El bano del papa – Das große Geschäft

Als er hört, dass  der Papst nach Melo in Uruguay kommt, hat der kleine Schmuggler Beto eine wunderbare Geschäftsidee. Er wird ein Luxusklo bauen und von den 50.000 erwarteten Besuchern Geld kassieren. Basierend auf wahren Tatsachen erzählt DAS GROßE GESCHÄFT eine Parabel über Medien-Massen-Hysterie und den Traum vom großen Geld, bei der nicht nur die vielen Fahrräder an die Meisterwerke des italienischen Neorealismus erinnern.

Webseite: www.kairosfilm.de

Uruguay 2007
Regie + Buch: Enrique Fernández, César Charlone
Kamera: César Charlone
Schnitt: Gustavo Giani
Darsteller: César Troncoso, Virginia Méndez, Virginia Ruiz, Nelson Lence, Alex Silva, Baltasar Burgos
Länge: 98 Minuten
Spanische Originalfassung mit deutschen Untertiteln
Verleih: KAIROS Film
Startermin: 11.12.2008

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Melo, eine Kleinstadt in Nordost-Uruguay, nahe der brasilianischen Grenze. Jeden Tag macht sich ein Trupp von Radfahrern auf die 60 km lange Strecke nach Brasilien um Batterien, Lebensmittel, Alkohol oder Möbelstücke über die Grenze zu schmuggeln. Es ist ein harter Weg und ein mühsames Geschäft und wenn man Pech hat, konfisziert der Zoll nicht nur die Schmuggelware sondern auch das dringend benötigte Fahrrad. Sehnsüchtig sieht der dünne Beto immer wieder den schwer bepackten Motorrädern hinterher, die an den Fahrradschmugglern vorbei brausen.

 

Dann passiert ein Jahrhundertereignis. Der Papst kommt nach Melo. Die Medien prognostizieren 50.000 Besucher aus dem Nachbarstaat Brasilien. Täglich berichten die angereisten Fernsehteams, wie sie sich die Bewohner Melos auf den Ansturm vorbereiten wollen. Da werden ganze Rinder verwurstet und Häuser verpfändet, um mit Essensständen das große Geld zu machen. Die Träume wachsen ins Unermessliche. Und auch Beto hat eine Idee, die sein Motorrad finanzieren könnte, ein Geschenk für Carmen und vielleicht – aber das kommt ziemlich weit hinten auf seiner Liste – das Studium in der Hauptstadt, dass sich seine Tochter Silvia so sehr wünscht. Er beschließt, ein öffentliches Klo für die Papstbesucher zu errichten.

Enrique Fernández und César Charlone kennen ihre Protagonisten. Authentisch und detailliert erzählen sie, wie Beto sein ambitioniertes Bauvorhaben, das Material, Arbeitskraft und Carmens gut gehütete Haushaltskasse verschlingt, in die Tat umsetzt. Jeder Stein muss mühsam mit Extraschichten, Verpflichtungen und Stress in der Familie bezahlt werden. Immer wieder macht Beto die Ochsentour über die Grenze auf dem klapprigen Herrenrad. Und schließlich hilft nur noch ein Pakt mit dem „Teufel“, um die letzten Hürden zu schaffen.

Das Fahrrad als geliebt-gehasstes, unverzichtbares Arbeitsmittel nimmt in DAS GROßE GESCHÄFT eine ähnlich dominante Rolle ein, wie in Vittorio de Sicas neorealistischem Klassiker FAHRRADDIEBE. Und auch sonst erinnert Vieles in dem uruguayanischen Oscarbeitrag 2008 an die Filme der italienischen Neorealisten. Die Aufmerksamkeit der beiden Regisseure für die Lebens- und Arbeitswelt ihrer Protagonisten gehört dazu, ebenso wie ihre ungeschönten aber von Sympathie getragenen Porträts und die so schlicht wirkenden, wunderschön komponierten Bilder von César Charlone, der bereits mehrfach für Fernando Mereilles (CITY OF GOD, DER EWIGE GÄRTNER) Kamera führte.

