Maedchen, das die Seiten umblätter, Das

Zehn Jahre nach einem gescheiterten Vorspiel trifft die ehemalige Klavierschülerin Mélanie erneut auf die Frau, die mit ihrer Taktlosigkeit Schuld am Ende ihrer Träume von der Laufbahn als Pianistin war. Mélanie sinnt auf Rache und beginnt ein subtiles Psychospiel. Denis Dercourts psychologischer Thriller ist exzellent gefilmt und wird von zwei ausgezeichneten Hauptdarstellerinnen getragen. Schade nur, dass die Geschichte nahezu frei von Überraschungen abläuft.

Webseite: www.alamodefilm.de

OT: La Tourneuse de Pages 
Frankreich 2006
Regie: Denis Dercourt
Buch: Denis Dercourt, Jacques Sotty
Kamera: Jérome Peyrebrune
Schnitt: Francois Gédigier
Musik: Jérome Lemmonier
Darsteller: Catherine Frot, Déborah Francois, Pascal Greggory, Clotilde Mollet, Xavier de Guillebon, Antoine Martynciow
 85 Minuten, Format 1:1,85
Verleih: Alamode Film
Kinostart: 3. Mai 2007

PRESSESTIMMEN:

 

Ein auch musikalisch brillantes Werk. – Sehenswert!
tip berlin

Ein fabelhaft filigraner Psychothriller.
Der Spiegel

Der sehr verhalten inszenierte Psychothriller lebt vom verschleppten Tempo ebenso wie vom virtuosen Zusammenspiel der beiden überzeugend interpretierten Protagonistinnen. Indem so der Zustand der gegenseitigen Belauerung erotisch aufgeladen wird, erhält der Film eine zusätzliche reizvolle Dimension.
film-dienst

Die Geschichte einer konsequenten Rache, allerdings nicht auf plumpe Art, sondern mit Stil…. In ruhigen, eleganten Bildern zeigt der Regisseur, wie Melanie ihr Opfer langsam einkreist, er intensiviert die bedrohliche Atmosphäre allein durch verstohlene Blicke, eine Berührung, Schweigen. …Die subtile Spannung dieses Psychoduells unter Frauen entsteht durch leise, präzise gespielte Töne.
Cinema

FILMKRITIK:

Als Kind war Mélanie (Julie Richalet) eine talentierte Klavierschülerin, deren großer Traum von einer erfolgreichen Karriere jäh endete. Bei einem Vorspiel verhielt sich die bekannte Pianistin Ariane (Catherine Frot) so taktlos, das Mélanie vollkommen aus dem Rhythmus kam und scheiterte. Schon vorher hatte das junge Mädchen auf die Bemerkung des Vaters, dass auch im Falle eines gescheiterten Vorspiels die teuren Klavierstunden weiterbezahlt werden würden, nur kalt geantwortet: Nein. Diese grimmige, fast emotionslose Entschlossenheit hat sich auch die ältere Mélanie (nun gespielt von Déborah Francois) bewahrt. Als sie in einer Anwaltskanzlei ein Praktikum beginnt ahnt man noch nicht, dass dies nur Teil einer offenbar lang geplanten Rache ist. Ihr Chef, der Staranwalt Fouchecourt (Pascal Greggory), ist mit Ariane verheiratet. Bald wird Mélanie in den Kreis der Familie eingeführt, wo sie sich um den Sohn Tristan kümmern soll, der ungefähr in dem Alter ist in dem Mélanie war, bevor sie das Klavierspielen aufgab. Trotz ihrer Unnahbarkeit zeigt sich Ariane von Mélanie fasziniert. Bald entdeckt sie deren musikalisches Talent und bittet sie, ihre Umblätterin zu werden. Diese für eine Pianistin so wichtige Funktion, deren Rolle es ist, im genau richtigen Moment das Notenblatt umzublättern, war zuletzt von wenig talentierten Mädchen besetzt. Und da Ariane seit einem Autounfall ohnehin mit enormem Lampenfieber zu kämpfen hat und ihre Karriere zerfließen sieht, kommt die vollkommen ruhige Mélanie gerade richtig. Doch je größer die Abhängigkeit der älteren zur jüngeren Frau wird, so näher kommt der Film der finalen Katastophe.

