Edge of Love

Mit spannender Besetzung (Cillian Murphy, Keira Knightley, Sienna Miller) verfilmte John Maybury nach dem eindrucksvollen Francis Bacon-Porträt „Love is the Devil“ nun erneut eine englische Künstler-Biographie. Der walisische Dichter Dylan Thomas spielt in „The Edge of Love“ allerdings nicht eine ähnlich zentrale Rolle. Die unterschiedlichen Beziehungen von vier Menschen, die nur bürgerlich gesehen zwei Paare bilden, verändern sich in den Vierziger Jahren unter dem Terror des Zweiten Weltkrieges. Die biographisch verbürgte Episode eines eifersüchtigen Ehemannes, der Dylan Thomas mit Maschinengewehr und Handgranate angreift, bildet darin den Aufhänger.

Webseite: neuevisionen.de

GB 2008
Regie: John Maybury
Drama, Biographie
Darsteller: Cillian Murphy, Keira Knightley, Matthew Rhys, Sienna Miller
Länge: 110 Min.
Verleih: Koch Media (Neue Visionen)
Kinostart: 19.3.2009

PRESSESTIMMEN:

…großes Kino über ein ziemlich verheerendes Leben.
Der Spiegel

FILMKRITIK:

Das Quiz-Wissen, dass der Pop-Barde Bob Dylan eigentlich Robert Zimmermann hieß und er sich nach dem walisischen Dichter Dylan Thomas nannte, wird für viele die größte Annäherung an den genialen Poeten bedeuten. Thomas (1914-1953) hatte selbst ein großes Interesse am Film, das dieser dem Dichter allerdings nicht dankte. Dies ist teils verständlich, weil bei aller Begeisterung für den einzigartigen Stil, seine schwer verständlichen Verse die völlige Aufmerksamkeit des Lesers oder Zuhörers verlangen. Doch Dylan Thomas schrieb auch „Rebecca’s Daughters“, ein Drehbuch in Romanform, das 1992 mit Peter O’Toole verfilmt wurde. Und er wird sogar als Regisseur für die zwölfminütige Doku „These Are the Men“ geführt, die 1943 die faschistischen Kriegstreiber vorstellte. Allerdings hatte der Dichter selbst die Antwort auf eitles Erfolgsstreben, das die in Dylans Heimatstadt Swansea spielende Komödie „Twin Town“ spöttisch einblendet: „Ambition is Critical“.

Aber, um am Anfang anzufangen: „The Edge of Love“ trumpft gleich in den ersten Bildern mit einer schillernden Keira Knightley auf. Sie spielt die glamouröse Sängerin Vera Phillips, die im Dienste des Vaterlandes nun in den Londoner Untergrund-Tunneln, die als Luftschutzbunker dienen, die Stimmung hochhält. Eines Abends trifft Vera in einer Bar auf ihre Jugendliebe aus walisischen Zeiten, Dylan Thomas (Matthew Rhys), nun Trinker, Poet, Frauenheld und notorisch pleite. Das Wiedersehen wiederholt sich, eifersüchtig beobachtet von Dylans irischer Ehefrau Caitlin MacNamara (Sienna Miller), die auch Mutter seines Sohnes ist. Doch dann freunden sich die beiden Frauen an, eine offene, intensive Freundschaft auf der Basis einer Warnung: Lass die Finger von meinem Mann. Während die deutschen Bomben im „Blitz“ auf London fallen, ergibt sich Vera der Werbung des Captain William Killick (Cillian Murphy). Kurz vor dessen Abreise an die griechische Front heiraten sie, die Worte „Ich liebe dich“ traut sie sich jedoch nicht, verspricht sie für den Fall seiner Rückkehr.

Zurück in Wales, kümmern sich die beiden Frauen um ihre Kinder, auch ist Vera nun Mutter. Dylan und Caitlin zerfleischen sich durch die Affären, die beiden sich gegenseitig antun. Man friert und versinkt einsam in den eigenen Ängsten, Unsicherheiten, Zweifeln. Während Vera in der Trennung ihre Liebe zu William findet, findet er nach seiner Rückkehr nicht die Frau wieder, die er heiratete, die er liebte. Innerlich zerfressen von den Grauen des Krieges, reagiert er verbittert auf Vera und alle anderen, die nicht an der Front gekämpft haben. Vor allem Dylan, der völlig betrunken ausgemustert wurde, vereinigt in sich diese Verletzung und den Auslöser schmerzlicher Eifersucht. Zudem finanzierte Vera in Williams Abwesenheit den darbenden Poeten und dessen Sauferei mit dem Ersparten ihres Ehemannes. Eines abends kommt es zum dramatischen Ausbruch, bei dem William das dünnwandige Haus von Dylan mit seinem Maschinengewehr durchlöchert….

