Ein Geheimnis (Un Secret)

„Wenn man von Opfern aus der Nazi-Zeit spricht, hat man oft den Eindruck, dass es sich dabei nicht um normale Menschen wie du und ich handelt: Menschen, die Liebesgeschichten erlebt und Leidenschaft erfahren haben.“ (Claude Miller)
In seiner Verfilmung des Bestsellers von Philippe Grimbert erzählt Claude Miller außerordentlich klug und berührend davon, wie eine alltägliche Liebesgeschichte im besetzten Frankreich zum dunklen, schuldbeladenen Geheimnis einer Familie wird.

Webseite: www.ein-geheimnis.de

Frankreich 2007
Regie: Claude Miller
Buch: Claude Miller und Natalie Carter nach dem gleichnamigen Roman von  Philippe Grimbert
Kamera: Gérard de Battista
Musik : Zbigniew Preisner
Darsteller : Cécile de France, Patrick Bruel, Ludivine Sagnier, Julie Depardieu
Schnitt, Postproduktion: René Perraudin
Länge: 100 Minuten
Verleih: Arsenal Filmverleih
Startermin: 18.12.2008

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Ein Geheimnis“ ist ein kompliziertes Gebilde. Schicht um Schicht legt Claude Miller Rückblenden über Rückblenden und Erzählebene über Erzählebene um das Geheimnis einer Familie, ein Trauma aus der Besatzungszeit. Die Erzählung beginnt in den 50er Jahren. Der siebenjährige François Grimbert leidet darunter, den hohen Anforderungen seiner Eltern nicht gerecht werden zu können. Die Mutter Tania ist begeisterte Schwimmerin, Turmspringerin und Ex-Model, der Vater Maxim Ringer und Athlet. Nur François ist mager und ungeschickt und versagt an den Ringen ebenso, wie am Schwimmbecken. Am liebsten flüchtet er zu Louise, der alleinlebenden jüdischen Bekannten seiner Eltern, die nebenan einen Massagesalon hat.

 

Der Film scheint zunächst François’ Perspektive einzunehmen, aus der die Welt der Erwachsenen dunkel und undurchschaubar aussieht. Hier spricht niemand je darüber, wie sich die Eltern in den Kriegstagen kennen gelernt haben, oder warum der Vater so allergisch reagiert als François einen imaginären Bruder erfindet. Es dauert eine ganze Weile, bis sich herausstellt, dass es gar nicht der kleine François ist, der erzählt, sondern der mittlerweile erwachsene François, der sich an seine Jugend erinnert. Daran, wie fremd er sich als Kind in seiner Familie gefühlt hat. Und daran, wie Louise ihm wenige Jahre später, nachdem er in der Schule einen Jungen wegen antisemitischer Sprüche verprügelt hat, endlich das Geheimnis offenbart, das sein Familienleben überschattet..

Jetzt erst, im zweiten Drittel, in der Erinnerung von François an die Erzählung von Louise, findet „Ein Geheimnis“ zu seinem eigentlichen Anliegen. Unterbrochen von Szenen aus den 50er, 60er und 80er Jahren erzählt der Film in leuchtenden Bildern die Geschichte von Maxims erster Ehe inmitten einer jüdischen Großfamilie, von François’ Bruder Simon, von dessen Existenz er nichts wusste, und davon, wie Maxim und Tania damals im Exil zusammengefunden haben.  Die Liebesgeschichte seiner Eltern ist weniger romantisch und makellos, als sich das der kleine François immer vorgestellt hatte, aber sie ist auch nicht außergewöhnlich – wäre sie nicht im besetzten Frankreich passiert, auf dem Höhepunkt der Judenverfolgung.  So aber ist das Eheglück seiner Eltern und letztlich auch seine eigene Existenz unauflöslich verknüpft mit dem Trauma von Flucht und Deportation.

Ähnlich wie die Romanvorlage, die Ereignisse der Gegenwart in der Vergangenheitsform und die Vergangenheit in der Gegenwartsform schildert, wird „Ein Geheimnis“ umso farbenfroher, umso tiefer der Film in die Vergangenheit eindringt. Die Gegenwart dagegen hat Miller in Schwarz-Weiß gefilmt. Die komplizierte Konstruktion und die Umwege, die der Film nimmt, bevor er bei einer kleinen, alles entscheidenden Begebenheit in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts ankommt, erscheinen dabei nur auf den ersten Blick mühsam und umständlich. Sie erzählen davon, wie die ‚unschuldigen’ Gesten, Blicke und Geschichten von damals heute nur noch gebrochen durch das Wissen, die psychischen Verwerfungen und die Geheimnisse der Überlebenden und der Nachgeboren gesehen werden können. Ein kluger Film, der einem bei aller Distanziertheit das Herz bricht.
 
