Ein Leben fuer ein Leben – Adam Resurrected

Basierend auf dem bereits Ende der sechziger Jahre erschienen Roman von Yoram Kaniuk, wagt sich diese deutsch-israelische Koproduktion an die schwierige Frage, ob Überlebende des Holocaust das ihnen zugefügte Leid jemals werden verarbeiten können. Den trotz seines düsteren Sujets durchaus hoffnungsvollen Film inszenierte Paul Schrader. In der Hauptrolle stellt Jeff Goldblum seine in der Vergangenheit nicht immer geforderten schauspielerischen Qualitäten unter Beweis. Er ist es auch, der das ehrgeizige Projekt am Ende rettet.

Webseite: 3l-film.de

Adam Resurrected
USD/D/ISR 2008
Regie. Paul Schrader
Drehbuch: Noah Stollman nach dem Roman „Adam Hundesohn“ von Yoram Kaniuk
Musik: Gabriel Yared
Jeff Goldblum, Willem Dafoe, Ayelet Zurer, Derek Jaconi, Jochaim Król, Hana Laslo, Veronica Ferres, Idan Alterman, Tudor Rapiteanu
Laufzeit 102 Minuten
Verleih: 3L
Kinostart: 19.2.2009

PRESSESTIMMEN:

…auf film-zeit.de

FILMKRITIK:

Adam Stein (Jeff Goldblum) ist ein gefeierter Kabarett-Star im Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre. Doch mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten ziehen für den jüdischen Clown und Zauberer dunkle Zeiten herauf. Schließlich werden auch er und seine Familie in ein Konzentrationslager verbracht. Um dort zu überleben, lässt sich Adam vom Lagerkommandanten Klein (Willem Dafoe) tagein, tagaus erniedrigen und wie ein folgsamer Hund an der Leine herumführen. Auf Zuruf macht er das, was von ihm verlangt wird, selbst wenn er dadurch seine Existenz als Mensch verleugnen muss. Dass er trotz allem seine Familie nicht retten kann, wird zu einem Trauma, das ihn Zeit seines Lebens verfolgen soll.

Nach dem Krieg zieht es Adam in das Land seiner Vorfahren. Mitten in der israelischen Wüste wurde dort für Überlebende des Holocaust ein Sanatorium errichtet, das den verletzten und traumatisierten Seelen als letztes Refugium dient. Unter der Leitung des erfahrenen Psychiaters Dr. Nathan Gross (Derek Jacobi) werden den Patienten verschiedenen Therapieformen zur Bewältigung ihrer unvorstellbar schmerzhaften Vergangenheit angeboten. Adam zeigt sich nur allerdings bedingt empfänglich für derartige Hilfeleistungen. Er zieht es vor, der uneingeschränkte Star seiner eigenen Show zu sein. Dabei hält er die Pfleger und anderen Patienten mit immer neuen Tricks, grotesken Spielereien sowie zahlreichen Ausbruchsversuchen auf Trab. Nicht nur, dass er bisweilen offen die Kompetenz des Fachpersonals anzweifelt, zu der ihm wohl gesonnenen Krankenschwester Gina (Ayelet Zurer) unterhält Adam überdies eine ganz besondere Beziehung. In bizarren Rollenspielen vermischen sich seine Erlebnisse als menschlicher Schoßhund mit sexuellen Fantasien von Dominanz und Unterwerfung.

Für Regisseur Paul Schrader bedeutet die Verfilmung des viel beachteten Romans von Yoram Kaniuk die erste Auseinandersetzung mit dem auch im Kino nach wie vor präsenten Holocaust-Thema. Schrader, der bislang vor allem als Drehbuchautor komplexe, in sich widersprüchliche Charaktere wie Travis Bickle erschuf, hat es auch hier mit einem schillernden, nicht selten egozentrischen Selbstdarsteller zu tun. Von Jeff Goldblum mit einer bemerkenswerten Umsicht und beinahe gläsernen Zerbrechlichkeit verkörpert, ist dieser Adam Stein ein zu gleichen Teilen lebenshungriger wie gebrochener Melancholiker, der nicht vergessen kann, durch welche Hölle er einst gehen musste. Der (jiddische) Humor ist lange Zeit sein einziger Begleiter und der eigentliche Grund, weshalb er vielleicht überhaupt noch am Leben ist.

