Slumdog Millionaer

Nach Abenteuern mit Zombies und einem Ausflug ins All verschlägt es den britischen Regisseur Danny Boyle nun in die Slums von Mumbai. Dort erzählt er in grellbunten, flirrenden Bildern die Geschichte eines armen muslimischen Jungen, der durch schiere Willenskraft die indische Ausgabe von „Wer wird Millionär“ gewinnt, die Armut hinter sich lässt und auch noch das Mädchen bekommt. Ein rasant gefilmtes Märchen, das wenig überraschend als Favorit auf den Oscar gilt.

Webseite: www.slumdog-millionär.de

GB/USA 2008
Regie: Danny Boyle, Loveleen Tandan
Buch: Simon Beaufoy, nach dem Roman „Q&A“ von Vikas Swarup
Kamera: Anthony Dod Mantle
Schnitt: Chris Dickens
Musik: A.R. Rahman
Darsteller: Dev Patel, Anil Kapoor, Saurabh Shukla, Jenewa Talwar, Freida Pinto, Irrfan Khan
Länge: 120 Minuten, Format: 1:2,35 (Scope)
Verleih: Fox
Kinostart: 19. März 2009

Ausgezeichnet mit den Golden Globes 2009:
Bestes Drama
Beste Regie
Bestes Drehbuch
Beste Filmmusik

PRESSESTIMMEN:

FILM DES MONATS März 2009 der Jury der Evangelischen Filmarbeit:
Der Film ist Bollywood-Melodram, Dokument der Lebensverhältnisse von Abermillionen, Überlebensthriller und Medienspektakel. Mit rasanten Kamerafahrten, atemberaubenden Schnitten zwischen TV-Show und dramatischer Lebensgeschichte hält er das Publikum in Atem. Es gelingt ihm, die vibrierende Energie einer Megastadt wie Mumbai im Leben eines Slumkindes zu spiegeln, das kaum eine Chance hat, Not und Elend zu entkommen. Im Traum vom Aufstieg vom ‚Slumdog’ zum Millionär spiegeln sich die Wünsche von Millionen nach gesellschaftlicher Teilhabe und individuellem Glück. Die Überzeugungskraft des Films lebt davon, diese Wünsche als Quelle von Gerechtigkeit und Liebe ernst zu nehmen. Regisseur Danny Boyle nutzt eine populäre Form und eine mediale Megamaschine zu einer Wette mit der Wahrscheinlichkeit – und einen großen Wunschtraum, um darin von einer bitteren Wirklichkeit zu erzählen.

 

 

FILMKRITIK: 

Ratesendungen im Stil von „Wer wird Millionär“ sind mittlerweile in über 100 Ländern der Erde ein Quotenknüller. Der britische Regisseur Danny Boyle („Trainspotting“) zeichnet mit „Slumdog Millionär“ nun die märchenhafte Geschichte eines armen indischen Jungen in der Megastadt Mumbai nach. Zur Millionenfrage gelangt er nur, weil er Runde für Runde das Glück hat, die Antworten aufgrund seiner extremen Lebenserfahrungen zu wissen. Die Produktion der Ratesendung aber hält den Siegeszug des Jungen vor der Kamera für unrealistisch und lässt ihn von einem nicht zimperlichen Polizisten verhören. Die Rückblenden erlauben es dem Zuschauer, hineingezogen zu werden in ein Leben voller Drehungen und Wendungen und dem Ziel, die eine Liebe zu finden.

Was „Slumdog Millionär“ zu einem Knüller von Film macht, ist die Summe verschiedenster Aspekte. Die Aufsteigergeschichte vom Laufburschen aus den Slums von Mumbai zum Rupienmillionär fungiert als Oberthema, die Beantwortung jeder Frage ist an einen bestimmten Lebensabschnitt und ein wegweisendes Ereignis im Leben des jungen Muslims Jamal Malik (Dev Patel) geknüpft. Raffiniert hierbei ist, wie Boyle und sein Drehbuchautor Simon Beaufoy („Ganz oder gar nicht“) sich für diese Sequenzen stilistisch bei so unterschiedlicher Genres wie Jugenddrama, Schelmenstück oder Gangstergeschichte bedienen.

Neben dieser erzählerischen Bandbreite beeindruckt „Slumdog Millionär“ durch seine Farbigkeit, sein Tempo, die schnellen Kamerafahrten und Schnitte ebenso wie ein dem Film Sogkraft gebender Soundtrack. Der ständige Wechsel zwischen dem Glamour der Quizshow – Anil Kapoor exzellent zwischen Schlange und Gönner changierendem Quizmaster – und der harten Realität vom Überleben in der Millionenstadt zeigen eine im Aufstieg begriffene Welt. Die Extreme zwischen Unten und Oben, Arm und Reich mögen vielleicht manchmal etwas überzeichnet wirken, an den Tatsachen ändert das aber nichts. Wenn gezeigt wird, wie Mädchen aus den Slums zur Prostitution gezwungen, Kinder zum Betteln gedrillt und getrimmt oder Renditen versprechende Neubauten auf dem Grund von Armenvierteln gebaut werden, dann erweist sich „Slumdog Millionär“ auch als eine universell gültige Geschichte, die ebenso in Mexico City oder Rio de Janeiro spielen könnte. 

