Jimmy’s Hall

Der alte Sozialist Ken Loach  („Angels’ Share“, „The wind that shakes the Barley“) erzählt in seinem angeblich letzten Film „Jimmy’s Hall“ die wahre Geschichte eines weit gereisten Iren, der im heimatlichen Dorf Anfang der Dreißiger Jahre ein Gemeindezentrum wieder eröffnet. Volksbildung und Lebensfreude in wirtschaftlichen harten Zeiten werden von Kirche, meist britischen Großgrundbesitzern und Nationalisten als „Kommunismus“ brutal verfolgt. Ein engagiertes Plädoyer für Solidarität und Lebensfreude, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

Webseite: www.pandorafilm.de

Großbritannien / Frankreich / Irland 2014
Regie: Ken Loach
Drehbuch: Paul Laverty
Darsteller: Barry Ward, Simone Kirby, Andrew Scott, Jim Norton
Länge: 106 Minuten
Verleih: Pandora Film
Kinostart: 14. August

Pressestimmen:

"Der Inbegriff eines Ken Loach Films: Menschlich, leidenschaftlich und einfühlsam, fröhlich und voller Leben."
The Guardian

"'Jimmy’s Hall' ist geradezu überschwenglich: voller Musik, Witz und schöner Landschaften.
Irishtimes.com

FILMKRITIK:

Die Geschichte ist eigentlich unglaublich und doch wahr: Im August 1933 wird der Ire James Gralton seines eigenen Landes verwiesen. Ein einmaliger Vorfall! Dabei kam der Jimmy genannte James (Barry Ward) erst kurz zuvor aus New York zurück – in seine Heimat und zu seiner alten Mutter. Der Empfang der Freunde und Mitbewohner ist respektvoll. Und auch wenn Jimmy, dieser stille, ernste Mann, mit anderen in diesen baren Zeiten zum Torfstechen geht, die Jugendlichen, die ihn auf der Straße ansprechen, machen seine besondere Position klar: Am Wegesrand liegt verlassen ein großes Haus, die Pearse-Connolly Hall. Benannt wurde das Gemeindezentrum nach zwei der Anführer des Aufstandes von 1916, gebaut wurde es von Jimmy und seinen Freunden bevor er das erste Mal fliehen musste. Und dabei nicht nur seine Mutter, sondern auch seine Liebe Oonagh (Simone Kirby) zurückließ.
 
Es dauert nicht lange, bis der weitgereiste Jimmy das Sozialzentrum wieder entstaubt und eröffnet. Jung und alt betreiben begeistert Volksbildung, lesen und interpretieren Yates, malen, singen und tanzen. Wobei die Pflege irischer Sprache und Traditionen eine besondere Rolle spielt. Doch auch Jazz wird von Jimmy importiert und mit großer Leidenschaft angenommen. Unter der Lehrenden und Lernenden ist auch Oonagh, mittlerweile verheiratet und Mutter zweier Kinder. Beim ersten Tanzabend protokolliert der lokale Priester Father Sheridan (Jim Norton) die irrenden Schäfchen und liest am Morgen danach im Gottesdienst die Namen derer vor, die Jimmy’s Hall besucht haben. Eine persönliche und versöhnliche Visite Jimmys kann den Kirchenmann nicht von seiner extremistischen Position abbringen. Sowohl den nationalistischen als auch den kolonialistischen Parteien passt dieser Hort der Freiheit nicht ins Konzept von Konfrontation und Terror. Bald brennt der utopische Ort und Jimmy muss wieder fliehen.
 
Auch bei seinem wahrscheinlich letzten Spielfilm arbeitete Regisseur Ken Loach mit seinem langjährigen Drehbuch-Autor Paul Laverty zusammen. Hintergrund sind die historischen Verwerfungen, die Irland in den vorhergehenden Jahrhunderten in Folge der britischen Besetzung erleben musste. Dabei zeigt sich die wache Gegenwärtigkeit dieses historischen Themas darin, dass der Kampf gegen britische Besetzer und die internen Feindschaften der Iren der nordirischen Situation der letzten Jahrzehnte zum Verwechseln gleicht. Auch wenn Stichwort wie „Los Angelisation“ oder „Need and Greed“ fallen, muss man an aktuelle Kulturkämpfe und die Bankenkrisen von heute denken.
 
Vor allem wirkt „Jimmy’s Hall“ aber emotional mit der Begeisterung und der Leidenschaft der „einfachen Menschen“ für Bildung und Kultur. Dieser andere Freiheitskampf gegen die Einheitsfront von Kirche, Grundbesitzern und Nationalisten ist ein Kampf, den selbst Loach und Laverty noch heute gegen die Rezeption ihrer Filme führen müssen: Wenn unterdrückte Figuren der Arbeiterklasse durchaus intelligent ihre Lage reflektieren, wird das von der Kritik immer wieder als „unglaubwürdig“ runtergemacht, wie beide bei der Premiere des Films in Cannes entrüstet erzählten.
 
Dass man den Menschen in „Jimmy’s Hall“ den Bildungshunger, die Lebenslust, den Kampfeswillen und das so aus der Mode gekommene solidarische Handeln glaubt, liegt auch am Star-freien aber hervorragenden und authentisch sprechenden Ensemble: Barry Ward empfiehlt sich als Jimmy für mehr. Simone Kirby fasziniert und irritiert, weil sie frappant wie eine etwas jüngere Juliane Moore aussieht. Besonders interessant ist Jim Norton in der Rolle der Gegenfigur Father Sheridan, denn letztendlich bleibt Jimmys integres Handeln auch beim intelligenten aber verhärteten Mann nicht ohne Folge.
 
Folgenlos wird auch der Kinobesuch in „Jimmy’s Hall“ nicht bleiben, denn Ken Loachs zeitloses Engagement für die unterdrückten und gar nicht so schwachen Menschen überall in der Welt ist eine seltene und um so wertvollere Erscheinung geworden. Selbst wenn „Jimmy’s Hall“ bei aller Lebensfreude ästhetisch nicht ganz an seinen Cannes-Sieger „The wind that shakes the Barley“ heranreicht – die vielleicht letzte Gelegenheit, einen neuen Loach im Kino zu sehen, darf man sich nicht entgehen lassen.
 
Günter H. Jekubzik