Tintenfisch und der Wal, Der

Die skurrile, aber anrührende Geschichte einer exzentrischen Intellektuellenfamilie im New Yorker Stadtteil Brooklyn in den 80er Jahren. Mit Jeff Daniels und Laura Linney.

Webseite: www.tintentisch-und-wal.de

The Squid And The Whale
USA 2005
Regie und Buch: Noah Baumbach
Darsteller: Jeff Daniels, Laura Linney, Jesse Eisenberg, Anna Paquin, William Baldwin
81 Min.
Verleih: Sony
Kinostart: 11.5.2005

PRESSESTIMMEN:

Eine pointierte Gratwanderung zwischen Drama und Komödie.
Süddeutsche Zeitung

Das Porträt einer zerbrochenen Familie, aber kein rührendes Melodram wie "Kramer gegen Kramer", sondern eine realitätsnahe Geschichte aus Kinderperspektive und wie aus dem Leben gegriffen. Der 12-jährige Frank und sein 16-jähriger Bruder Walt fallen aus allen Wolken, als ihnen ihre Eltern die Trennung mitteilen…
"Der Tintenfisch und der Wal" erzählt heiter-melancholisch vom Erwachsenwerden in einer Welt, die keine Träume zulässt. Keine heile Welt à la Disney & Co, sondern eine wirkliche, die Wunden schlägt und in kleinen Momenten Wunder zulässt.
ARD

Noah Baumbach hat als Autor und Regisseur aus einem bitteren Alltagsdrama eine lebensfrisch zärtliche, schwungvolle, fein pointierte Tragikomödie gemacht. Poetischer Märchentitel, glänzende Schauspieler, Festivaljubel – wer der Geistesgegenwart des Woody Allen von einst nachtrauert, findet hier seinen Esprit wieder.
Der Spiegel

Die subtile Tragikomödie besticht durch einfühlsame Beobachtungen des komplexen familiären Beziehungsgeflechts und ausgezeichnete Leistungen der vier Hauptdarsteller.
Filmecho

Eine feinsinnige Tragikomödie mit makellosen Darstellerleistungen.
KulturSPIEGEL

Kann ein Scheidungsdrama komisch sein? Das kommt ganz darauf an, worüber man lachen kann. "Der Tintenfisch und der Wal" ist ein schmerzhafter Film über den Zerfall einer Familie, über Untreue und Ehebruch, über den Streit um die Kinder und deren aussichtsloses Ringen, mit dem Zusammenbruch ihres Heims fertig zu werden. Zugleich ist der Film eine Komödie – wenn auch mit einem Humor, der so trocken, bitter und schwarz ist, daß das Lachen keineswegs erleichternd ist… Noah Baumbach hat ein bemerkenswertes Gespür für ungestelzte Dialoge, die mitten aus dem Leben kommen. Ihm gelingt ein intimes Familienporträt mit einer Schärfe der Beobachtung, wie sie nur selten zu sehen ist – zu scharf auch für die Kompromißindustrie Hollywood.
Welt am Sonntag

 

 

FILMKRITIK:

Joan und Bernard beim gemeinsamen Tennisspiel mit ihren Söhnen Walt und Frank. Ein beschauliches Familienidyll könnte man meinen, doch das „Mum und ich gegen dich und Dad“ verliert schon wenige Sekunden später seinen spielerischen Unterton. Was Bernard und Joan hier zu Beginn des Films tatsächlich ausfighten, ist ihre gescheiterte Ehe. Und das schlägt sich in jeder noch so kleinsten alltäglichen Situation nieder. Dabei werden ihre Söhne unfreiwillig und unwissentlich zu Rekruten des jeweiligen Elternteils.

Der einst gefeierte Schriftsteller Bernard ist für den 16jährigen Walt ein beinahe göttergleiches Vorbild, dessen Meinungen über die Welt und vor allem über Literatur er unhinterfragt zu Dogmen erhebt. Dass Walt selten liest, worüber er schon den Kommentar des Vaters eingeholt hat, führt zu verfänglichen Situationen und zeigt auf amüsante Weise, wie Walt das aufgeblasenen Intellektuellen-Gehabe des Vaters imitiert und damit entlarvt. Wenn er auf das Ende von Kafkas „Verwandlung“ lediglich antwortet, es sei doch sehr „ambivalent“ und damit verzückte Zustimmung von seiner Gesprächspartnerin erhält, zeigt sich, dass seine Blender-Taktik bestens funktioniert.

Der zwölfjährige Frank interessiert sich weniger für Kunst und Literatur, vielmehr für Tennis und seinen Tennislehrer Ivan, dem er bewundernd nacheifert, der für Bernard jedoch einfach nur ein Kultur-Banause ist. Da ist Walt doch der geeignetere Lieblingssohn, weil er Bernard als sein größter Fan über dessen  gegenwärtige schriftstellerische Flaute hinwegzutrösten weiss, schliesslich erkennt die Welt nicht immer ein künstlerisches Talent. Erschwerend kommt hinzu, dass Joan gerade Erfolge als Autorin feiert, für Bernard, der ungern im Schatten anderer steht, ein kaum zu ertragender Zustand. So kann schliesslich selbst „Hey You“ von Pink Floyd, den Walt als seinen Song ausgibt und den Eltern beim abendlichen Beisammensein mit Frank vorträgt, die Familie nicht retten „Hey you, don’t tell me there’s no hope at all“ ist die flehende Bitte, bevor sich Bernard ein Haus kauft und mit Joan die Sieben-Tage-Woche streng in zwei Hälften teilt. Von nun an leben Frank und Walt abwechselnd bei Vater und Mutter. Subtil gerät allmählich ausser Kontrolle, was sich hinter makellosem, aber verkrampften Gehabe verbarg.

Autor und Regisseur Noah Baumbach erzählt die Geschichte, die inspiriert ist durch eigene Kindheitserlebnisse, vor allem aus der Sicht der Kinder. Durch Walt erklärt sich auch letztendlich der bizarr anmutende Titel. Jedoch ist der Film als Ganzes keineswegs als Metapher zu begreifen. Vielmehr werden diese durch die Figuren im alltäglichen Drama entdeckt. So setzte Baumbach konsequent auf mit der Handkamera verwackelte schnörkellose Bilder, in denen die Farben staubgrau ihre Strahlkraft einbüßen, und dabei einen unwiderstehlichen authentischen Charme versprühen.

Ohne wertend in die Geschichte einzugreifen oder gar eine Sozialstudie mit moralischem Fingerzeig über Scheidungskinder präsentieren zu wollen, verlässt sich der Film ganz und gar auf das Zusammenspiel der kleinsten Regungen, der Details. In ihnen schlummert eine existentielle Verunsicherung über die sich alle Figuren im Laufe des Films bewusst werden und dadurch an Kontur gewinnen. Unbedingt zu erwähnen ist die großartige schauspielerische Leistung der Hauptdarsteller, die durch ihr intensives und facettenreiches Spiel faszinierende Einblicke in ihre Figuren bieten.

„Der Tintenfisch und der Wal“ ist ein zutiefst psychologischer Film, dessen herausragende Stärke es ist, aus der vielschichtigen Tragik der Geschichte und der Figuren auch und vor allem die Skurrilitäten und Absurditäten im menschlichen Wesen aufscheinen zu lassen. Die humoristischen Elemente, die ihnen innewohnen, bieten gleichzeitig allerfeinste Unterhaltung.

Alexandra Kaschek