Der Schauplatz Indien aber erlaubt es Boyle, sich optisch in Exotik à la Bollywood zu ergehen. Kitsch wird hier tunlichst vermieden, um das ein oder andere Klischee freilich kommt auch „Slumdog Millionär“ nicht umhin. Störend aber ist das nicht. Vielmehr gelingt es Boyle, wie 2002 schon Fernando Mireilles im stilistisch verwandten „City of God“, die Charakteristika des indischen Kinos mit den Erzählmitteln des europäischen Kinos zu verknüpfen. Dies geschieht auch auf musikbegleitender Ebene durch indisch-asiatische Kompositionen von A.R. Rahman (das Time-Magazin tituliert ihn bereits als den „Mozart von Madras“), der 80er-Jahre Hindi-Filmmusik mit modernen R&B-Songs, etwa der indo-britischen Sängerin M.I.A., vereint.

So schwelgerisch „Slumdog Millionär“ in seiner Optik und Wirkung ist, sein Held ist und bleibt ein durchweg stiller, sympathischer Außenseiter – ganz im Unterschied zu dessen auf die schiefe Bahn geratenden und damit ein typisches Kleingangsterschicksal erlebenden Bruders Salim (Madhur Mittal). Dev Patel spielt den durchaus an Oliver Twist erinnernden Jungen zurückhaltend, bringt die ihm aufgrund vieler schlechter Erfahrungen innewohnende distanzierte, immer aber hellwache Haltung trefflich auf den Punkt. Unglaublich an dieser Geschichte, ihrer Märchenhaftigkeit aber durchaus entsprechend, ist letztlich auch, dass Jamals Motivation sich gar nicht an den Quizmillionen orientiert, sondern er sich von der Teilnahme an der Ratesendung aufgrund deren hoher Einschaltquoten erhofft, die von ihm geliebte Jugendfreundin Latika (Freida Pinto) würde ihn auf diese Weise im Fernsehen sehen und beider Wege wieder zueinander finden. Sie tun es auch. Gleichwohl holt einen das wie ein Thriller erzählte Finale dieser faszinierend erzählten und ergreifenden Geschichte vom individuellen Glück schnell auch wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Thomas Volkmann

 

Slumfilme sind in westlichen Kinos sehr beliebt. Egal ob es die Gangster in Rio in „City of God“ oder die Kriminellen in Johannesburg in „Tsotsi“ waren, fiebrig inszenierte, mit fetziger Musik unterlegte Geschichten aus den Ghettos der zweiten oder dritten Welt zeigen dem westlichen Zuschauer eine fremde Welt, die er auch auf Rucksackreisen mit dem Lonely Planet unter dem Arm, nicht zu Gesicht bekommt. Dass die Geschichten, die dabei erzählt werden, mit der Realität der Slums kaum etwas zu tun haben, sie vielmehr oft pure Wunschvorstellung sind, stört dabei nicht. Einen jungen Gangster, der wie in „Tsotsi“ durch den unbeabsichtigten Fund eines Babys zu einem besseren Menschen wird, ist angesichts der Brutalität des Lebens in den südafrikanischen Slums lachhaft. Andererseits ist natürlich auch ein deutscher Film wie „Das Leben der Anderen“ mit seinem menschelnden Stasi-Beamten reine Fantasie. Was diese Filme verbindet ist die Vorstellung des Kinos als Traumfabrik, in der die Welt nicht gezeigt wird wie sie ist, sondern so, wie man sich bei einem zweistündigen Ausflug ins Kino wünscht, dass sie wäre. 

Dass „Slumdog Millionaire“ mit der Realität des Slumlebens in Mumbai also nur oberflächliche Ähnlichkeiten hat, kann nicht verwundern. Was Danny Boyle zusammen mit seiner indischen Co-Regisseurin Loveleen Tandan und seinem Drehbuchautor Simon Beaufoy hier erzählt, ist eine eskapistische Fantasiegeschichte, wie sie Bollywood heute noch und Hollywood früher erzählt hat. Im Kontext einer westlichen Gesellschaft würde die anrührende Geschichte eines Jungen, der früh zum Waisen wird und sich mit eigener Kraft aus den Abgründen der Slums befreit, vermutlich als reaktionärer Revisionismus bezeichnet werden. Im Kontext eines aus westlicher Sicht exotischen, fremden Landes wie Indien dagegen kann man sie noch ungebrochen erzählen. 

