Doctor Sleeps Erwachen

Fast vier Jahrzehnte nach Stanley Kubricks „Shining“, der Verfilmung des gleichnamigen Romans, gibt es nun das Sequel, das ebenfalls auf einem Buch von Stephen King basiert. Der war mit der Kubrick-Verfilmung nie zufrieden, Regisseur und Autor Mike Flanagan ist es dennoch gelungen, den Schriftsteller für seinen Film zu begeistern. Vielleicht auch, weil ihm das Kunststück gelungen ist, sowohl den Roman als auch die Verfilmung fortzusetzen – und wo letztere abwich, wetzt Flanagan nun die Kerbe aus. Herausgekommen ist ein epischer Film, der erzählt, was mit Dan Torrance passierte, nachdem er die Schrecken des Overlook-Hotels überlebt hat.

Webseite: www.warnerbros.de

Doctor Sleep
USA 2019
Regie & Buch: Mike Flanagan
Darsteller: Ewan McGregor, Rebecca Ferguson, Cliff Curtis, Emily Alyn Lynd, Kyliegh Curran
Länge: 151 Minuten
Verleih: Warner
Kinostart: 21. November 2019

FILMKRITIK:

Dan Torrances (Ewan McGregor) Leben wurde aus der Bahn geworfen, als sein Vater mit der Axt in der Hand versuchte, sowohl seine Mutter als auch ihn zu töten. Jack Torrance wurde von den bösen Geistern des Overlook-Hotels beeinflusst. Auch Dan spürte sie, hat er doch das Shining, das ihn mehr wahrnehmen lässt, als es normalen Menschen möglich ist. Sein Leben entgleiste später vollends, als er zum Alkoholiker wurde, aber die Ankunft in der Kleinstadt Frazier brachte ihn auf den rechten Weg zurück. Dan arbeitet in einem Hospiz, steht jenen bei, deren Zeit gekommen ist, und unterhält sich mittels seiner Fähigkeit mit einem Mädchen, das ebenfalls das Shining hat.
 
Beide mögen sich alleine fühlen, aber es gibt viele mit besonderen Fähigkeiten. Hinter ihnen sind die Mitglieder des wahren Knoten her, eine Gruppe von fast unsterblichen Wesen, die einst Menschen waren, dieses Dasein aber für ein langes Leben eintauschten. Doch dafür müssen sie ihren Opfern den Steam entziehen. Also das, was ihr Shining ausmacht. Die Opfer sterben und diese moderne Form von Vampiren sucht nach neuen Opfern. Dabei werden sie von der unglaublich mächtigen Abra (Kyliegh Curran) beobachtet, aber damit macht das Mädchen auch auf sich aufmerksam.
 
Im Lauf der Jahre wurde Stephen King immer wieder gefragt, wie es Danny Torrance, dem Jungen aus „Shining“ im späteren Leben ergangen sein mochte. Er erklärte dann, dass Danny das Mädchen aus „Feuerteufel“ geheiratet hätte. Aber irgendwann fragte er sich, was wirklich mit Danny passiert sein mochte. Wie hatte sich das Trauma seiner Kindheit auf sein Leben ausgewirkt? King begann zu schreiben, um herauszufinden, wie es Danny geht. Im Jahr 2013 erschien der Roman „Doctor Sleep“, an dem Warner die Rechte erwarb. In Deutschland entschied man sich merkwürdigerweise, vom Originaltitel abzuweichen und machte „Doctor Sleeps Erwachen“ daraus.
 
Mit einer epischen Laufzeit von 151 Minuten ist „Doctor Sleeps Erwachen“ sogar länger als Stanley Kubricks „Shining“. Flanagan zitiert den Film immer wieder. Am Anfang, als man noch miterlebt, wie es Dan als Kind ergeht, im Finale dann, als Dan und Abra ins Overlook-Hotel fliehen, um sich dort ihren Verfolgern zu stellen, und auch dazwischen, als sich Dan für einen Job bewirbt. Auch im Roman begeben sich Dan und Abra zum Overlok, dort ist vom Hotel aber nicht mehr viel übrig, weil es im ursprünglichen Roman abgebrannt ist. Visuell weit aufregender ist es, die Figuren in der Umgebung des liebevoll gestalteten Hotels zu sehen. Man ist ständig an Kubricks Film erinnert, insbesondere in einer Szene, als Ewan McGregors Figur mit dem Barkeeper spricht, der sich als sein Vater erweist. Einzig irritierend ist dabei, dass man zwar einen Schauspieler genommen hat, der Jack Nicholson einigermaßen ähnlich sieht, aber so sehr dann eben auch wieder nicht. Hier hätte sich der Einsatz moderner Technik wirklich gelohnt.
 
„Doctor Sleeps Erwachen“ ist eine sehr werkgetreue Adaption, die es schafft, den umfangreichen Roman zu kondensieren und die Essenz zu bewahren. Er fühlt sich in bester Weise nach Stephen King an, mit der spannenden Geschichte, aber auch den emotional nachvollziehbaren und voll entwickelten Figuren, und dem Konflikt von Gut gegen Böse, der klassischer nicht sein könnte. Einen besseren Regisseur als Mike Flanagan hätte man nicht finden können. Er hat mit seinem bisherigen Oeuvre bewiesen, wie exzellent er die Mechanismen echten Dramas mit dem Terror richtigen Horrors vermengen kann. Auch hier gelingt ihm das, da er sich nicht zuletzt darauf konzentriert, die Nachwirkungen von Misshandlungen in der Familie zu zeigen. Ewan McGregors Figur ist ein gebrochener Mensch, der im Verlauf des Films erst wieder zu sich finden, aber auch neuen Mut aufbringen muss. Er ist alles andere als die typische Heldenfigur.
 
Flanagans Film ist noch vergnüglicher, wenn man „Shining“ gesehen hat, es ist aber nicht zwangsläufig notwendig, ihn zu kennen. „Doctor Sleeps Erwachen“ funktioniert auch für sich stehend. Er gibt alle Informationen an die Hand, die man zum Verstehen der Geschichte benötigt, beeindruckend ist das Werk aber auch und gerade, weil es zwar Kubricks Erzählweise nicht imitiert, wohl aber eine würdige Fortsetzung ist, die sich damit auseinandersetzt, dass der Sohn fürchtet, wie sein Vater zu werden. Das ist dann auch deutlich prägnanter als die oberflächliche Spannung, von der es in diesem intelligenten Horrorfilm auch mehr als genug gibt.
 
Peter Osteried