Hendrike Bake

Am Schluss dieses Films spielt eine kleine Szene auf einem Tierfriedhof. Er befindet sich in unmittelbarer Nähe des Anwesens von Pierre Laval, jenes französischen Vichy-Premierministers, der für vieles verantwortlich ist, was in dieser Familienchronik an Tragischem passiert.

Auf drei Ebenen spielt sich alles ab: zur Zeit des Zweiten Weltkrieges, 1955 und in der Gegenwart.

1936-1943. Ein kleinbürgerlicher jüdischer Clan in Paris: Hannah und Maxime, die Nachbarin Louisa, die schöne Tania, mit dem Bruder von Hanna liiert, verschiedene andere wie Eltern, Geschwister, Cousins, Cousinen, Onkel, Tanten. Hannah und Maxime heiraten. Bald ist der kleine Simon da. Er wird eine Sportskanone. 

1955. Tania, die Spitzenschwimmerin, ist mit ihrem Sohn François im Schwimmbad. François ist entgegen den Wünschen seines Vaters Maxime sportlich nicht besonders tüchtig. Überhaupt ist das Verhalten des Jungen problematisch. Er wird von Albträumen geplagt, ist psychisch empfindlich, bildet sich einen imaginären größeren Bruder ein, scheint an einem Geheimnis zu nagen.

Gegenwart. Maxime ist alt geworden. Durch einen Unfall verliert er seinen Hund. Es schmerzt ihn. Aber ist das alles, was ihn schmerzt? Nein. Ihn lässt auch seine Schuld aus der Vergangenheit nicht los.

Wieder 40er Jahre. Die Nazis verfolgen alle Juden nicht nur in Deutschland und anderswo, sondern auch in Frankreich. Die französischen Kollaborateure unter der Vichy-Regierung betreiben das verbrecherische Geschäft mit. Hannah, Maxime, Louisa und Tania wissen, dass sie in der nicht von den Deutschen besetzten Zone Frankreichs wahrscheinlich sicherer sind. Also wird alles für den illegalen „Grenzübertritt“ vorbereitet, das nötigste Gepäck, die falschen Papiere. Im letzten Augenblick weigert Hannah sich mitzukommen. Ihr ist bewusst geworden, dass sich zwischen ihrem Maxime und Tania, deren Mann im Krieg ist, etwas angebahnt hat. 

Das „Geheimnis“, d.h. die ein Unglück auslösende Verbindung seiner Eltern Maxime und Tania, erfährt François von Louisa. All dem liegt eine wahre Begebenheit zugrunde.

Mit großer Sensibilität für die Charaktere sowie das Tun und Lassen der Hauptpersonen, mit sicherer Hand für die Beschreibung der einzelnen geschichtlichen Epochen, mit einem dramaturgisch gekonnten Überblick über das Geschehen des zugrunde liegenden Romans – konzentrierte Aufmerksamkeit ist vonnöten! -, mit glänzenden Milieuzeichnungen, mit wachrufender Erinnerung an diese jüdische Familie, mit Herzblut und Schmerz über die geschilderte Tragik hat Regisseur Claude Miller diesen Film geschaffen. Es ist ein ebenso trauriges wie schönes Werk geworden, an dem man als Kinozuschauer stärksten Anteil nimmt.

Natürlich trugen neben den Drehbuchautoren ( Claude Miller selbst und Natalie Carter), dem Kameramann und der Cutterin auch die Darsteller viel zum Gelingen bei: Cécile de France als sich wandelnde Tania, Patrick Bruel als sich in Schuld verstrickender Maxime, Ludivine Sagnier als enttäuschte, den Tod wählende Hannah, Julie Depardieu als mit beiden Beinen im Leben stehende Louisa und Mathieu Amalric als von der Wahrheit getroffener François – vor allem bekannt durch seine sensationelle Leistung in „Schmetterling und Taucherglocke“.

Thomas Engel