Wie groß die Sehnsucht nach dieser Art von märchenhafter Geschichte ist, in der das Gute über das Böse siegt, zeigt sich in der überschäumenden Begeisterung, die „Slumdog Millionaire“ seit seiner Premiere beim Festival in Toronto entgegenschlägt. Amerikanische Kritiker bedenken ihn mit elogischen Hymnen, er gewinnt reihenweise Kritikerpreise und gilt als großer Favorit auf den Oscar als Bester Film.

Ohne Frage ist „Slumdog Millionaire“ hervorragend gemacht. Die Geschichte springt mitten in die Endphase der „Wer wird Millionär“-Sendung, in der Jamal kurz vor der Millionenfrage steht (Die in Indien die 20-Millionen Rupie Frage ist, umgerechnet etwa 300000 Euro). Gleichzeitig befindet er sich auf einer Polizeistation, in der er wegen Betrugs verhört wird, einem Kind aus den Slums, eben einem Slumdog, wird nicht zugetraut, dass es so viel weiß. In Rückblenden wird nun das Leben Jamals geschildert, wie er mit seinem Bruder Salim im Slum aufwächst, die Mutter von Hindus getötet wird und die Brüder fast in die Hände von Menschenhändlern geraten. Dort lernen sie auch die liebreizende Latika kennen, die Jamals große Liebe und sein Lebenssinn wird. Dass alles ist mit schwereloser Handkamera gefilmt, mit der Boyles Stammkameramann Anthony Dod Mantle das umtriebige Leben im Slum in farbgesättigte Bilder einfängt. Mit Verve und Chuzpe gelingt es Jamal sich langsam nach oben zu arbeiten, als Fremdenführer oder Handyverkäufer ein wenig Geld zu verdienen, während sein Bruder Salim sich und seine Seele an einen Gangster verkauft. Dass Schicksal, dessen leitende Kraft immer wieder beschworen wird, führt alle drei Figuren im Finale zusammen, an dessen Ende das Happy End steht, auf dass der Film vom ersten Moment an hinarbeitete. 

Ob der Erfolg des Films, der sich sicherlich auch in Deutschland einstellen wird, mit seiner grundlegend positiven Einstellung zusammenhängt, die in Zeiten von Kriegen und Finanzkrise eine willkommene Abwechslung ist, sei dahingestellt. Dass „Slumdog Millionaire“ aber keineswegs ein realistischer Film über die unvorstellbaren Bedingungen in einem indischen Slum ist, sondern ein westlicher Blick auf eine fremde Welt, sollte man beim Kinobesuch nicht vergessen.

Michael Meyns

Bombay. Eine Stadt, wie man sie sich brodelnder nicht vorstellen kann. Modernste prächtige Bauten, aber auch schier unübersehbare Slums. In letzteren leben die Kinder Jamal, Salim und Latika wie hunderte anderer Straßenkinder. Sie existieren vom Betteln, vom Singen, vom Wühlen im Müll. Die muslimische Mutter von Jamal und Salim ist bei einem Überfall fanatischer Hindus erschlagen worden.

Verbrecher rauben junge Waisen, richten sie zum Betteln ab, scheuen sich nicht, sie zu blenden, damit sie beim Betteln größeres Mitleid erregen.

Latika wird entführt. Sie muss später einem Gangster als Ehefrau dienen.

Jamal und Salim schlagen sich durch: als falsche Reiseführer, als Hilfskräfte, als Diebe. Die beiden Brüder sind charakterlich sehr verschieden. Salim landet bald in der Illegalität, Jamal kommt besser durch, wird sogar ein Star der indischen Version von „Wer wird Millionär?“ Doch der Neid des Moderators ist nicht weit. Er lässt Jamal sogar verhaften, verhören und foltern.

Der hat seine junge Liebe zu Latika nie vergessen. Einen großen Teil seines Lebens verwendet er darauf, die Verschwundene zu suchen.

Wie in einer harten, ja grausamen Umwelt Kinder erwachsen werden müssen, das ist das Hauptthema. In einer kunstvollen Montage werden immer wieder Kindeserlebnisse und Erwachsenenschicksale der drei Protagonisten miteinander verwoben. Eine beachtliche Leistung des Cutters.

Und was für eine Regie von Danny Boyle! Was für ein szenischer Reichtum! Was für ein Fühlbarmachen eines Landes wie Indien und einer Stadt wie Bombay! Was für eine ereignisreiche Drehbuchvorlage! Es stimmt, was mehrfach gesagt wurde: „Slumdog Millionär“ ist eine künstlerisch bemerkenswerte filmische Explosion. Und natürlich hagelte es schon Oscars.

Thomas Engel