Man kann kaum sagen, dass Déborah Francois besonders viel macht, um ihre Rolle auszufüllen. Doch allein ihre Präsenz, ihr kalter und doch leicht süffisanter Blick verraten viel über die Beweggründe für ihr Handeln. Völlig unerbittlich spielt sie ihr Spiel zu Ende, doch Triumph empfindet sie auch im Moment des Erfolgs nicht. Ganz anders Ariane. Von fiebriger Nervosität geplagt, lehnt sie sich an Mélanie an, bewundert ihre Ruhe und läuft geradewegs in die ihr gestellte Falle.

Das alles filmt Denis Dercourt in bester Psychothriller-Manier, mit subtilen Kamerafahrten, ohne auf platte Schockeffekte zurückzugreifen. Nicht zuletzt die Musik erzeugt eine Atmosphäre der Bedrohung und des Unbehagens, die in ihren besten Momenten an Chabrol oder Hitchcock erinnert. Das einzige Problem des Films ist nun aber, dass bei aller Qualität der Darstellerinnen und der filmischen Mittel die Handlung nahezu vollständig überraschungsfrei abläuft. Von dem Moment an, in dem man erfährt, dass Mélanie sich Zugang zum Leben von Ariane verschafft hat, weiß man, dass sie sich rächen will. Und genau das passiert, aber nicht mehr. Dies wäre weniger problematisch, wenn die Zeichnung der Figuren komplexer wäre. Doch gerade was Mélanie wirklich antreibt, warum sie als Kind einfach mit dem Klavierspielen aufhörte und warum sie nun nichts als ihre Rache im Sinn hat, bleibt vollkommen offen. Die Verschlossenheit Mélanies, die einerseits eine der Stärken des Films ist, wird hier zur Schwäche. Ein bisschen mehr Originalität und Das Mädchen, das die Seiten umblättert wäre eine wirklich herausragender Film geworden – und nicht nur ein sehr guter.

 

Michael Meyns

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Die zehnjährige Melanie entstammt einem kleinbürgerlichen Milieu, ihr Vater ist Metzger. Aber das Kind hat eine beträchtliche musikalische Begabung, die von den Eltern unterstützt wird. Melanie spielt so gut Klavier, dass sie die Aufnahmeprüfung am Konservatorium wagen kann. Beim Vorspielen macht sie ihre Sache sehr gut – bis die Jurypräsidentin, eine Konzertpianistin, mitten im Spiel ein Autogramm gibt. Wegen dieser Unterbrechung verliert das Mädchen den Faden, das Vorspielen ist dahin. Melanie scheitert, die Karriereaussichten sind zerstört. Das Kind beschließt, kein Klavier mehr anzurühren.

Zehn Jahre später. Melanie tritt bei einem renommierten Rechtsanwalt eine Praktikantenstelle an. Der Mann sucht jemanden, der auf seinen zehnjährigen Sohn Tristan aufpasst. Melanie sagt zu. Sie fährt zum Landsitz der Familie des Anwalts. Und siehe da: Dessen Ehefrau ist die Konzertpianistin und Jurypräsidentin, die einst dem Kind das Leben verdarb. Jetzt kommt für Melanie die Zeit, Rache zu nehmen. Wie aber wird sich das auf die Karriere der Pianistin, auf die Ehe mit dem Anwalt und auf den Sohn Tristan auswirken?

Ein raffinierter psychologischer Thriller im Gewand eines ruhig-friedlichen bourgeoisen Kammerspiels. Die Pianistin Ariane ist eine durch einen Unfall verunsicherte Frau, die nach einiger Zeit und nach einer gewissen Annäherung Melanie als eine Beschützerin annimmt. Und schließlich als noch viel mehr. Catherine Frot, früher eher aus Komödien bekannt, spielt die Rolle dieser Frau perfekt. Melanie (Deborah Francois) agiert mit einer undurchdringlichen Maske. Lange weiß man nicht, wie diese zu interpretieren ist: ob sie der (unübersehbar vorhandenen) Schönheit der jungen Frau dient; ob sie in ihrem Charakter liegt; ob sie Verstellung ist, hinter der sich der Rachegedanke entwickelt.

Regie, Rhythmus und großbürgerliches Milieu sind äußerst gepflegt. Die klassische Musik (Bach, Schubert, Schostakowitsch) spielt eine übergeordnete und schöne Rolle. Kein Wunder, denn der Regisseur ist selbst Musiker. An der Oberfläche läuft ein unaufgeregtes Geschehen ab. Darunter jedoch brodelt eine sich zunehmend ins Böse wendende Spannung. Psycho- und Rachespiel von feiner Qualität.

Thomas Engel