Widerstaendigen, Die – Zeugen der Weißen Rose

Wiederholt schon hat die Stuttgarter Dokumentarfilmerin Katrin Seybold sich mit Themen des Widerstands und der Verfolgung während der Zeit des deutschen Nationalsozialismus befasst. Für ihr jüngstes Werk ließ sie sich besonders viel Zeit. Die ersten Interviews mit Zeitzeugen aus dem Umfeld der Weißen Rose führte sie bereits im Jahr 2000. Praktisch aus erster Hand wird dieses mutige und bewegende Kapitel nationalsozialistischen Widerstands noch einmal aufgerollt – leise, aber dafür umso beeindruckender.

Webseite: www.basisfilm.de

Deutschland 2000 – 2008
Regie: Katrin Seybold
Dokumentarfilm
Länge: 92 Minuten
Verleih: Basis-Film Verleih GmbH
Kinostart: 29.1.09

PRESSESTIMMEN:

…auf film-zeit.de

FILMKRITIK:

Wenn in der Vergangenheit die Geschichte der Weißen Rose fürs Kino aufgearbeitet und aufbereitet wurde, dann dienten neben den bekannten historischen Fakten meist auch die Vernehmungsprotokolle der Gestapo und die Akten des Volksgerichtshofs als maßgebliche Quelle für die Rekapitulation der Ereignisse. Katrin Seybold lässt nun einige jener zu Wort kommen, die direkt oder indirekt 1943 an der Verteilung der von Hans Scholl, Alexander Schmorell und Professor Kurt Huber verfassten Flugblätter gegen den Eroberungs- und Vernichtungskrieg der Nationalsozialisten beteiligt waren, bzw. davon wussten.  

120 Stunden an Material hat Katrin Seybold im Laufe ihrer Recherchen gesammelt. Verdichtet hat sie die unkommentiert für sich stehenden Aufnahmen auf 92 Minuten. In denen wird man förmlich aufgesogen von den Erinnerungen der Zeitzeugen, waren sie nun unmittelbar beteiligt an den Aktionen wie Hans Scholls damalige Freundin Traute Lafrenz-Page, Hans Hirzel und seine Schwester Susanne Zeller-Hirzel, Franz J. Müller (Ehrenvorsitzender der Weiße-Rose-Stiftung) und Heiner Guter oder mittelbar durch verwandtschaftliche Verhältnisse wie etwa Birgit Weiß-Huber, die damals zwölfjährige Tochter von Professor Huber. Durch ihre Aussagen werden die Taten der Widerstandsbewegung lebendig und gegenwärtig, ohne dass sich die Zeitzeugen aber mit ihren Erinnerungen brüsten würden.

In der Montage kommt Katrin Seybold – sie bezeichnet sich selbst als Komplizin des Gedächtnisses anderer – mit wenigen historischen, teilweise bislang unveröffentlichten Fotografien aus dem Fundus der Interviewten aus. Aus Archiven hat sie darüber hinaus Aufnahmen der an der Verurteilung und am Prozess beteiligten Gestapo-Leute, Richter und Henker aufgetrieben. Wichtiger noch als all diese Porträtbilder und Ansichten einzelner Schauplätze sind die Zeugnisse jener, die ganz offen über ihre Erinnerungen, Gefühle, Ängste und Taten sprechen dürfen und so ein höchst authentisches Bild vom Widerstand der Weißen Rose jenseits historisierender Fakten geben. Subjektiv manchmal und auch nicht ohne ein gewisses Maß an Sentimentalität und Trauer, sicherlich, aber doch mit einem Gefühl für das, was den Geist und das Wesen eines Widerständigen, bis heute zu seinen Ansichten und Taten stehenden Menschen ausmacht. Ihnen, selbstverständlich aber auch den Ermordeten der Weißen Rose, setzt dieser fesselnde Film ein Denkmal, fragt indirekt aber auch den Zuschauer zu seiner Haltung hinsichtlich Zivilcourage und politischem Engagement, nicht nur in Zusammenhang mit den Gräueln des Nationalsozialismus.

Wenn am Ende die biederen Gesichter der Vollstrecker der Nazidiktatur gezeigt werden, von denen nach Ende des Nationalsozialismus einzig der die Flugblattverteilung an die Gestapo meldende Hörsaaldiener Jakob Schmid zur Verantwortung gezogen und verurteilt wurde, der Rest teilweise aber unbehelligt Karriere machen konnte, dann wird einmal mehr wieder klar, dass das Verlangen nach Gerechtigkeit von weit mehr abhängt als Widerstand und Edelmut. In diesem Sinne sind dieser engagierten und voller persönlicher Bekenntnisse steckenden Dokumentation interessante Gespräche im Anschluss an die Kinovorstellungen zu wünschen.

Thomas Volkmann

Zur Zeit läuft im Kino die „Operation Walküre“, der Film über das Stauffenberg-Attentat gegen Hitler vom 20. Juli 1944. In den USA scheint sich dadurch die Erkenntnis stärker zu verbreiten, dass es doch einen tapferen Widerstand von Militärs und Politikern gegen die Nazis gab. Neben den Männern des 20. Juli arbeiteten gegen Hitler etwa auch der „Kreisauer Kreis“ oder die „Rote Kapelle“ und natürlich die „Weiße Rose“, von der dieser Dokumentarfilm handelt.

Katrin Seybold hat ein gutes Dutzend Zeugen befragt, die damals zwischen 1941 und 1943 Mitwisser, Helfer und Mitangeklagte der Geschwister Scholl waren. Also nicht irgendwer, sondern Geschwister, Lebensgefährten, Freunde oder auch beispielsweise die Tochter von Prof. Kurt Huber, der wie Sophie Scholl, Hans Scholl, Christoph Probst, Alexander Schmorell, Willi Graf und andere im Laufe des Jahres 1943 von den Nazis ermordet wurden.

Ausführlich wird berichtet: über religiöse Motive des Widerstandes; über die geistige und politische Untermauerung dieser Verschwörung; über deren organisatorische Seite; über die Angst vor dem Entdecktwerden; über den trotzigen Mut der Geschwister Scholl; über deren die Gewaltherrschaft und die Verbrechen des NS-Regimes anprangende Flugblätter; über die Rechtfertigung des Tyrannenmordes; über die Verhaftungen, Prozesse und Hinrichtungen; über die letzten Worte der Ermordeten; und auch darüber, was aus den Richtern, ihren Helfern und Henkern wurde.

„Die Widerständigen“ ist ein bewegendes und verdienstvolles Dokument. Aus den Erzählungen beispielsweise des seinerzeit erst im Abituralter stehenden Mitverschwörers Hans Hirzel und seiner Schwester werden zudem Details bekannt, die der Allgemeinheit bisher sicherlich nicht sehr geläufig waren. Die Regisseurin Katrin Seybold hat – von der menschlichen Tragik der Opfer einmal abgesehen – einen politisch wie geschichtlich wichtigen Film geschaffen, der der heutigen Spaßgesellschaft in mehr als einer Hinsicht ein Fanal sein könnte.

Thomas Engel