Drawing Restraint 9

Nach dem großen Erfolg, den der Verleih im letzten Jahr mit Matthew Barneys "Cremaster Cycle" erlebte, kommt nun das jüngste Werk des New Yorker Künstlers ins Kino, mit Sängerin Björk in der Hauptrolle. Visuell betörend, inhaltlich enigmatisch streift Barney eine Vielzahl in seinem Oeuvre bekannter wie zahlreiche neue Themen und Motive und schafft eine faszinierende Welt, die bisweilen einfach, dann wieder schwierig zu entschlüsseln ist.

Webseite: www.alamodefilm.de

USA 2005
Regie und Buch: Matthew Barney
Kamera: Peter Strietman
Musik: Björk
Darsteller: Matthew Barney, Björk, Shigeru Akahori, Koji Maki, Mayumi Miyata
135 Minuten
Kinostart: 8. Juni
Verleih: Celluloid Dreams Germany, Vertrieb: Alamode Film

PRESSESTIMMEN:

Der Multimedia-Künstler Matthew Barney entfesselt in Fortführung eines langjährigen experimentellen Projekts einen anspielungsreichen, symbolträchtigen Bilderrausch, der das Schöne im Bewusstsein der Vergänglichkeit feiert. Sein Film verweigert sich dabei herkömmlichen Erzählweisen und bietet in seiner eigenwilligen Ikonografie zahlreiche Projektions- und Assoziationsflächen.
film-dienst

Narrativ oder biografisch kommt man dem neuen Werk Matthew Barneys nicht bei. Erst recht nicht, wenn man in dem zweieinhalbstündigen Film „Drawing Restraint 9“, der auf dem legendären japanischen Walfangschiff „Nisshin Maru“ spielt, als Kommentar für oder gegen Walfang zu deuten versucht, als esoterische Öko-Hymne oder drastische Sex-Orgie. Zu geschickt hat der Bildkünstler, der mit seinem hochkomplexen „Cremaster“-Zyklus bekannt wurde, die Handlung verrätselt. Das Walfangritual, die japanische Naturreligion des Shinto, eine Meditation über den Schöpfungsprozess, dazu der Bau einer Skulptur aus Vaseline und, nicht zu vergessen, Björks exotische, von japanischen Klängen inspirierte Filmmusik – alles spielt zusammen in einer ausgefeilten Privat-Mythologie, die vom Erstarken der Muskeln ebenso erzählt wie vom Willen, der den Trieb beherrscht. Verstehen lässt sich das alles nicht, nacherzählen kaum. Und ist im Kino doch ein besonderes Erlebnis.
Tagesspiegel Berlin

FILMKRITIK:

Schauplatz des Films ist das tatsächlich existierende japanische Fabrikschiff Nisshin Maru, das Japan seit Jahren unter heftigen Protesten für den Walfang, vorgeblich ausschließlich für wissenschaftliche Zwecke, verwendet. Will man eine Art Handlung beschreiben, hört sich das etwa wie folgt an: An Deck wird heiße Vaseline (Barneys liebstes organisches Material) in eine gigantische Form gegossen, die das aus dem Cremaster Cycle bekannte Oval mit seitlichen Ausbuchtungen aufnimmt. Unter Deck werden derweil zwei „Besucher aus dem Okzident“, gespielt von Barney und seiner Ehefrau, der Sängerin Björk, die auch die Musik für den Film schrieb, durch komplexe Riten geführt, die dem japanischen Schintoismus nachempfunden sind. Nach der Waschung und Rasur, folgt die Ankleide mit traditionellen Kleidern, die hier ganz aus organischem Material bestehen, anschließend eine Teezeremonie und die Hochzeit.
Unterbrochen werden diese beiden, sich in komplexer Weise spiegelnden, wechselseitig kommentierenden Szenen, mit einer dritten Ebene, in der menschenähnliche Kreaturen unter Wasser nach Fischen tauchen. Sie führen zu einem der Hauptthemen des Films: Einer Darstellung des japanischen Walfangs.

Viel entscheidender ist die Wahl Japans als, wenn nicht Schauplatz, so doch zumindest Ausgangspunkt des Films, jedoch auf Grund der religiösen Traditionen. In einer der wenigen Dialogszenen des Films, erklärt der Teezeremonienmeister das Konzept des mono no aware, einer Art ganzheitlicher Lebensentwurf, der den zyklischen Charakter des Lebens in den Mittelpunkt stellt. Diese Betonung der Vergänglichkeit des Seins, der Einheit von Mensch, Natur, Umwelt ist einer der offensichtlichsten Interpretationsansätze des Films. Wobei es Barney nicht versäumt, auf die Ironie hinzuweisen, dass gerade Japan, trotz dieses immer noch verbreiteten Glaubens und einem tiefen Traditionsbewusstsein, dass sich in vielen Bereichen durch das japanische Leben zieht, wie kaum ein anderes Land Raubbau an der Natur betreibt, auf bisweilen rücksichtslose Weise Verkehrswege durch die Natur zieht und in Megastädten zu Hause ist, die kaum weiter von der Natur entfernt sein könnten.

Stilistisch hat sich Barney seit den ersten Cremaster- Filmen enorm entwickelt. Wirkten die frühen Arbeiten oft noch wie billig produzierte Heimvidoes, steht ihm inzwischen ein technischer Apparat zur Verfügung, der sich nicht hinter konventionellen Filmen verstecken braucht. Aber auch Barneys Qualitäten als Filmemacher sind gewachsen. Filmte er früher meist einfach nur ab, erzeugt er nun mit fließenden Kamerafahrten eine hypnotische Atmosphäre, die die oft so bizarren Bilder noch untermalt. Barneys Visionen als prätentiös abzutun, ist allzu einfach.

Letztlich entzieht sich ein Werk wie Drawing Restraint 9, das lose an frühere Installationsarbeiten Barneys anschließt, den Kategorien, mit denen gemeinhin versucht wird, Film „objektiv“ zu bewerten. Was man hier mitnimmt, hängt in erster Linie davon ab, was man mitbringt, welche Assoziationen sich jedem Zuschauer selbst auftun, welche Bezüge für Bedeutsam gehalten werden, letztlich, wie willens der Betrachter ist, sich auf die Welt Barneys einzulassen.

 

Michael Meyns