Einsamkeit der Primzahlen, Die

Wer sich nicht scheut, in das verstörende Leben zweier verwundeter Seelen abzutauchen, wird die gleichnamige Literaturverfilmung des italienischen Bestsellers „Die Einsamkeit der Primzahlen“ als Parabel auf die schmerzhafte Suche nach Geborgenheit und Liebe schätzen. Besonders die ausgezeichneten Darsteller, allen voran der hochbegabte Shootingstar Alba Rohrwacher, machen das passagenweise etwas spröde Melodram von Regisseur Saverio Costanzo über zwei Außenseiter zwischen Nähe und Distanz sehenswert.

Webseite: primzahlen-derfilm.de

Italien / Deutschland / Frankreich 2010
Regie: Saverio Costanzo
Darsteller: Alba Rohrwacher, Luca Marinelli, Arianna Nastro, Vittorio Lomartire, Martina Albano, Isabella Rossellini
Drehbuch: Saverio Costanzo, Paolo Giardano
Kamera: Fabio Cianchetti
Länge: 118 Minuten
Verleih: NFP Filmverleih
Kinostart: 11.08.2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Sag mir dein Geheimnis“, bettelt Dennis seinen neuen Klassenkameraden Mattia (Vittorio Lomatire) im Biologiesaal an, „ sag mir was du mit deinem Arm gemacht hast.“ Da schneidet dieser sich vor den Augen des Mitschülers mit einem Seziermesser tief in die Hand. Der hoch intelligente und sensible Junge lässt niemanden an sich heran. Um den bohrenden Schmerz in seinem Inneren zu betäuben, verletzt Mattia sich immer wieder. Schuldgefühle prägen sein Leben. Grund: Als achtjähriger ließ er seine autistische Zwillingsschwester Michela allein im Park zurück. Das Mädchen verschwand. Mattia, dessen Mutter (Isabella Rosselini) ihm die Verantwortung für seine Schwester aufbürdete, wollte nur zum Geburtstagsfest seines Freundes.

Seitdem verbringt Mattia, der sich nur in der Mathematik richtig zuhause fühlt, seine Schulzeit als Außenseiter. Bis er im Gymnasium auf Alice (Arianna Nastro) trifft. Auch sie entwickelte sich zur Einzelgängerin, die von ihren Mitschülerinnen gnadenlos gehänselt wird. Alice hinkt seit einem Skiunfall in ihrer Kindheit, für den ihr ehrgeiziger Vater verantwortlich ist. Mit dem demütigendem Bewusstsein, ein Krüppel zu sein, tritt sie ins Leben ein. Das junge Mädchen lehnt ihren Körper ab. In der Pubertät straft sie sich mit Magersucht. Die beiden Jugendlichen erkennen einander als Seelenverwandte, die jeweils an ihrem traumatischen Geheimnis leiden. Ihre Freundschaft bleibt freilich platonisch.
Gemeinsam versuchen sie verzweifelt ihrer traumatischen Vergangenheit zu entfliehen.

Auch später, im Erwachsenenalter, führen Alice (Alba Rohrwacher) und Mattia (Luca Carelli) ihre Beziehung fort. Aber es existiert trotzdem eine Distanz zwischen ihnen, die sie nicht überwinden können. Ähnlich wie bei den Primzahlenzwillingen, die ganz dicht in der Zahlenreihe nebeneinander stehen und doch keine Verbindung zueinander haben. Das Gefühl, füreinander bestimmt zu sein, bleibt. Besonders Alba ergreift immer wieder die Initiative in dieser gescheiterten Wahlverwandtschaft, um den menschenscheuen Mattia, der zum Studium nach Deutschland geht, nahezukommen.

Das subtile Drama um Einsamkeit und Entsagung begleitet das Erwachsenwerden seiner Protagonisten zwar stimmig. Selbst die Kinder- und Jugenddarsteller, speziell Arianna Nastro, beeindrucken. Anfangs springt der Film jedoch häufig zwischen den Zeitebenen hin und her, die sich nicht immer sofort erschließen. Lange Rückblenden führen dabei zurück in Kindheitstraumata. Das Konzept der nicht linearen Erzählweise war sicher eine der großen Herausforderungen für den Schnitt. Bereits der Schreibstil des jungen italienischen Bestsellerautors Paolo Giordano gleicht dieser Kinoästhetik. Sein preisgekrönter Roman verkaufte sich in Italien bisher über eine Million Mal und erschien in mehr als 40 Ländern. Die Geschichte seiner beiden Helden Alice und Mattia von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter erzählt der 28jährige Physiker aus Turin immer abwechselnd und speziell für besonders charakteristische Momente.

