Dol

Auch in seinem dritten Spielfilm nach „Vodka Lemon“ und „Kilomètre Zero“ setzt der kurdischstämmige Iraker und in Paris lebende Hiner Saleem auf eine Mischung aus Tragik und Komik. Nach „Dol“ gewinnt man jedoch den Eindruck, dass sich der Absurdität des Alltags im von Kurden besiedelten Gebiet zwischen der Türkei, dem Irak und dem Iran kaum mehr ein lachendes Moment abgewinnen lässt. 

Webseite: www.dol-der-film.de

The Valley of the Tambourines
Kurdistan, Frankreich, Deutschland 2006
Regie: Hiner Saleem
Darsteller: Nazmi Kirik, Belcim Bilgin, Omer Ciaw Sin, Rojin Ulker, Abdullah Keskin, Sipel Dogu Lesar Erdogan, Ciwan Haco
90 Minuten
Verleih: Mitosfilm
Start am 26.4.07

PRESSESTIMMEN:

Ein Epos, dessen immanentes Pathos mit minimalistischer Lyrik und groteskem Humor gebrochen wird, das gleichwohl von einem eindeutigen politischen Mitteilungswillen geprägt ist. Die Landschaften und Menschen, die sich durch das Bild bewegen, eröffnen das bildgewaltige metaphorische Panorama eines Staates, der keiner ist.
film-dienst

FILMKRITIK:

Weitschweifige Totalen über die steinigen und staubigen Höhenzüge der Gebirgsregion im Grenzgebiet von Türkei, Iran und Irak prägten auch schon Hiner Saleems Vorgängerfilme. War „Kilomètre Zero“ noch in der Zeit des Iran-Irak-Krieges um 1988 angesiedelt und auf Transportern durchs Land kutschierte Statuen von Saddam Hussein ein Running Gag, ist „Dol“ im Jahr 2005 angesiedelt und vieles nicht mehr zum Lachen. Viel geändert aber scheint sich nicht zu haben, jedenfalls nicht für die hier lebenden Kurden. Im wilden Kurdistan sitzen sie förmlich zwischen den Stühlen. Oder soll man sagen: auf wackeligen Stühlen? Vom Wind durchs Bild geblasene rote Plastiksessel jedenfalls geben in dieser trostlosen Einsamkeit ein hübsches Bild ab.

 

Einstellungen wie diese aber vermögen die gedrückte Stimmung kaum aufzuhellen oder neue filmische Glanzpunkte gegenüber Saleems bisherigem Ouevre zu setzen. Auch deshalb nicht, weil der kurdische Regisseur diesmal einen sehr ernsten Ton anschlägt. Als grober Handlungsfaden dient eine Odyssee des Kurden Azad (wieder in der Hauptrolle: Nazmi Kirik). Nachdem ihm während seiner Hochzeitszeremonie ein türkischer Oberbefehlshaber mehr aus Jux und Tollerei die Braut entführen will und Azad im Handgemenge einen Soldaten anschießt, muss er fliehen. Auf iranischer wie irakischer Seite trifft er Schmugglertypen, Separatisten und Guerillabräute, kurz: Blutsbrüder und Gesinnungsschwestern, die sich wie er ein autonomes Kurdistan wünschen. Und wieder wird eine Hochzeitsfeier jäh unterbrochen.

Mit Ironie versucht Saleem der teils absurden, insgesamt dürftigen und von landestypischer Musik untermalten Geschichte eine Leichtigkeit zu geben, beißt sich aber zu sehr daran fest, für ein eigenständiges Kurdistan werben zu wollen. Indem er einen türkischen Kommandanten nach einer nächtlichen Schießerei sagen lässt, dass sich das Autonomieproblem nicht einfach über Nacht lösen lasse, beweist Saleem einen gewissen Realitätssinn. Dann aber wieder fühlt man sich an Emir Kusturicas anarchische Bildsprache erinnert, etwa wenn gelangweiltes türkisches Militär sich paschamäßig benimmt. Letztendlich bedient sich „Dol“ dann aber doch wieder nur der gängigen Klischees. Selbst der einsam in der Berglandschaft stehenden Kuh kommen da die Tränen.

Thomas Volkmann