Vier Jahre nach der autobiografisch gefärbten Leinwandarbeit „Die Fabelmans“ kehrt Steven Spielberg mit einem Science-Fiction-Verschwörungsthriller in die Kinos zurück. „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ weckt Erinnerungen an seine frühen Alien-Werke, bietet kurzweilige Popcorn-Unterhaltung mit starken Darstellern, ist aber kein neuer Meilenstein im Schaffen des dreifachen Oscar-Preisträgers.
Über den Film
Originaltitel
Disclosure Day
Deutscher Titel
Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit
Produktionsland
USA
Filmdauer
145 min
Produktionsjahr
2026
Produzent
Kristie Macosko Krieger, Steven Spielberg
Regisseur
Steven Spielberg
Verleih
Verleih N.N.
Starttermin
10.06.2026
Gleich zwei große Hollywood-Filme befassen sich in der ersten Jahreshälfte 2026 mit dem Kontakt zwischen der Menschheit und außerirdischen Lebensformen. In der im März angelaufenen Romanverfilmung „Der Astronaut – Project Hail Mary“ verkörpert Ryan Gosling einen Wissenschaftler, der die dramatische Abkühlung der Erde verhindern soll und in den Weiten des Alls auf einen hilfsbereiten, mit demselben Problem kämpfenden Alien trifft. Der Mix aus groß denkendem Endzeitdrama und Kammerspiel berührt und macht sich für Zusammenarbeit und eine unvoreingenommene Annäherung an alles Unbekannte stark.
Etwas mehr in die Spektakelrichtung strebt Steven Spielbergs neue Regiearbeit „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“, die knapp drei Monate später die Leinwände erreicht. Eine Kreuzung aus Science-Fiction-Abenteuer und Verschwörungsthriller mit Actionakzenten und leichtem Superheldeneinschlag. Grundlage des Films bildet ein vom dreifachen Oscar-Preisträger entwickeltes Konzept, das der unter anderem schon an „Jurassic Park“ und „Krieg der Welten“ als Autor beteiligte David Koepp in Drehbuchform gießen durfte.
Der Titel spielt an auf die sogenannte Disclosure-Bewegung, deren Anhänger fest daran glauben, dass Regierungen, vor allem jene der USA, Beweise für die Existenz Außerirdischer besäßen, und sich dafür starkmachen, dass diese Informationen zum Wohl der Allgemeinheit veröffentlich werden. Spielberg selbst gab wiederholt zu Protokoll, dass er mehr denn je davon überzeugt sei, irgendwo da draußen müsse es anderes intelligentes Leben geben. Umgetrieben hat ihn diese Frage schon zu Beginn seiner großen Hollywood-Karriere in Filmen wie „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ und „E.T. – Der Außerirdische“. Deren Geist weht dann auch merklich durch „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“.
Die Handlung des neuen Blockbusters verteilt sich auf zwei zunächst parallel geführte Stränge, die natürlich irgendwann zusammenlaufen. Zum einen muss Cybersicherheitsexperte Daniel Kellner (Josh O’Connor), gemeinsam mit seiner überrumpelten Freundin Jane (Eve Hewson), die Flucht ergreifen, nachdem er seinem Arbeitgeber, der Nichtregierungsorganisation WARDEX, hochbrisante Daten und ein ominöses Objekt mit großer Wirkmacht gestohlen hat. Der Konzern, für den er bis vor kurzem tätig war, archiviert im Geheimen alle Unterlagen und Aufnahmen, die die Existenz von Aliens belegen, und hat sich zum Ziel gesetzt, das Material um jeden Preis unter Verschluss zu halten. Eine Enthüllung würde die Welt ins Chaos stürzen, prophezeit Leiter Noah Scanlon (Colin Firth), der seine Handlanger auf Daniel und Jane ansetzt.
