Jung und schön

Jung und schön ist die siebzehnjährige Hauptfigur von Francois Ozons neuestem Film – und Prostituierte. Nach der Schule verkauft sie ihren Körper an oft ältere Männer, eine eher ungewöhnliche Grundkonstellation, aus der der französische Regisseur ein wie immer höchst souveränes Drama formt, dass sich diesmal mit Freud und Leid des Erwachsenwerdens beschäftigt.

Webseite: www.jungundschoen-derfilm.de

Frankreich 2013
Regie, Buch: Francois Ozon
Darsteller: Marine Vacth, Géraldine Pailhas, Frédéric Pierrot, Charlotte Rampling, Lucas Prisor, Johan Leysen
Länge: 94 Minuten
Verleih: Weltkino Filmverleih
Kinostart: 14. November 2013

PRESSESTIMMEN:

„Eine betörende moderne Version von „Belle de Jour“.
(Deutschlandradio)

„Marine Vacth als sexuell verwirrtes Lolita-Update…“
(Spiegel Online)

„Marine Vacth ist so schön wie geheimnisvoll.“
(ARD Titel Thesen Temperamente)

FILMKRITIK:

Von den vier Jahreszeiten wird „Jung & Schön“ strukturiert, in vier Segmenten das erotische Erwachen der 17jährigen Isabelle (Marine Vacth) geschildert. Es beginnt im Sommer: Mit ihrer Familie verbringt Isabelle die Ferien am Meer, wo sie mit einem deutschen Urlauber ein wenig erfreuliches Erstes Mal erlebt. Dann der Herbst, Isabelle ist in Paris, betritt in Kostüm und hochhackigen Schuhen ein Hotel, klopft an eine Tür und schläft mit einem älteren Herrn. Als Gelegenheitsprostituierte verdient sie sich Geld, das sie eigentlich nicht braucht. Denn Isabelle kommt aus begütertem Haus und geht auf eine gute Schule.

Doch an ihren gleichaltrigen Mitschülern hat sie kein Interesse, sie kann sich nicht wirklich verlieben, nicht fallen lassen, erzählt sie ihrem ein paar Jahre jüngeren Bruder. Der ist in der Familie ihr Vertrauter, eine Rolle, die sie gern von der Mutter übernommen sähe, doch die ist mehr mit Beruf und einer Affäre beschäftigt, als den Wandel ihrer Tochter wahrzunehmen. Bis eines Tages der ältere Herr, mit dem Isabelle fast so etwas wie eine Affäre begonnen hatte, tot zusammenbricht und die Polizei Isabelles Mutter vom Doppelleben ihrer Tochter berichtet.

Wie so oft ist auch dieser Film von Francois Ozon streng strukturiert, so wie es etwa „5×2“ war, der in fünf Segmenten vom Verfall einer Ehe erzählte. Hier ist es das sexuelle Erwachen eines jungen Mädchens, das vom französischen Model Marine Vacth mit großer Überzeugung und subtiler Verletzlichkeit gespielt wird. Vom ersten Moment an steht Isabelle im Blickpunkt, rückt die Kamera ihren Körper in den Mittelpunkt, der noch etliche Male ganz oder fast nackt zu sehen sein wird, ohne das er jemals ausgestellt werden würde.

Nach ihrem ersten Mal am Strand beginnt Isabelle ihre Sexualität zunehmend zu entdecken und nicht zuletzt zu benutzen. Beginnt zu verstehen, welchen Eindruck ihr Schmollmund, ihre langen, wallenden Haare, ihre endlosen Beine auf Männer jeglichen Alters machen. Sie nutzt diese Macht aus, doch zu welchem Zweck, dass ist ihr wohl selber nicht bewusst. Und vielleicht auch Francois Ozon nicht.

Ein wenig unentschlossen wirkt es, was Ozon, der gleichermaßen einen Drang zum kitschigen, wie zum subversiven hat und als bekennend schwuler Regisseur manchmal nicht ganz zwingend über heterosexuelle Beziehungen erzählt. Ob er hier die bürgerliche Fassade hinterfragen will, die Prostitution ablehnt, aber doch in Affären und sexuelle Abgründe verstrickt ist, ob er einfach den Geisteszustand einer zugegebenermaßen nicht ganz durchschnittlichen siebzehnjährigen Aufzeigen will. – Viele Lesarten bietet er an, ohne sie eindeutig zu vertiefen.

So wirkt „Jung & Schön“ bisweilen etwas unbestimmt, etwas oberflächlich, bleibt dabei aber stets interessant. Denn Ozon ist nach seinem 15. Spielfilm in ebenso vielen Jahren längst einer der versiertesten Regisseure des europäischen Arthouse Kinos geworden. Mit größter stilistischer Souveränität inszeniert er seine Geschichten, die selten länger als 100 Minuten dauern, setzt gezielt Brüche ein, lässt nostalgische Chansons die Handlung kommentieren – hier vier Chansons von Francois Hardy – und schafft es auch mit einem für seine Verhältnisse kleinen Film zu faszinieren.

Michael Meyns