Dennoch lebt Regisseur Saverio Costanzos sorgsam inszenierte und nuanciert gespielte Leinwandadaption von der inneren Zerrissenheit seiner Protagonisten und ihrer Schuldgefühle. Nach seinem sehr dichten Vorgängerfilm „In memoria di me“ gelingt es dem eigenwilligen Soziologen, durch streckenweise unruhige Handkamerabilder, geringe Tiefenschärfe und Schwarzblenden die seelischen Verletzungen und Schmerzen seiner Hauptfiguren sichtbar zu machen. Besonders Alba Rohrwacher in der Rolle der gebeutelten Heldin Alice überzeugt. Die zarte und zugleich intensive Mimik des 30jährigen italienischen Shootingstars („I Am Love“, „Was will ich mehr“, „Tage und Wolken“), verblüfft regelrecht. Die hellblonde Tochter einer Italienerin und eines Deutschen aus Florenz magerte erschreckend ab und verlor zehn Kilo, um die Hauptfigur authentisch zu verkörpern. Bei aller in CinemaScope-Format eingefangenen Tristesse glimmt am Ende doch der Hoffnungsschimmer einer nicht gänzlich unerfüllten Liebe am Horizont.

Luitgard Koch

Alice hat als Kind einen Skiunfall, nicht von ihr verschuldet, sondern eher, weil ihr Vater sie immer auf die Piste zwang. Seither humpelt sie, und weil ein paar Schulkameraden böse sind, wird sie gehänselt und gemobbt. Die sich auf ihr ganzes Leben auswirkenden Spuren bleiben nicht aus.

Mattia ist sehr begabt, hat jedoch eine Zwillingsschwester, Michela, die geistig behindert ist. Also hat Mattia die Aufgabe, die Schwester zu behüten. Das schränkt sein Leben ein, er wird einsiedlerhaft, eigenbrötlerisch.

Gut, dass Alice mit der lebens- und unternehmungslustigen Viola eine Freundin hat, die ihr zeigt, wie „leben“ geht. Alice muss auf eine Party einen Begleiter mitbringen. Sie wählt Mattia aus.

Beide sind schüchtern, es kommt nicht zu dem erwarteten Kuss. Von da an fühlen sich die beiden verbunden, gelangen aber äußerlich nicht zusammen. Jahrelang.

Mattia hat einen Augenblick lang, in dem er allein sein wollte, nicht auf Michela aufgepasst. Seither ist sie verschwunden. Mattias seelische Lage wird dadurch noch schlimmer. Alice ging es nicht besser. Sie hat eine offenbar gescheiterte Ehe hinter sich.

Alice schreibt an den in der Ferne weilenden Mattia: „Du musst sofort kommen.“ Er tut es. Ihre Verbundenheit ist unbeeinträchtigt geblieben.

Sie sind zwei Königskinder, „die konnten zusammen nicht kommen“. Diese schmerzliche, bis zum Pathologischen reichende, brutale Trennung, dieses unergründliche Nicht-zusammen-sein-Können wird in dem Film mit viel Feingefühl vor Augen geführt.

Dem stillen leidvollen Innern steht ein filmischer Furor gegenüber: gute Bilderwelt, rasante Handlungsteile auf drei unterschiedlichen Zeitebenen, ausgeklügelte schwierige Dramaturgie, gute Stimmungs- und Milieuzeichnung, ein paar formale Exzentrizitäten, Surreales nicht ausgeschlossen.

Wie Alba Rohrbacher ihre Alice spielt – bis zur Selbstaufgabe und (filmischen) Magersucht –, ist bewegend. Eine künstlerische Tat. Luca Marinelli ist ein glaubhafter Mattia. Sogar Isabella Rosselini ist in einer Nebenrolle mit dabei.

Zwei schmerzliche getrennte und doch eng verbundene Menschenschicksale.

Thomas Engel