Dieb des Lichts, Der

Die kirgisisch-deutsche Koproduktion „Der Dieb des Lichts“ ist bestes Weltkino, eine bittere Parabel voller poetischer Bilder von Aktan Arym Kubat, der mit „Beshkempir“ 1998 einen Silbernen Leoparden in Locarno gewann. Die Geschichte eines gutherzigen Elektrikers, der für Nachbarn im Dorf auch schon mal den Stromzähler rückwärts laufen lässt, verläuft als humorvolle und lebenspralle Folklore, bis der Sohn eines russischen Spekulanten hinter der modernen Anzugs-Fassade sein wahres Gesicht zeigt.

Webseite: www.neuevisionen.de

Kirgisien, Deutschland, Niederlande, Frankreich 2010
Regie: Aktan Arym Kubat
Darsteller: Aktan Arym Kubat, Taalaikan Abazova, Askat Sulaimanov, Asan Amanov, Stanbek Toichubaev
Länge: 80 Min.
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 14. April 2011
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Er ist ein Robin Hood der Stromversorgung: Von den Armen geliebt, lässt er in den Wohnungen die Zähler rückwärts laufen und bringt so auch Licht in die Haushalte, die es sich nicht leisten können. Damit erzürnt „Herr Licht“ – so die Übersetzung des Originaltitels „Svet-Ake“ – das staatliche Energie-Unternehmen und wird auch schon mal festgenommen, was ihn aber in seinem menschenfreundlichen Tun nicht stoppen kann. Der nette Familienvater bringt mit seiner sonnigen Art auch Licht in die Herzen seiner Mitmenschen. Er ist aber auch Visionär und Don Quixote: Hinter seinem Haus steht ein selbst gebautes Windrad, das zwar bei guter Laune gerade mal eine Glühbirne flackern lässt, doch richtige Windräder im kargen Tal des Dorfes könnten das bescheidene Leben der vom ruhelosen Wind geplagten Menschen nachhaltig verändern. Solche Pläne werden vom alten Bürgermeister und dem Rat des Dorfes belächelt, doch immerhin stimmen diese Traditionalisten auch nicht gleich dem Landverkauf an den reichen russischen Kandidaten und Spekulanten zu, der mit seinem protzigen SUV das dürre Vieh aufscheucht. Mit viel Geld und Pferdestärken ist dieser für den Stimmenkauf unterwegs, weiß aber auch die Reitertradition des Steppenvolkes bei einer ruppigen Art des Polos mit Schwein statt Ball zu ehren.

Mit dieser großen Politik hat der gutmütige Herr Licht eigentlich nichts am Hut – das ist eine Sache der Herren mit den hohen Hüten, die den Rat des Dorfes auszeichnen. Der Elektriker möchte vor allem endlich auch mal einen Sohn zeugen und nimmt deshalb gelegentliche Stromschläge freudig hin: Sie würden die weiblichen Hormone austreiben. Doch viel Zeit bleibt dem hilfsbereiten Nachbarn nicht für eigene Sorgen, schon gilt es wieder den erfolgreichen Jockey auszunüchtern, der an der Enge des Dorfes verzweifelt…

Aktan Arym Kubat, der exzellente und vielfach ausgezeichnete Filmemacher aus Kirgisien, dessen Name auch als Aktan Abdykalykov wiedergegeben wird, beschäftigt sich nach seiner biografischen Trilogie aus „Maimil“ (2001, internationaler Titel: „The Chimp“), „Beshkempir – Der fremde Sohn“ (1998) und „Sel’kincek“ (1993, „Swing“) nun mit den ökonomischen Verhältnissen des Landes – in seiner speziellen poetischen Art und Weise. Es geht im Hintergrund um die Macht über die Energieversorgung, um absurde Situationen, die nach dem Zerfall der Sowjetunion in den vereinzelten, ehemaligen Sowjetrepubliken herrschten. Das kann man mit etwas angelesenem Wissen aus den Bildern herauslesen. Doch ganz einfach fühlbar ist der konstant wehende Wind und man möchte glatt selbst mit anfassen, um aus dem peinigenden Naturzustand einen Quell des Wohlstandes zu machen. Wozu diese Energie dann genutzt werden soll, ist eine heikle Frage. Die Widmung des Films wünscht den Enkeln Zufriedenheit und Glück – nicht Reichtum.