Hendrike Bake

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1988 besuchte Papst Johannes Paul der II. auf einer seiner vielen Auslandsreisen auch die Kleinstadt Melo, an der Grenze von Uruguay zu Brasilien. Regisseur Enrique Fernández, der aus Melo stammt, baut um die Versuche der Bewohner, aus dem Papst Besuch Kapital zu schlagen, eine gelungene Tragikomödie, die trotz einer auf den ersten Blicks zotigen Handlung – dem Bau einer Toilette – vor allem durch leise Töne überzeugt.

Melo ist ein verschlafenes Nest im Nordosten Uruguays, unweit der Grenze zu Brasilien. Hier lebt Beto zusammen mit seiner Frau Carmen und der Tochter Silvia in ärmlichen Verhältnisse. Ihre Hütte ist reine Improvisation, die Zukunft der Tochter sieht grau aus, man lebt von der Hand in den Mund. Als Schmuggler verdient Beto mühsam seine Pesos. Mit dem Fahrrad fährt er über die Grenze nach Brasilien, kauft billig ein und hofft auf der Rückfahrt nicht von der Zollbehörde angehalten zu werden. Doch nun weht ein Hoffnungsschimmer durch das Dorf. Ein Besuch des Papsts steht an und mit ihm das Versprechen auf gigantische Besuchermassen. 50.000, 100.000 gar 200.000 Besucher erwarten die Bewohner und überbieten sich in Geschäftsideen. Allein dem Zuschauer ist von Anfang an bewusst, dass die Bewohner einem Irrglauben hinterher rennen, dass ihre Hoffnungen aufs schnelle Geld bald der Enttäuschung weichen werden. Auch Beto hat eine Idee: Bei so vielen Besuchern werden sicher viele das Bedürfnis nach Erleichterung verspüren und eine Toilette brauchen. Die will er in seinem Vorgarten bauen und damit das, nun ja, große Geschäft machen. Wie er nun in geradezu quichotischer Manier versucht eine Toilette zu bauen, Geld für eine schöne Kloschüssel zusammenzubekommen und sich immer mehr verrennt, ist der rote Faden des Films und doch längst nicht alles. Abseits dieses nicht unbedingt überraschend verlaufenden Haupterzählstrangs, schneidet der Film andere Themen an. Betos Tochter Silvia etwa bemüht sich, ihrem Traum von einem besseren Leben näher zu kommen. Sie will in die Stadt ziehen und Reporterin werden, beobachtet deshalb besonders aufmerksam die Fernsehteams, die sich in Melo einfinden und den Hype um den Papst-Besuch noch anfachen. Leicht könnte hier ebenso eine Kritik an der Oberflächlichkeit der Medien festmachen, wie am Papst-Besuch selbst, eine Kritik an der Kirche. Die findet zwar hehre Worte für die Armen der Welt im Allgemeinen und die von Melo im Besonderen, doch nach einer Rede und ein paar Fotos mit den lokalen Honoritäten ist der Papst schnell wieder weg, während sich an der Armut nichts geändert hat. Doch diese Subtexte bleiben dezent im Hintergrund, ebenso wie die Familienverhältnisse und nicht immer einfachen Beziehungen zwischen weißen und schwarzen Uruguayern.

Eine ähnliche Zurückhaltung hätte man sich auch von den Bildern gewünscht, doch hier zeigt sich der Einfluss von Produzent Fernando Meirelles etwas zu deutlich. Verbindungsglied ist César Charlone, der bei Meirelles „City of God“ die Kamera machte und hier als Co-Regisseur und Kameramann fungiert. Doch die extrem gesättigten Farben, verkannteten Einstellungen und rasanten Schnitte, die bei der Ghetto-Saga noch einen gewissen Sinn hatten, wirken in dieser eher bedächtigen, eben tragikomischen Geschichte fehl am Platz. Es wirkt als hätten die Macher der Substanz ihrer Erzählung nicht vertraut und versucht sie mittels knalliger Bilder aufzuwerten. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen, denn „El bano del papa“ ist auch so ein vielschichtiger, sehenswerter Film.

Michael Meyns