Eine fatale Entscheidung

Schlicht und ergreifend schildert Frankreichs neues Talent Xavier Beauvois („Die Frau des Chefs“, „Vergiss nicht, dass du sterben wirst“) den Polizeialltag in Paris. Ein Thema ist das kurze Leben eines jungen Polizisten. Aber weder ein Fall, noch die Aufklärungsarbeit, noch die Charaktere stehen im Vordergund, sondern der Wunsch nach realer Darstellung der Kriminalistenarbeit. Alles ist Nebenhandlung. Ein betont zurückhaltender und doch nachhaltiger Film.

Webseite: www.arsenalfilm.de

Le petit Lieutenant
Frankreich 2005
Regie: Xavier Beauvois
Darsteller: Nathalie Baye, Jalil Lespert, Roschdy Zem, Antoine Chappey, Jacques Perrin, Xavier Beauvois
Preise: „Cesár 2006“ als Beste Schauspielerin für Natalie Baye; „Label Europa Cinemas“ auf den Filmfestspielen Venedig 2005
Länge: 110 Min.
Verleih: Arsenal Filmverleih
Kinostart: 6.7.2006

PRESSESTIMMEN:

Nathalie Baye hat gerade ihren vierten César, den französischen Oscar gewonnen. Mit ihrer Rolle in dem packenden Polizeikrimi "Eine fatale Entscheidung", die sie so wunderbar nunanciert spielt, dass man Szenenapplaus spendieren möchte… Ein Thriller, der ohne falsche Dramatik aus dem Alltag eines Polizeireviers berichtet, intelligent und sehr spannend.
Brigitte

Der weniger an äußerer Spannung und Verrätselung interessierte Film zeichnet präzise und unspektakulär den polizeilichen Alltag, lotet die Psychologie der ambivalenten Figuren aus und prangert in kritischen Untertönen latenten Rassismus, Sexismus und soziale Fehlentwicklungen an. In der Hauptrolle hervorragend gespielt, überzeugt er zudem durch den nahezu dokumentarischen Blickwinkel der Kamera.
film-dienst

Ein streng komponierter, lakonischer Polizeifilm und zugleich eine präzise Milieustudie.
Der Spiegel

Ein Polizeifilm im besten traditionellen Sinne, angesiedelt inmitten der Cité von Paris.
Filmecho

FILMKRITIK:

In der langen Exposition verfolgt die Kamera die feierliche Vereidigung der  Gesetzeshüter aus luftiger Höhe. Wie blaue Ameisen marschieren die neuen Polizisten und Politessen auf, demonstrieren ihren Stolz und ihr Zugehörigkeitsgefühl. Der Blick fällt auf Antoine (Jalil Lespert, der Journalist aus dem Mitterand-Porträt „Le Promeneur du champ de Mars“). Mit seinen großen Augen wird er das Küken im rauhen Betrieb der Kriminalpolizei sein. Er erlebt den Rassismus, dem seine Kollegen (Roschdy Zem, Antoine Chappey) ausgesetzt sind, wohnt Schießübungen und Autopsien bei: „Lungen, Leber und Herz lagen auf dem Tisch, wie beim Metzger. Ich dachte an Mozart. Wie kann soetwas Musik komponieren?“

 

 

Antoine wollte unbedingt  in die Großstadt. „Im zweiten Pariser Bezirk passieren 80 Prozent der Verbrechen. Hier sind es höchstens nur zwei Morde pro Jahr“, erklärt er seiner Verlobten, die er im Heimatort in der Normandie zurücklässt. Als er das erste Mal mit Tatü-Tata durch die Stadt rast, jubelt er vor kindlicher Freude über seine neue Machtposition. Auf der Wache erlebt er eine neue Zeitrechnung. Ganz normale Menschen verrichten ihren meist unspektakulären Dienst, offenbar erleben sie mehr  im Privatleben als bei der Arbeit. Zu der gehören derzeit die Morde an Clochards, die Auseinandersetzung mit der Russenmafia und mit illegalen Einwanderern.

Xavier Beauvois schafft schnell eine vertraute Atmosphäre. Fast zärtlich beobachtet er die Schüchternheit und Verlegenheit. Er drehte mit echten Polizisten und echten Obdachlosen, ließ sie wie auch seine Darsteller improvisieren. Alles an diesem Film ist betont unspektakulär: die Gesichter, Szenerien, Bildausschnitte, Figuren und die Handlung. Was erst spät auffällt: Es gibt in diesem Film keinerlei untermalende oder begleitende Musik.

Antoines Vorgesetzte, Kommissarin Vaudieu (Nathalie Baye, „Die Frau des Chefs“), die vor 20 Jahren ihren Sohn verlor, nimmt am gleichen Tag wie er die Arbeit auf. Nach mehrjährigem Alkoholentzug kehrt sie in den Dienst zurück. Antoine ist für sie wie ein Sohn. Irgendwann unterhalten sich die zwei über ihre Motive für die Polizeiarbeit. Sie sagt: „Ich bekomme nie genug von der Straße und vom Gin Tonic“. Er antwortet: „Man weiß nie, was passiert. Aber ich habe wohl zuviele Filme gesehen“. Sicherlich nicht diesen.

Der Film plätschert dahin, droht zu ermüden, will sich nicht festlegen, sucht Nähe, hält aber dann doch Abstand zu seinen Figuren, lässt viele Enden offen. Erst im letzten Drittel entwickelt sich eine Art Handlung, eine Schuld-und-Sühne-Geschichte im kleinen Format. Antoine und sein Kollege suchen einen Russen, der vermutlich für den Mord eines Obdachlosen verantwortlich war. Während der Kollege in eine Bar geht, macht sich der übereifrige Antoine alleine auf den Weg, wird niedergestochen und fällt ins Koma. Kommissarin Vaudieu und ihre Kollegen, alle von zermürbenden Schuldgefühlen über diesen „Dienstunfall“ heimgesucht, führen die Ermittlungen nun noch stringenter weiter bis zu einem Showdown in Nizza. Im letzten Bild ist das offen fragende Gesicht von Natalie Baye zu sehen.

Fünf Mal war der Film für den französischen Nationalpreis „César“ nominiert, aber nur Nathalie Baye wurde ausgezeichnet. Der ambitionierte Xavier Beauvois , Jahrgang 1967, ging zur Vorbereitung zwei Monate lang mit einem Kommissar auf Streife. „Ich wollte weder ein Buch noch eine Geschichte als Vorlage haben. Meine Inspiration sollte aus dem realen Leben kommen. Mein Film soll in 50 Jahren ein Zeugnis vom Geruch und Geschmack der Gesellschaft seiner Zeit sein.“ Für das heutige Publikum könnte er  zur Geduldsprobe werden. Vielleicht auch deshalb, weil in dem Genre des Polizeithrillers keine anteilnehmende Beobachtung an der Tagesordnung ist.

Dorothee Tackmann