Der Alltag im Sanatorium ist alles, nur nicht alltäglich. Und dennoch zeichnet der Film ein Bild, das sich kaum von jenem unterscheidet, das „Einer flog übers Kuckucksnest“ bereits vor über drei Jahrzehnten als psychiatrischer Mikrokosmos im Kino etablierte. Verschrobene Charaktere wie der in sein Alphorn vernarrte Arthur (Idan Alterman) kennt man zur Genüge. Gerade in der recht schematischen Zeichnung vieler Nebenfiguren und ihrem überdrehten Humor zeigen sich erkennbar Drehbuchschwächen. Noah Stollmans Adaption mangelt es darüber hinaus an einer klaren Linie. Die meiste Zeit über springt „Ein Leben für ein Leben“ ziellos zwischen Adams Aufenthalt im Sanatorium und den authentisch fotografierten Aufnahmen aus dem Lager hin und her. Und so ist es Goldblum, der den vor allem zum Ende hin mit Symbolen überfrachteten, viel zu kopflastigen Film mit seiner stillen Darbietung vor dem endgültigen Scheitern bewahrt.

Marcus Wessel

Die Aufarbeitung der nazistischen Holocaust-Verbrechen wird noch lange dauern. Hier ist ein weiterer filmischer Beitrag dazu. Und zwar geht es nicht um die Schilderung dessen, was den Gefangenen und Ermordeten in den KZs angetan wurde, sondern um die Bewältigung der Traumata im Nachhinein. Yoram Kaniuk hat dazu bereits 1969 den vieldiskutierten Roman „Adam Hundesohn“ geschrieben, der jetzt von einem israelischen und einem deutschen Produzenten verfilmt wurde.

Berlin 20er, 30er Jahre. Adam Stein ist in der „Reichshauptstadt“ Unterhalter, Zauberer, Komiker. Er hat Erfolg. Seine Frau und seine Tochter arbeiten mit.

SS-Schergen kommen. Stein dürfe nicht mehr auftreten, weil er Jude sei.

Nicht lange danach wird die Familie deportiert. Frau und Tochter sind von nun an verschollen. Auf dem Gefangenentransport wird Stein vom SS-Untersturmführer Klein wiedererkannt und von ihm zu seiner Aufmunterung verpflichtet. Adam muss nicht nur Geige spielen, sondern lange Zeit einen Hund markieren gleich Kleins Schäferhund. So rettet er sein Leben.

Nach dem Krieg finden wir ihn in einem in der israelischen Wüste gelegenen Institut, in dem von KZ- und Todesschrecken heimgesuchte psychisch Kranke geheilt werden. Stein lebt dort ein von verworrenen Gedanken, komischen Versuchen, leidenschaftlicher Liebe zur Krankenschwester Gina, philosophischen Gesprächen mit dem Institutsleiter beherrschtes Leben. Das Wichtigste aber: Er findet in dem Heim ein als Hund lebendes Kind, das er mit großen Mühen in ein normales Leben zurückführen kann – und es für sich selbst ebenso schafft.

Ein aus vielen disparaten Elementen zusammengesetzter, oft irritierender, aber nützlich-notwendiger, insgesamt bedenkenswerter Film der Hollywood-Ikone Paul Schrader, der der Vergangenheitsbewältigung sowie der deutsch-israelischen Versöhnung und Freundschaft dienen kann. Erstaunlich die Schauspielerleistung von Jeff Goldblum als Adam Stein. Er trifft durchgehend die Balance zwischen verwirrendem Lebensabschnitt, Tragik, Komik und komplizierten Beziehungen zu seiner Umgebung. So etwas wie ein künstlerischer Durchbruch.

Und alles in allem ein Film, der wegen seines Themenkreises berücksichtigt werden sollte.

Thomas Engel