Draussen ist Sommer

Das Porträt einer dysfunktionalen Familie zeichnet Friederike Jehn in ihrem Film „Draussen ist Sommer“ mit schonungsloser Konsequenz. Aus der Sicht eines 14jährigen Mädchens erzählt, überzeugt der Film vor allem durch seine jungen Darsteller und seiner Schilderung des Verfalls einer Familie.

Webseite: www.alpha-medienkontor.de

Deutschland 2013
Regie: Friederike Jehn
Buch: Lara Schützsack & Friederike Jehn
Darsteller: Maria-Victoria Dragus, Nicolette Krebitz, Wolfram Koch, Audrey von Scheele, Nalu Walder, Philippe Graber
Länge: 95 Minuten
Verleih: alpha medienkontor
Kinostart: 24. Oktober 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Es soll ein Neuanfang werden: Mit Sack und Pack zieht die fünfköpfige Familie in ein neues Haus, irgendwo in einer Schweizer Kleinstadt. Zu Hause in Stuttgart hatte Joachim (Wolfram Koch) eine Affäre, die ihm Anna (Nicolette Krebitz) nur schwer verzeiht. Während der Vater auch in der neuen Heimat kaum zu Hause ist und viel arbeitet, versucht die Mutter wieder ins Berufleben einzusteigen, hat Vorstellungsgespräche und kümmert sich vor allem um die drei Kinder: Die 14jährige Wanda (Maria-Victoria Dragus) beobachtet mit wachen Augen ihre Eltern und ihre Umgebung und findet sich nur langsam in die neue Schule ein.

Dass sie schon mal die Nachbarn mit dem Fernglas beobachtet und mit verstellten Stimmen die Gespräche einer in ihren Augen normalen, liebevollen Familie synchronisiert, mag ungewöhnlich sein, im Vergleich zu ihren Geschwistern ist Wanda jedoch die Stabilste. Ihre jüngere Schwester Sophie (Audrey von Scheele) lernt zwar schnell ein Nachbarsmädchen kennen, die sie jedoch meist im Kommandoton herumscheucht, während das Nesthäckchen Bubi (Nalu Walder) durch einen Pilzbefall Haare verliert, nicht isst und auch nicht spricht.

Während die Eltern versuchen, ihre brüchige Ehe mit Erinnerungen an bessere Zeiten wieder zu beleben, jedoch immer wieder wegen Nichtigkeiten zu streiten beginnen, macht Wanda ihre eigenen ersten Erfahrungen mit Beziehungen: Auf einer Party lässt sie ein Junge sitzen, als sie sich nur zögernd küssen lässt, während der etwas ältere Nachbarsjunge Hannes (Philippe Graber) sie mit Freundlichkeiten umgarnt und bald Gegenleistungen fordert.

Zunehmend wird der anfängliche Kontrast zwischen Außen und Innen, zwischen dem sonnigen Sommer im Freibad und auf dem Fahrrad und der frostigen Atmosphäre im Inneren des Hauses, aufgelöst. Während sich innen der Streit der Eltern als zunehmend unlösbar erweist, sich die Mutter in purer Lethargie kaum noch aus dem Bett aufraffen kann, zuviel Rotwein trinkt und sich per Fotoalben an längst vergangene Zeiten erinnert, ist der Vater in den Keller gezogen, verwahrlost und ertränkt den Kummer in zuviel Bier.

Wenn Wanda schließlich versucht, ihre Eltern und Geschwister zum heilen Familienleben zu zwingen, wirkt es für einige Momente, als würde sich „Draussen ist Sommer“ in satirische, groteske Bereiche bewegen. Doch Friederike Jehn – die zusammen mit Lara Schützsack auch das Drehbuch schrieb – belässt es bei der genauen Zeichnung einer dysfunktionalen Familie. Immer klarer wird, wie aussichtslos die Hoffnung ist, die Familie zu retten, wie zumindest auch die beiden jüngeren Kinder zunehmend gestörtes Verhalten an den Tag legen.

Während das Drehbuch den Eltern wenig zu tun gibt, überzeugt besonders die junge Maria-Victoria Dragus, die vor einigen Jahren in Michael Hanekes „Das Weisse Band“ zu sehen war. Mit großer Subtilität spielt sie ein Mädchen, dass durch die Konflikte ihrer Eltern mit großer Verunsicherung auf die Welt blickt, sich immer wieder in ihre Phantasie flüchtet und doch nur möchte, dass alles wieder wird wie es einmal war. Doch in Friederike Jehns Drama gibt es kein Happy End, das angesichts des Gezeigten auch nicht zu der authentischen Schilderung einer dysfunktionalen Familie passen würde.

Michael Meyns