenierung als vergnüglich selbstironisches Vexierspiel über Alter, Jugend und Versagensängste sowie als amüsante Gefühlsschlacht mit geschliffenen Dialogen. Gleichfalls unter erhöhtem Kitschverdacht könnte das berühmte Naturschauspiel der aufziehenden Wolkenbänder in den Oberengadiner Tälern stehen, zumal wenn es mit pompös barocken Pachelbel-Klängen von dessen „Kanon in D-Dur“ unterlegt ist. Hier zaubert Assayas freilich elegant einen kreativen Entschuldigungsbrief aus dem Hut: Vor seiner eigenen, titelgebenden Himmels-Show zeigt er als Reverenz die Original-Ausschnitte aus dem Kurz-Dokumentarfilm „Das Wolkenphänomen von Maloia“ des Bergfilm-Pioniers Arnold Fanck. Dieses cineastische Juwel kam als Stummfilm anno 1924 noch ohne Soundtrack aus, doch die Zeiten ändern sich – so auch für Maria, die sich diese bittere Wahrheit schnippisch von der Nachwuchs-Diva sagen lassen muss.  
 
Nach den überzeugendem Auftritt seiner Hauptdarstellerin Kristen Stewart ist der einstige Filmkritiker Assayas mittlerweile auf den „Twilight“-Geschmack gekommen: Für sein nächstes Werk „Idol’s Eye“ hat er Robert Pattinson engagiert – was David Cronenberg recht ist…

Dieter Oßwald

„Clouds of Sils Maria“ lässt sich kaum in Worte fassen, so vielschichtig und reichhaltig ist Oliver Assayas Film über die Beziehung einer Schauspielerin (Juliette Binoche) zu ihrer jungen Assistentin (Kristen Stewart). Voll kluger Beobachtungen und von außergewöhnlicher Schönheit rührt dieser Film zu Freudentränen über die Filmkunst.
 
Als in die Jahre gekommene Schauspielerin Maria Enders und deren Assistentin Valentine stehen sich in Olivier Assayas „Clouds of Sils Maria“ mit Juliette Binoche und Kristen Stewart auch zwei Generationen gegenüber. Gemeinsam ziehen sie sich in die Schweizer Alpen zurück, wo Maria eine Rolle einstudiert, den Gegenpart zu eben jener jugendlichen Figur, mit der sie einst Berühmtheit erlangte. Damit beginnt für die Schauspielerin eine Auseinandersetzung mit sich selbst und ihrer Arbeit, die sie in eine Krise stürzt. Gleichzeitig spiegelt sich die Theaterhandlung einer Praktikantin, die ihre Vorgesetzte verführt und in den Selbstmord treibt, im zunehmend erotisch aufgeladenen Verhältnis Marias zu Valentine wider, bis sich Textprobe und Realität voneinander nicht mehr klar unterscheiden lassen.

Dies sind nur zwei der vielen Plotelemente, die Olivier Assayas hier zu einer Geschichte über das Verstreichen der Zeit verbindet. Mit den von Maria und Valentine repräsentierten Generationen treffen auch zwei verschiedene Auffassungen von Kunst aufeinander und bilden einen Diskurs, der sich wie ein roter Faden durch den gesamten Film zieht. Das Internet mit seiner ihm eigenen Form der auf Sensation getrimmten Berichterstattung ist Freud und Leid zugleich und während Valentine in den zeitgenössischen Superheldenfilmen große Wahrheiten des Lebens transportiert sieht, kann Maria über derartige Interpretationsansätze nur in schallendes Gelächter ausbrechen. So ist „Clouds of Sils Maria“ also auch ein Film über den Film selbst. Dabei beweist Olivier Assayas großes Gespür für die Medienphänomene unserer Zeit. Seine humoristisch inszenierten Seitenhiebe auf die Ausschweifungen junger Hollywoodsternchen und das Superhelden-Genre zielen und treffen punktgenau.
Dabei bleibt Assayas jedoch fair und nimmt keine Wertung vor. Die Begeisterung Marias für schwarz-weiß Aufnahmen der Wolken über Sils Maria hat dieselbe Daseinsberechtigung wie Valentines Vorliebe für den Shooting Star Jo-Ann Ellis (Chloë Grace Moretz). Und das Publikum ist dazu angehalten, sich über die karikierte Szene eines Superheldenfilms ebenso zu amüsieren, wie über Marias Blasiertheit, die den künstlerischen Wert zeitgenössischer Popkultur vollends verkennt.

Diese Gleichbehandlung spiegelt sich auch in der Führung der verschiedenen Schauspielergenerationen. Kristen Stewart ist mehr als nur in der Lage neben Juliette Binoche zu bestehen. Die beiden Frauen, so unterschiedlich auch ihre bisherigen Karrieren verlaufen sein mögen, entwickeln eine ungeahnte Leinwandchemie, die im überragenden Mittelteil des Films eine große Sogwirkung entfaltet. Trotz ruhiger Handlung, deren kleine eskalierende Dramen vornehmlich dem Theaterstück im Film, dem Text im Text, entspringen, zieht „Clouds of Sils Maria“ den Zuschauer mit purer Schönheit in den Bann und rührt in seinen stärksten Momenten gar zu Tränen. Nicht aus Trauer, sondern aus purer Liebe zum dargebotenen Leinwandschauspiel. Durch seine mannigfaltigen Zwischentöne kann „Clouds of Sils Maria“ auch in einem großen Kinopublikum jeden Zuschauer auf eine persönliche Art und Weise ansprechen und berühren. 

Das Alpenpanorama, vor dem sich ein Großteil der Handlung abspielt, sowie die Untermalung mit klassischer Musik verleihen „Clouds of Sils Maria“ trotz der „kleinen“ Geschichte epische Dimensionen und machen deutlich, dass es hier um viel mehr geht als die Sinnkrise einer alternden Schauspielerin. Es sind Liebe, Zeit und Kunst, drei immens abstrakte Begriffe, die sich in jeder der Figuren und ihren Beziehungen manifestieren und somit greifbar werden. Assayas Werk ist derart vielschichtig, das ihm mit Worten kaum beizukommen ist. Aber dass sich „Clouds of Sils Maria“ der rein verbalen Beschreibung entzieht, ist nur ein weiteres Zeichen dafür, dass es sich hier um ein wahrhaftiges filmisches Kunstwerk handelt, das man nicht nur sehen, sondern vor allem erfahren muss.
 
Sophie Charlotte Rieger