„The Edge of Love“ ist kein einfaches Drama, keine singuläre Verfehlung, kein simpler Konflikt. Es ist eine Zerfasserung von Gefühlen, Hoffnungen und Freuden, die im Bombenregen noch aufblitzten, aber später in Wales fern wie aus einem anderen Leben erscheinen. Hier sind die Familien nur fadenscheinige Fassaden im kühlen Wind. Lange scheint es, als sei darin Dylan Thomas, der selbstverliebte Lebemann, der wie ein kleiner Junge einer verflossenen Liebe nachhängt, eher eine Randfigur. Doch im Gerichtsverfahren gegen William wird die Jugendliebe von Thomas wieder eine Rolle spielen, man könnte das alles nur als eine Episode in dieser langen Geschichte sehen. Doch die Struktur von Regisseur Maybury lässt bewusst viele Geschichten zwischen den Figuren laufen ohne sich nur auf eine einzige zu fixieren. Weder auf eine Geschichte noch auf eine Liebe.

Ästhetisch enthebt Maybury sowohl Gesichter als auch einzelne Szenen immer wieder der grauen Kriegsrealität. Überstrahlte Farben einer Liebesnacht werden weich gezeichnet und gebrochen im Spiegelkabinett der Schranktüren. Der Titel des Films taucht immer mal wieder als Schriftzug auf Gardinen und anderen Stellen im Film auf. Ebenso erklingen ein paar Original-Sätze von Dylan Thomas, ein paar Zeilen seiner Poesie.

Dass die Liebe von Dylan Thomas zum Film bislang keine populäre Erwiderung fand, könnte sich mit „The Edge of Love“, mit dieser amouröse Episode aus seinem Leben ändern, die einerseits Literaten interessieren sollte, aber auch all jene fesseln kann, die bei Leben, Liebe und Film mehr als Standard-Formeln und klassische Dramaturgie erwarten. Und bald wird eine britische Produktion mit dem Titel „Dylan“ nachsetzen, die teilweise auf Dylans Erinnerungen "Under Milk Wood" (Unter dem Milchwald) basiert, sich allerdings noch in Produktion befindet. Doch all diese Filme haben mit dem stärksten Pfund auch das größte Problem: Sie werden gemessen an der gewaltigen Macht der Worte des Dichters, mit denen auch der Film endet:

Not for the proud man apart
From the raging moon I write
On these spindrift pages
Not for the towering dead
With their nightingales and psalms
But for the lovers, their arms
Round the griefs of the ages.

Günter H. Jekubzik

Bekannt wurde John Maybury mit dem Künstler-Portrait „Love ist he Devil“, in dem er die Abgründe Francis Bacons auslotete. In „The Edge of Love“ versucht er ähnliches mit dem britischen Großpoeten Dylan Thomas, allerdings nur mit bedingtem Erfolg. Der Fokus des Films liegt auf einer unglücklichen Dreiecksbeziehung des Dichters, die im London der Kriegsjahre beginnt und schließlich nach Wales führt, wo sie in der Beliebigkeit endet, die den ganzen Film durchzieht.

Dass große Künstler nicht unbedingt sympathische Menschen sind, ist allseits bekannt. Dass auch der britische Dichter Dylan Thomas zu den eher schwierigen Vertretern der menschlichen Rasse gehört, ist sowohl durch Freunde als auch die vielen Feinde ausführlich überliefert. So schrieb zum Beispiel Kingsley Amis in seiner Autobiographie: „Thomas war ein außergewöhnlich unangenehmer Mann, der seine Freunde betrog und bestahl und auf ihre Teppiche pinkelte.“ 

All diese Aspekte der Persönlichkeit Thomas finden Eingang in John Mayburys Film, der gerade in seinen Anfängen wie ein ungeschönter, bitterer biographischer Film wirkt. Zunehmend jedoch treten zwei Figuren in den Vordergrund, mit denen der Film begann: Die von Keira Knightley gespielte Sängerin Vera Philips, die während des Londoner Blitz in den U-Bahnschächten aufmunternde Lieder zum Besten gibt und der Soldat William Killick (Cillian Murphy), der sie vergöttert. Nur ein Hindernis steht zwischen dem Paar: Thomas. Der benimmt sich zwar konsequent als großkotziger Ekel, dennoch liegen ihm die Frauen zu Füßen. Verheiratet ist er zwar mit Caitlin MacNamara (Sienna Miller), was ihn aber nicht daran hindert, es sich in einer ménage à trois mit ihr und seiner alten Bekannten Vera einzurichten. Bedauerlicherweise vermag es Matthew Rhys dabei nur selten, die Faszination Thomas’ überzeugend darzustellen. Er sieht zwar angemessen zerknittert und unrasiert aus, warum er aber auf Frauen solch eine Anziehung hatte bleibt offen, zumal seine Stimme den regelmäßig vorgetragenen Gedichten kaum das Tremolo gibt, dass Thomas Stimme gehabt haben soll.