Drastisch führt Aktan Arym Kubat – der selbst wie ein kirgisischer Verwandter von Takeshi Kitano die kauzige Hauptfigur spielt – vor, wie die Tradition zur Prostitution feilgeboten wird. Als der immer lächelnde Herr Licht daraufhin sehr ernst Widerstand leistet und das Licht abschaltet, ist die Strafe brutal. Brutal und wiederum ein Gemenge aus moderner Rücksichtslosigkeit und archaischem Ritual. Derart erzählt Aktan Arym Kubat nicht nur eine wunderbare und ergreifend tragische Geschichte, er lässt uns auch an der Situation seiner Heimat teilhaben. Nicht durch verfilmte Fakten, sondern über das Gefühl und über schöne poetische Bilder.

Günter H. Jekubzik

Ein kirgisisches Dorf. Dort lebt Svet-Ake mit seiner Frau und vier Töchtern. Svet-Ake ist der örtliche Elektriker und deshalb ein wichtiger Mann, weil in der postsowjetischen Zeit die Stromversorgung zum Problem geworden ist. Er hilft, wo er kann, lässt ab und zu einmal einen Stromzähler rückwärts laufen, wenn der Kunde besonders arm ist, manipuliert das Stromnetz, wenn es seiner Meinung nach sein muss.

Den Behörden gefällt das natürlich gar nicht, Svet-Ake droht die Entlassung.

Sein Freund heißt Mansur. Mit ihm redet der Elektriker über die Scheidung des Freundes oder darüber, wie er selbst es anstellen könnte, dass seine Frau nicht nur Töchter bekommt, sondern auch einen Sohn. Bei solchen Gesprächen ist der Wodka der Begleiter der beiden.

Svet-Ake träumt davon, einen Windpark zu bauen, der die ganze Region unabhängig von den nunmehr privatisierten und profitgierigen Stromkonzernen versorgen würde. Er vertraut zunächst Bekzat, einem Cousin Mansurs, doch der will letztendlich nur seine eigenen Interessen verfolgen, sich an die Spitze der Dorfgemeinschaft stellen, politisch Einfluss nehmen, Land kaufen, Chinesen einladen, die die Finanziers spielen sollen.

Svet-Ake wird wieder einmal enttäuscht – auch von Mansur.

Für die Zusammenkunft mit den Chinesen soll er in dem eigens dafür aufgestellten Zelt das Licht beschaffen. Was dann geschieht ist ein kleines Kabinettstück der Regie.

Svet-Ake wird weiter der „ungestüme Elektriker sein, der ein großes Herz hat, der in den Alltag dieses Dörfchens nicht nur das elektrische Licht, das häufig ausfällt, sondern auch das Licht der Liebe, der Treue, des Lebens und vor allem des Lachens bringt“ (Aktan Arym Kubat).

Ein einfacher, aber ein beschaulicher, das Leben der betroffenen Menschen liebevoll schildernder, humaner Film, durchaus originell wenn auch ein wenig fremdartig. Dieser Svet-Ake ist ein Exemplar von einem Menschen, von denen es möglichst viele geben sollte. Autor und Regisseur Aktan Arym Kubat spielt übrigens die Hauptrolle selbst.

Auszeichnungen gab es schon: zum Beispiel in Cottbus den Publikumspreis, im französischen Amiens den Großen Preis der Jury, im kasachischen Almaty den Fipresci-Preis und den Grand Prix.

Thomas Engel