Unterdessen gerät die in Kansas City wohnende TV-Meteorologin Margaret Fairchild (Emily Blunt) unverhofft in einen Strudel merkwürdiger Ereignisse. Nach der Begegnung mit einem Roten Kardinal, so der Name eines in Nord- und Mittelamerika beheimateten Singvogels, auf ihrem Esstisch verfügt sie plötzlich über superheldenartige Fähigkeiten. Sprachen, die sie bislang nicht beherrschte, spricht sie nun perfekt. Und noch dazu kann sie wildfremden Menschen regelrecht in die Seele schauen, weiß intimste Details über ihr Privatleben. Nach einem seltsamen Zwischenfall im Fernsehstudio landet Margaret im Krankenhaus, wo sie gleich die nächste erstaunliche Eingebung hat: Die Männer vor ihrem Zimmer sind keine FBI-Beamten, sondern WARDEX-Mitarbeiter und eine Bedrohung. Ohne lange zu zögern, nimmt die Moderatorin mit ihrem verdutzten Partner Jackson (Wyatt Russell) Reißaus und folgt einer Intuition Richtung Norden.
Daniel und Margaret stehen in einer besonderen Verbindung, über die offenbar Hugo Wakefield (Colman Domingo), der Anführer einer Gruppe von WARDEX-Abtrünnigen, mehr Informationen hat. Er selbst arbeitet akribisch auf den Tag der Enthüllung, die Preisgabe der WARDEX-Daten, hin und steht zwischendurch immer wieder mit Kellner und Fairchild in Kontakt.
Allzu komplex ist der Plot, den Steven Spielberg und David Koepp aus dem Hut zaubern, sicher nicht. Große Fragen berührt er dennoch. Etwa jene nach dem Platz des Menschen im Universum, wenn die Existenz extraterrestrischer Wesen bewiesen wäre. Könnten wir damit nicht umgehen? Geriete die Welt außer Kontrolle, wie Scanlon orakelt? Oder aber eröffnete uns die Gewissheit neue Horizonte? Vielleicht gar die Möglichkeit, das Zusammenleben komplett zu überdenken, unsere Konflikte beizulegen? Am Ende von „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ scheint diese vielleicht etwas zu naive Hoffnung auf jeden Fall durch.
Wie so viele Hollywood-Blockbuster reißt der Film seine Themen und Ideen allerdings oft nur an, findet selten Zeit und Raum, sie genauer zu ergründen. Dass die Welt während Daniels und Margarets Flucht dem Abgrund entgegentaumelt, womöglich auf einen Krieg zusteuert, wird trotz einiger Newsberichte kaum greifbar, bleibt irgendwie behauptet. Gleichzeitig demonstriert Spielberg seine Stärken in der Inszenierung und im Aufbau der Geschichte. Obwohl „Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit“ fast zweieinhalb Stunden dauert, kommt keine Langeweile auf. Das Erzähltempo ist hoch, ohne in überzogene Hektik zu verfallen. Die Actionsequenzen sind wirkungsvoll getimt und arrangiert. Die Kamera von Janusz Kamiński vollzieht regelmäßig kleine Kunststücke. Und das Schauspielensemble ist mit großem Eifer bei der Sache, wobei man vor allem Emily Blunt hervorheben muss. In ihrer Rolle bündelt die gebürtige Londonerin kraftvoll Komik, Überforderung, Tatkraft und Ergriffenheit – eine Darbietung, die den Zuschauer immer wieder mitreißt.
Dass es „nur“ zu gut gemachter, kurzweiliger Popcorn-Unterhaltung reicht, liegt auch an einem in der Qualität schwankenden letzten Akt. Einerseits lenkt Spielberg hier geschickt die Emotionen des Publikums und treibt die Spannung effektiv nach oben. Andererseits verheddert er sich kurzzeitig in kitschigen Impressionen und verliert ein wenig die brüchig gewordene Aussagekraft von Bildern in Zeiten immer besserer KI-Programme aus den Augen.
Christopher Diekhaus