Vielleicht ist das größere Problem aber nicht Rhys, sondern das Material, das ihm zur Verfügung steht, genauer gesagt das Drehbuch. Geschrieben wurde es von Sharman MacDonald, Keira Knightleys Mutter. Ihr gelingt es nicht, der komplexen Geschichte den nötigen Fokus zu geben, die Entscheidung zu fällen, ob Vera und William im Mittelpunkt stehen sollen oder nicht vielleicht doch der zumindest auf dem Papier ungleich faszinierendere Thomas. Statt dessen mäandert der Film arg unbestimmt dahin, unterlegt von Angelo Badalamentis Musik und gefilmt mit oft strapaziöser Kunstbeflissenheit. Man mag es Maybury zwar nicht verdenken, das er sich mit der Kamera an seinen beiden Hauptdarstellerinnen labt, dabei hätte er allerdings nicht vergessen sollen, Keira Knightleys in jedem Moment bebende Mimik zu bändigen. Sienna Miller dagegen überrascht einmal mehr mit einer überzeugenden Darstellung und dürfte bald als eigenständige Schauspielerin anerkannt werden und nicht mehr als bloßes Anhängsel wechselnder Liebschaften. 

Was jedoch von „The Edge of Love“ bleibt ist allzu wenig, gerade angesichts des fraglos spannenden Themas. Auf ein endgültiges Dylan Thomas-Biopic wird man also noch warten müssen.

Michael Meyns
 

Dies ist die auf realen Biographien basierende wenn auch im Verhältnis zur Historie stark veränderte Geschichte von vier Personen aus dem England des 20. Jahrhunderts, die sich gleichermaßen freundschaftlich vertraut wie charakterlich fremd sind.

Da ist die Sängerin Vera Phillips, eine selbstbewusste Waliserin, die im Zweiten Weltkrieg während der Bombardements durch die Deutschen die Menschen in den U-Bahn-Schächten mit Gesang unterhält.

Durch Zufall trifft sie mit dem Dichter und Schriftsteller Dylan Thomas zusammen, einem Jugendfreund und Nachbarn aus ihrer Heimat. Sie waren einst am Strand mehr als nur Freunde, und so ist es kein Wunder, dass bei Dylan Thomas die alten starken Gefühle wieder hochkommen. Er will sich Vera nähern, doch die ist zurückhaltend. Und: Dylan Thomas ist verheiratet – mit Caitlin, einer extrem lebenslustigen und stark auf ihren Mann fixierten Frau.
Noch einer ist hinter Vera her: Captain William Killick, der von ihrer Schönheit betört ist. Vera will keine Verbindung eingehen, denn es ist Krieg, und sie wünscht sich keinen Mann, der nach kurzer Zeit im Kampf zu Tode kommen könnte.

Schließlich, nach einem schweren Bombenangriff, gibt sie nach. Die beiden heiraten. William muss zurück an die Front.

Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich für lange eine innige Freundschaft. Doch wie so oft oder fast immer im Leben gerät die Liebe mit der Zeit an den Rand (Originaltitel) des Abgrunds. Denn Dylan liebt Vera. Caitlin entschädigt sich sexuell mit anderen Männern. Sowohl Vera als auch Caitlin werden schwanger, wobei man an der jeweiligen Vaterschaft seine Zweifel haben kann. Vera verliert ihr Selbstbewusstsein. Dylan beachtet keinerlei Verhaltensregeln mehr. William kehrt aus dem Krieg seelisch derart kaputt zurück, dass er beinahe kriminell wird.

Die Freuden und Enttäuschungen in den zwischenmenschlichen Beziehungen, die Höhen und Tiefen, das An-die-Grenze-Stoßen, die Innigkeit wie die Abstürze – hier werden sie in dramaturgisch sehr offener Form, in beinahe improvisatorischer Weise, aber in einem Ambiente, das zeitgemäßer und echter nicht sein könnte, wie spielerisch dargeboten. Die kraftvollen Freundschafts- und Liebesszenen der ersten Hälfte im belebten London, das spätere Verlorensein der vier typischerweise in der schönen, aber schier verlassenen walisischen Landschaft.

Die beiden Frauen Keira Knightly (Vera) und Sienna Miller (Caitlin) können sich sehen lassen und dies im doppelten Sinne: wegen ihres strahlenden Aussehens und wegen ihres überzeugenden Spiels. Darstellerisch beachtlich jedoch auch die Männer Cillian Murphy (William) und Matthew Rhys Dylan).

Thomas Engel